"Viele Grauschattierungen": Kardinal Faulhaber und sein Tagebuch
Ein historisches Langzeitprojekt ist nach zwölf Jahren abgeschlossen: Die vom Münchner Kardinal Michael von Faulhaber 42 Jahre lang geführten Besuchstagebücher liegen nun in einer kritischen Edition vollständig online vor. Sie umfasst 10.729 Einträge von 1911 bis 1952. Zum Projektabschluss laden die Forscher am 29. Juni in die Katholische Akademie Bayern nach München ein.
Die Historiker charakterisieren Faulhaber als machtbewussten Kirchenfürsten, politischen Vordenker, hochgelehrten Theologen und internationalen Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vom Ende des Kaiserreichs über die Weimarer Republik und die NS-Herrschaft bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik. Der Kardinal habe keinen Streit gescheut, wenn es um die Interessen der Kirche ging. Umstritten sei er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im "Dritten Reich".
Öffentlich zum Holocaust geschwiegen
Der stellvertretende Projektleiter Matthias Daufratshofer spricht mit Blick auf die in den Tagebüchern zum Vorschein kommende Person von "vielen Grauschattierungen". Während der Revolution 1918 habe Faulhaber Todesangst gelitten, schreibt der Forscher in der aktuellen Ausgabe des katholischen Magazins "innehalten" der Erzdiözese München und Freising.
Sichtbar werde "ein Alttestamentler, der in antisemitischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb und gleichzeitig Mitglied der Vereinigung 'Amici Israel' war". Diese setzte sich 1928 für die Reform der Karfreitagsfürbitte für die "perfiden Juden" im katholischen Gottesdienst ein. Faulhaber habe von den "Euthanasie"-Morden an psychisch Kranken und Behinderten gewusst und öffentlich zum Holocaust geschwiegen, sich aber im Verborgenen für getaufte Juden eingesetzt und Kontakte zum deutschen Widerstand gepflegt.
Die vom Münchner Kardinal Michael von Faulhaber 42 Jahre lang geführten Besuchstagebücher liegen nun in einer kritischen Edition vollständig online vor.
Eine Herausforderung bestand darin, die von Faulhaber genutzte Kurzschrift Gabelsberger auf mehr als 4.000 Tagebuchseiten zu entziffern. Sie wird heute nur noch von wenigen beherrscht. Die Online-Edition gibt die Einträge in einer lesbaren Transkription wieder und ermöglicht über Fotos einen Abgleich mit dem Original.
Der Kirchenmann beginnt seine Aufzeichnungen nur wenige Tage nach seiner Einführung als Bischof in Speyer 1911. Er hält schriftlich fest, wann er sich mit wem getroffen hat und was besprochen wurde. Ab 1917 gibt er die Inhalte seiner Unterredungen ausführlicher wieder. Außerdem enthalten seine Notizen Informationen zum politischen, sozialen und religiösen Leben sowie über Befindlichkeiten und Meinungen des Kardinals. Faulhaber traf jedes Jahr bis zu 1.000 Personen, darunter zwei Päpste und zwei Reichskanzler, einen US-Präsident, Vertreter des bayerischen Königshauses sowie Deutschlands ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Quelle für weitere Forschungen
Auf Beiblättern mit einem Umfang von bis zu vier Seiten notierte der Kirchenmann detailliertere Überlegungen zu wichtigen Themen, Vorkommnissen und Gesprächen. Ein Teil davon ist nicht datiert und muss über den Inhalt den Tagebucheinträgen zugeordnet werden. Diese Arbeit ist noch nicht ganz erledigt. Bisher wurden mehr als 300 Beiblätter in Faulhabers Nachlass aufgefunden, 178 sind publiziert.
Die Edition soll weitere Forschungen ermöglichen. Neue Erkenntnisse erhoffen sich die Historiker vor allem zum Verhältnis von Religion und Politik sowie zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien.
