Wie wichtig ist die Präsenz auf Social Media für die Kirche?

Man muss heutzutage auf Social Media präsent sein. Das ist ein Satz, den man nicht nur in weltlichen Unternehmen immer wieder hört, sondern auch in der Kirche. Die einen freuen sich darüber, dort kreativ zu werden, andere empfinden es nur als nervigen Zusatzaufwand und denken, man sollte sich lieber auf die Gemeindearbeit fokussieren. Und selbst, wenn man sich einig ist, dass Social-Media-Präsenz dazugehört und es sicherlich herausragende Positivbeispiele gibt, wird in vielen Pfarreien das Thema weiterhin stiefmütterlich behandelt. Viele Seelsorgeeinheiten haben keine Ressourcen dafür. Also wird nebenbei alle paar Wochen mal ein Bild gepostet – oder man lässt es gleich ganz. Wie wichtig ist es also, hier mehr zu investieren? Kann man durch Social Media wirklich Menschen bewegen, wieder in die Kirche zu kommen? Stirbt die Kirche ohne Social Media gar ganz aus?
Holger Sievert ist Professor für Kommunikationsmanagement und forscht unter anderem zum Thema Kirche und Digitalisierung. Er sagt, dass die Kirche beim Thema Social Media rund 10 bis 15 Jahre hinterherhinkt. "Die Kirche verschenkt bei Social Media gerade viele Kontaktmöglichkeiten." Und diese wären wichtig für die Kirche. Konstant hohe Kirchenaustritte, weniger kirchliche Sozialisation im Elternhaus, Ethik statt Religionsunterricht. Der sonntägliche Kirchgang? In den meisten Familien längst nicht mehr selbstverständlich.
Wenn Jugendliche und Kinder nicht mehr durch ihr direktes Umfeld an die Kirche herangeführt werden, wie kann man sie dann erreichen? Marisa Grummich ist Referentin in der Berufungspastoral und beim Diözesanpastoralrat des Erzbistums Paderborn und gibt zusammen mit ihrer Kollegin Eva Gutschner (die im Bistum Osnabrück tätig ist) auf dem Instagramaccount "um.gotteswillen" Einblicke in ihr Leben als junge Christin. "Wenn man tatsächlich gar nicht mit dem Glauben aufwächst und das in der Familie überhaupt nicht stattfindet und man dann keine sozialen Medien hätte, kann es höchstens sein, dass man im Studium durch Hochschulgemeinden zum Glauben kommt", sagt sie. "Aber komplett ohne Social Media an junge Menschen heranzukommen ist richtig schwierig." Freunde, der Katholikentag oder der Religionsunterricht könnten laut Sievert weiterhin Offline-Möglichkeiten für den Kontakt zum Glauben sein. Doch auch der Kommunikationswissenschaftler fände es "grob fahrlässig" die Möglichkeiten der Plattformen nicht zu nutzen.
Junge Menschen ohne Social Media zu erreichen, ist schwierig.
Sievert und Grummich betonen aber beide, dass die reine Präsenz auf Social Media noch nicht reicht, um Menschen wieder näher ans Christentum zu bringen: "Social Media kann eine sehr wichtige ergänzende Komponente sein, weil Menschen gerade durch institutionelle Seiten oder noch mehr durch christliche Influencer die Chance bekommen, regelmäßig in ihrem Alltag Kontakte zu religiösen Inhalten zu haben. Ich glaube aber nicht, dass Glaubensvermittlung per se ausschließlich online passieren kann. Es geht letztlich um eine hybride Zukunft, wenn man Menschen erreichen und auch im Dialog sein will", so Sievert.
So ein hybrides Format könne zum Beispiel Veranstaltungen beinhalten, in die man sich auch digital einwählen kann. "Ich glaube aber, wir sind da noch ganz am Anfang, was das Internet eigentlich möglich machen kann", denkt Grummich und betont, dass man diesen Weg aktiv mitgehen müsse, um ihn mitzugestalten. Sievert schlägt außerdem ergänzend Formate wie Livetreffen mit Christfluencern vor. "Ich glaube, es wird in Zukunft zumindest auch eine andere Form von Gemeinde geben als die Flächengemeinde."
Oft schwingt bei der Frage einer erfolgreichen Social-Media-Arbeit mit, wie viele Kircheneintritte durch sie denn erreicht würden. Grummich denkt, "dass ein Kircheneintritt ein Resultat sein kann." Die christliche Botschaft gehöre in die Welt getragen. "Und wenn dann am Ende ein Kircheneintritt dabei herumkommt, freut mich das sehr." Dies dürfe jedoch nicht der Anspruch sein. Zu häufig würde für die Social-Media-Arbeit ein anderer Maßstab angelegt als bei anderen Seelsorgeformen. In der Krankenhausseelsorge frage auch niemand, wie viele Kircheineintritte sie bringe. "Wir sind für die Menschen da und weil Menschen im Internet sind, müssen wir eben auch im Internet sein", sagt Grummich. Die Gewinnung neuer Kirchenmitglieder als alleiniges oder primäres Ziel von Social Media sieht Sievert ebenfalls nicht. "Wir haben oft die Vorstellung, dass Kommunikationsarbeit die gebietsgebundene Flächengemeinde weiter auffüllen soll. Ich glaube, das wird immer weniger funktionieren, vor allem je mehr sich Kirche aus der Fläche zurückziehen muss. Es werden neue Dinge entstehen – und das ist durchaus auch gut so!"
„Die ganz normalen Gemeinden müssen sich da dringend öffnen.“
Aber nicht nur für die Heranführung an den Glauben ist mangelnde Social-Media-Arbeit ein Problem, denkt Sievert. "Die ganz normalen Gemeinden müssen sich da dringend öffnen und anders orientieren, wenn sie nicht nur junge, sondern genauso ältere Kirchenmitglieder, die auch immer digitaler werden, noch wirklich erreichen und mitnehmen wollen".
Natürlich gibt es beim Thema Social Media auch bei kirchlichen Kanälen negative Seiten. Gerade Hasskommentare gegen Christen im allgemeinen und spezielle Gruppen im Besonderen seien immer wieder ein Thema. Doch Sievert sagt: "Hasskommentare gibt es auch im nicht-digitalen Alltag, wenn auch vielleicht nicht ganz so schlimm und intensiv; die scheinbare Anonymität des Internets scheint dort leider manche Zeitgenossen zu mehr zu motivieren." Gerade junge Menschen könnten aber oft kritisch mit diesen Kommentaren umgehen, sofern man sie bei solchen Dingen unterstützt und begleitet.
Aus Sicht von Grummich sind "Fake News" immer wieder ein Problem "Ich sehe uns da selbst auch in der Verantwortung, zu sagen, auf welche Quellen man sich beruft."
Evangelikale Auftritte haben in den sozialen Medien oft hohe Followerzahlen.
Im Gespräch ist oft auch die hohe Aufmerksamkeit, die evangelikale Strömungen auf den Plattformen auf sich ziehen. "Wenn ich allen anderen den Marktplatz überlasse, dann muss ich mich nicht wundern, dass die anderen gehört und gesehen werden und ich nicht", so Sievert. "Es gibt natürlich auch Accounts, die wiederum gegen Kirche agieren. Aber dann ist es halt ein bunter Diskurs und umso wichtiger ist es, da präsent zu sein." Von dieser Vielfalt spricht auch Grummich: "Ich finde es immer schwierig, Social Media und Glaube als Wettbewerb zu sehen." Die Referentin plädiert für ein Miteinander im digitalen Raum: "Ich glaube, die katholische Kirche könnte noch viel lauter und viel bunter sein in der digitalen Welt und könnte dies als konkreten Auftrag sehen." Für Grummich ist das eine Grundmotivation, warum sie selbst auf Social Media aktiv ist. "Ich habe Kirche an ganz vielen unterschiedlichen Punkten als Heimat erfahren dürfen. Und dieses Gefühl möchte ich auch anderen Menschen ermöglichen."
Gäbe es die Kirche in zwanzig Jahren also überhaupt noch, wenn sie hypothetisch vollständig mit ihren Social-Media-Aktivitäten aufhören würde? "Was uns klar sein muss: In 20 Jahren gibt es soziale Netzwerke nicht mehr in der Form, wie wir sie jetzt erleben", erklärt Sievert "Wir reden dann über ganz andere Kanäle, ganz andere Inhalte, ganz andere Kommunikationsformen." Schon jetzt würden die katholische und die evangelische Kirche der Entwicklung jedoch hinterherhinken. Das Auseinanderdriften im digitalen Raum von Kirchenmitgliedern, möglichen neuen Mitgliedern und der Kirche würde dadurch nur noch größer.
20. Tagung "Kirche im Web"
Vom 22. bis 23. April 2027 wird in Münster die 20. Tagung "Kirche im Web" stattfinden. Auch inhaltlich geht es darum, wie sich Kirche und Digitalität in den letzten 20 Jahren entwickelt haben. Natürlich darf auch ein Blick in die Zukunft nicht fehlen. Holger Sievert wird die Keynote zum Einstieg in die Tagung halten.