Bekannter Dominikaner

Auf zu neuen Ufern: Warum Pater Max als Missionar nach Peru geht

Veröffentlicht am 09.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 
Auf zu neuen Ufern: Warum Pater Max als Missionar nach Peru geht
Bild: © privat

Berlin ‐ Pater Max Cappabianca verlässt nach fast zehn Jahren Berlin und geht für seinen Orden als Missionar nach Peru. Der bekannte Dominikaner über Abenteuerlust, Zweifel am Missionsbegriff und die Suche nach Heimat.

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Sich mit Pater Max Cappabianca zu treffen, ist in diesen Tagen nicht leicht. Zwar lebt der Dominikaner offiziell noch im Institut Marie-Dominique Chenu seines Ordens im beliebten Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Tatsächlich war er dort in den vergangenen Monaten aber nur selten anzutreffen. Mal war er in Valencia, um sein Spanisch aufzubessern. Und gleich mehrfach in Italien, um seiner Mutter, die einst der ersten Gastarbeitergeneration in Deutschland angehört hatte, nach fast 60 Jahren in Frankfurt am Main bei ihrer Rückkehr in ihre neapolitanische Heimat zu helfen.

Es sind Reisen, die sinnbildlich für eine Lebensphase des Um- und Aufbruchs stehen. Nach fast neun Jahren als Studentenpfarrer in Berlin verlässt Cappabianca Ende Juli die deutsche Hauptstadt, um für seinen Orden als Missionar nach Peru zu gehen. Dort wird er in Quillabamba arbeiten, einer 30.000-Einwohner-Stadt im Süden des Landes, am Übergang von den Anden zum Amazonasgebiet. Von dort aus betreuen die Dominikaner Dutzende Gemeinden in den Bergen und im Urwald. "Im November werde ich 55", erzählt Cappabianca beim Treffen mit katholisch.de in Berlin. "Ehrlich gesagt wollte ich noch einmal etwas richtig Verrücktes machen." Der Abenteueraspekt spiele dabei durchaus eine Rolle. "In den Dschungel zu gehen, macht nun wirklich nicht jeder."

Der Kern von Seelsorge

Cappabiancas Schritt dürfte dennoch für viele Menschen überraschend kommen. Denn der Dominikaner gehört sicher zu den bekanntesten Ordensleuten Deutschlands. Viele Katholiken kennen ihn von Fernsehübertragungen aus dem Vatikan, als Kommentator großer Gottesdienste oder als Moderator der Verkündigungssendungen "So gesehen" und "So gesehen – Talk am Sonntag" bei Sat.1. Über Jahre war er dadurch eines der öffentlich sichtbaren Gesichter der katholischen Kirche in Deutschland.

Im Hauptberuf prägte er bis vergangenen Sommer jedoch fast ein Jahrzehnt lang die katholische Hochschulseelsorge in Berlin. Als Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein begleitete er Studierende durch eine prägende Lebensphase. Manche kamen als Erstsemester in die Gemeinde, andere eher zum Ende ihres Studiums. "Das ist der Kern von Seelsorge", sagt Cappabianca. Menschen über längere Zeit zu begleiten, ihre Fragen, Krisen und Hoffnungen kennenzulernen. Die Jahre in Berlin seien intensiv gewesen – und manchmal auch anstrengend. "Ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte."

„In einer oft als gottlos beschriebenen Umgebung habe ich immer wieder Gott gefunden.“

—  Zitat: Pater Max Cappabianca über seine Zeit in Berlin

2018, am Anfang seiner Berliner Zeit, sagte er in einem katholisch.de-Interview, dass man in der Bundeshauptstadt als Christ "nackt" dastehe. Gemeint war die besondere Situation der Hauptstadt: eine Stadt, in der christlicher Glaube kaum gesellschaftliche Selbstverständlichkeit besitzt. Heute blickt er differenziert auf diese Erfahrung zurück. Berlin sei eine Stadt voller Widersprüche, sagt er. Da seien Einsamkeit, Leistungsdruck und Wohnungsnot. Viele Menschen hätten das Gefühl, nicht zu genügen. Gleichzeitig habe er gerade hier überraschende Erfahrungen gemacht. Immer wieder habe er Menschen getroffen, die Hoffnung ausstrahlten, die authentisch glaubten oder sich in schwierigen Situationen gegenseitig unterstützten. "In einer oft als gottlos beschriebenen Umgebung habe ich immer wieder Gott gefunden."

Den Abschied von Berlin nimmt er dennoch bewusst in Kauf. Vermissen werde er vor allem die Menschen, seine Mitbrüder und die kulturelle Vielfalt der Hauptstadt. "Man geht vor die Tür und ist sofort mittendrin", sagt er. "Allein die drei Opernhäuser sind fantastisch."

Neben der Seelsorge prägte lange Zeit auch die Medienarbeit seinen Alltag. Während viele Menschen in Deutschland nie einen katholischen Gottesdienst besuchen, begegneten sie Cappabianca im Fernsehen. Das galt besonders für seine kurzen Beiträge bei Sat.1, die oft nur eine Minute dauerten.

Doppelbelastung aus Hochschulseelsorge und Medienarbeit

Gerade diese Kürze habe die Arbeit anspruchsvoll gemacht, sagt er heute. In einer Minute etwas Sinnvolles über den Glauben zu sagen, sei oft viel schwieriger als eine Viertelstunde zu predigen. Wichtig sei ihm dabei immer gewesen, aktuelle Themen aus einer christlichen Perspektive zu beleuchten, ohne den Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken hätten. "Ich wollte nie jemand sein, der anderen sagt, wie sie katholisch zu sein haben." Manche hätten ihm vorgeworfen, zu wenige eindeutige Positionen zu beziehen. Er selbst sieht darin eher eine Stärke. Oft sei es hilfreicher, Fragen zu stellen, als vorschnelle Antworten zu liefern.

Dass er nun auch diese öffentliche Rolle hinter sich lässt, empfindet er nicht als Verlust. Die Doppelbelastung aus Hochschulseelsorge und Medienarbeit sei schon beachtlich gewesen. Außerdem glaubt er, dass neue Gesichter neue Perspektiven mitbringen. Ganz aus der Medienwelt verabschieden wird er sich vermutlich ohnehin nicht: Die Dominikaner betreiben in Peru mehrere Radiostationen, bei denen seine Erfahrungen gefragt sein könnten.

Bild: ©katholisch.de/stz (Archivbild)

Pater Max Cappabianca OP war fast neun Jahre Hochschulseelsorger in Berlin.

Auslöser für den Wechsel nach Südamerika war ein weltweiter Aufruf seines Ordens. Für das Apostolische Vikariat Puerto Maldonado im peruanischen Amazonasgebiet wurden dringend Brüder gesucht. Die Dominikaner betreuen das Gebiet seit mehr als hundert Jahren. Viele der dort tätigen Missionare sind inzwischen hochbetagt, Nachwuchs fehlt. Cappabianca meldete Interesse an. Sein Provinzial schickte ihn vergangenes Jahr zunächst für mehrere Wochen probeweise nach Peru. Dort lernte er die Situation vor Ort kennen – und die dortigen Brüder lernten ihn kennen. Am Ende waren beide Seiten überzeugt.

Was ihn künftig erwartet, ist weit entfernt vom Berliner Großstadtalltag. Von Quillabamba aus fahren die Dominikaner regelmäßig zu Gemeinden in den Bergen und im Dschungel. Oft geht es stundenlang über schlechte Straßen. Manche Orte sind nur schwer erreichbar. Gottesdienste, Katechesen, Beichten, Bildungsangebote und soziale Projekte gehören dort zum Alltag. Später könnte Cappabianca selbst in eine abgelegene Missionsstation wechseln. Neben der Seelsorge spielen dort Entwicklungsprojekte eine wichtige Rolle. Die Dominikaner haben in der Region über Jahrzehnte Schulen aufgebaut und sich am Ausbau des Gesundheitswesens beteiligt.

"Ich werde immer ein Fremder bleiben"

Trotz aller Vorfreude sieht Cappabianca seinen künftigen Auftrag nicht unkritisch. Schon während seines ersten Aufenthalts in Peru begann er, über den Missionsbegriff nachzudenken. "Ich werde immer ein Fremder bleiben", sagt er. Er sei weder Peruaner noch Angehöriger einer indigenen Gemeinschaft. Deshalb stelle sich für ihn die Frage, was Mission heute überhaupt bedeuten könne.

Die Antwort fällt differenziert aus. Bei seinem Aufenthalt im vergangenen Jahr habe er in abgelegenen Regionen des Amazonas Menschen getroffen, die eigene spirituelle Traditionen pflegen. Gleichzeitig erlebte er eine Gesellschaft im rasanten Wandel. Selbst dort, wo es keinen Stromanschluss und keine Wasserversorgung gibt, seien inzwischen Handys und Internet verbreitet. Satellitentechnik und Solarpaneele bringen die digitale Welt bis in die entlegensten Dörfer. "Da frage ich mich schon: Welche Rolle spiele ich in diesem Prozess?", sagt er. Die Geschichte christlicher Mission sei immer auch eine Geschichte kultureller Veränderungen gewesen – oft gewaltsam im Kontext des Kolonialismus. Deshalb beschäftigt ihn die Frage, wie Glaubensverkündigung gelingen könne, ohne andere Lebenswelten zu überformen.

Mission bedeutet für ihn jedenfalls nicht, Menschen etwas zu verkaufen oder ihnen Wohlstand zu versprechen. Kritisch blickt er auf Formen religiöser Verkündigung, die Erfolg und Reichtum in Aussicht stellen. Stattdessen gehe es ihm zunächst darum, zuzuhören. Besonders die spirituellen Traditionen des Amazonasraums und der Anden faszinieren ihn. Wer dort als Missionar arbeite, müsse zuerst lernen und verstehen, sagt er. Erst dann könne ein Gespräch über den christlichen Glauben beginnen. "Ich glaube weiterhin, dass Jesus und das Evangelium eine befreiende Botschaft haben."

„Ich gehe nach Hause – nur eben nach Peru.“

—  Zitat: Pater Max Cappabianca

Beeindruckt haben ihn vor allem die Missionare, die er in Peru kennengelernt hat. Manche leben seit Jahrzehnten unter einfachsten Bedingungen. Dennoch seien sie voller Begeisterung und würden von den Menschen vor Ort geschätzt. "Da habe ich nicht den Konquistador gesehen", sagt Cappabianca. "Sondern Menschen, die Beziehungen aufgebaut haben, die beide Seiten verändert haben."

Vielleicht fällt ihm dieser Blick auch deshalb leicht, weil Fremdheit und kulturelle Vielfalt seit jeher Teil seiner eigenen Geschichte sind. Cappabianca wurde 1971 in Frankfurt am Main als Sohn italienischer Gastarbeiter geboren. Das Leben zwischen verschiedenen Kulturen war für ihn von Anfang an selbstverständlich. Später führten ihn Studium, Ordensleben und kirchliche Aufgaben in verschiedene Länder und bis in den Vatikan. "Das Fremde hat mich immer fasziniert", sagt er. Gerade in einer Zeit, in der viele gesellschaftliche Debatten von Angst und Abschottung geprägt seien, halte er diese Erfahrung für wichtig. "Man verliert sich nicht selbst, wenn man den anderen in seiner Andersartigkeit wertschätzt."

"Ich gehe nach Hause – nur eben nach Peru"

Auch die Rückkehr seiner Mutter nach Italien hat seinen Blick auf die Zukunft verändert. Als Einzelkind habe ihn die Frage beschäftigt, wer sich um sie kümmern werde, wenn er nach Peru geht. Die Entscheidung seiner Mutter, nach Neapel zu ihrer Familie zurückzukehren, habe ihn deshalb spürbar entlastet.

Und doch wirkt der bevorstehende Abschied für ihn weniger wie ein Ende als wie der Beginn eines neuen Kapitels. Was Heimat für ihn bedeutet? Die Antwort fällt überraschend einfach aus. "Der heilige Paulus sagt: Unsere Heimat ist im Himmel." Ganz konkret aber habe er seine Heimat auch im Dominikanerorden gefunden. Ob in Berlin, Rom, Singapur, Alaska oder künftig in Peru: Wenn er einen Dominikanerkonvent betrete, fühle er sich sofort zu Hause. Deshalb gehe er Ende Juli eigentlich auch nicht in die Fremde, sagt Cappabianca. "Ich gehe nach Hause – nur eben nach Peru."

Von Steffen Zimmermann