Trend aus dem 19. Jahrhundert

Fußball und Glaube – deshalb wächst das "Muskel-Christentum" wieder

Veröffentlicht am 25.06.2026 um 15:09 Uhr – Lesedauer: 

Köln ‐ Zurück zu alten Rollenbildern? Das Wiedererstarken des "Muskel-Christentums" sorgt im Fußball für Debatten. Die Religionswissenschaftlerin Nina-Clara Tiesler erklärt die Entwicklung.

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Disziplin, Männlichkeit, Glaube – Religionswissenschaftlerin Nina-Clara Tiesler beobachtet ein Wiedererstarken des "Muskel-Christentums". Wie die Wissenschaftlerin vom Institut für Religionswissenschaft der Leibniz-Universität Hannover am Donnerstag im Deutschlandfunk-Interview sagte, verbindet der aus dem 19. Jahrhundert stammende Trend Fitness mit christlichem Glauben und Disziplin.

Viele junge Männer im globalen Fußball konvertieren laut Tiesler aktuell zu christlichen Bewegungen, die unter dem Schlagwort "Ballers in God" (BIG) Jesus über den medienöffentlichen Sport bekannt machen wollen. "Das läuft parallel. Das ist attraktiv für junge Männer, die nach Disziplin, Struktur und Sinn suchen", sagte die Religionswissenschaftlerin.

Das passe ins Bild der seit etwa 15 Jahren sozialwissenschaftlich untersuchten Krise der Männlichkeit: Heute zählten wieder starke Körper. Und gerade im Profifußball gehe es auch um "körperliche Performance". "Und für das Mindset ist es unglaublich entlastend, wenn ich auf meinen Glauben vertraue, wenn von den Schultern des Individuums bei diesem Leistungsdruck ein wenig Last genommen wird", sagte Tiesler.

Glaube gegen Menschenrechte?

Kritiker bezeichnen die Kontakte von "Ballers in God" zu charismatischen Gruppierungen als problematisch und sehen in einzelnen Aussagen fundamentalistische Tendenzen. In anderen Ländern würden religiöse Gesten oder Gebete beim Fußball gar nicht groß wahrgenommen, sagt die Wissenschaftlerin. Das sei eine Frage der Perspektive. Die Emotionalität in Deutschland entsteht laut Tiesler dann, wenn die Zurschaustellung von Religiösem ein Maß überschreitet, das die deutsche Öffentlichkeit sich für die Sichtbarkeit von Religion wünscht. "Oder wenn es politisch oder missionarisch wird", ergänzt sie.

In Deutschland werde es grenzwertig, wenn religiöse Bekenntnisse mit Menschenrechten kollidieren, wenn es zum Beispiel um Homophobie oder Transfeindlichkeit gehe: "Hier in Deutschland haben die Fans lange darum gekämpft, dass Homophobie und Rassismus im Fußball keinen Platz haben. Und wenn man sich dann als seinen Glaubensinhalt dahingehend äußert, dass jemand, der homosexuell ist, nicht in den Himmel kommen kann, dann steht Religionsfreiheit gegen Menschenrechte." Das sehe die Öffentlichkeit dann als politisch an. (KNA)