Verheirateter Diakon: "Bei mir ist es auch nicht konfliktfrei"

"Zusammenhalten, durchhalten und manchmal das Maul halten". Diesen Rat gab der Osttiroler Diakon bei einer Hochzeit in Österreich. Ein Video davon wurde über eine Million Mal angeklickt. Das freut den 44-jährigen Geistlichen. Doch der österreichische Diakon erntete für seinen Spruch auch Kritik. Ein Interview.
Frage: Herr Brugger, wie kam es, dass das Video von Ihrer Predigt in den Sozialen Netzwerken landete?
Brugger: Dieses Video ist eigentlich schon älter und bei einer Hochzeit vor drei Jahren entstanden. An das Paar kann ich mich noch gut erinnern. Bei der Liturgie habe ich dann eine Predigt gehalten. Es hat mich dann aber doch überrascht, wie schnell man durch so ein kurzes Video in der Öffentlichkeit kommt und in Schubladen gesteckt wird. Die Predigt hat länger gedauert, aber veröffentlicht wurde nur der letzte Satz.
Frage: Worum ging es in der Predigt bei dieser Hochzeit?
Brugger: Zuerst habe ich ausführlich über das Ehepaar gesprochen und erzählt, wie sich die beiden kennengelernt haben. In ihren Biographien lassen sich Gottes Spuren erkennen und ich habe versucht das zu deuten und was sie daraus für ihr Leben mitnehmen können. Ich versuche dabei humorvoll zu sein, mit dem nötigen Ernst, weil ich mich ja darin auf das Evangelium, die Heilige Schrift, beziehe. Und am Schluss wollte ich dem Paar noch einen kurzen und knackigen Merksatz mitgeben.
Frage: Sie haben dem Paar geraten, zusammenzuhalten, durchzuhalten und auch mal das Maul zu halten. Das klingt schon etwas derb …
Brugger: Ja, das ist aber freundlich gemeint. Diesen Spruch bringe ich immer am Ende meiner Hochzeitspredigten. Der Satz ist nicht von mir, sondern stammt von einem Seelsorger aus Tirol, der vor einigen Jahren verstorben ist. Ich finde es lebensnah und passend für Hochzeiten. Wenn ich diesen Spruch bei einer Hochzeit zitiere, dann lachen die Leute in der Kirche häufig und deuten gegenseitig auf sich.
Frage: Also, wenn mir jemand den Tipp gibt, dass ich in der Ehe das "Maul halten soll", bin ich beleidigt …
Brugger: Ich habe damit niemanden konkret angesprochen oder gesagt, der Mann oder die Frau soll das Maul halten. Damit ist nicht gemeint, dass man in der Partnerschaft etwas verheimlichen oder verschweigen soll. Ich finde, man soll in einer Partnerschaft immer sagen können, wie es einem geht, wo der Schuh drückt. Aber bei hitzigen Situationen, also bevor sich Konflikte hochkochen, sollte man auch mal innehalten und schweigen, damit sich ein Streit abkühlen kann. Es ist dann besser mal nichts zu sagen.
Diakon Michael Brugger spendet einem Ehepaar den Trausegen. Die Trauzeugen helfen mit und halten Buch und Mikrofon.
Frage: Was hilft Ihnen bei Konflikten, den Mund zu halten?
Brugger: Ich bin dieses Jahr seit 20 Jahren verheiratet. Meine Frau Hanna ist evangelisch, unsere Kinder sind evangelisch. Wir gehen zusammen in die Gottesdienste, wir beten viel gemeinsam. Konfliktfrei ist es bei uns auch nicht. Ich bin manchmal schon recht ein Hitzkopf. Mir hilft es dann, durchzuatmen, zuzuhören und ausreden lassen. Also abends um 22 Uhr noch über eine Sache diskutieren anzufangen, das finde ich unsinnig. Ich tue es trotzdem. Da sagt meine weise Frau dann schon mal zu mir: "Das bereden wir morgen in Ruhe". Zornig bin ich trotzdem. Aber am nächsten Tag schaut vieles wieder anders aus. Daher sind mir die anderen beiden Tipps in dem Spruch so wichtig: "Zusammenhalten und durchhalten". Denn, wenn man sich das gegenseitig immer wieder spüren lässt, dass man zusammen unterwegs ist und liebevoll einander erträgt und miteinander umgeht, kann das neue Perspektiven für Eingefahrenes öffnen.
Frage: Es gibt bestimmt Paare, die das lange versucht haben, deren Ehe aber trotzdem zerbrochen ist …
Brugger: Ja, das erlebe ich im Seelsorgeraum und im Bekanntenkreis leider immer wieder. Auch bei Paaren, die ich in den letzten zehn Jahren trauen durfte. Manchmal ist die Trennung ein Schritt, der notwendig ist, wenn man sich gegenseitig nicht mehr guttut und nicht mehr weiterkann. Ich bin dennoch dafür, dass man nichts unversucht lässt. Der Glaube kann dabei hilfreich sein. Gerade vorhin habe ich einen Anruf von einem Mann bekommen, der eine handfeste Ehekrise hat. Ich treffe mich später zu einem Gespräch mit ihm. Ich möchte zuhören, wie es ihm gerade geht. Für mich bedeutet es Wertschätzung und Vertrauen, wenn mich jemand als Seelsorger braucht.
Frage: Als verheirateter Diakon sind Sie sicher ein wichtiger Ansprechpartner für Familien und Eheleute in der Gemeinde?
Brugger: Ja, das stimmt schon, auch weil ich ja selbst als Familienvater lebe. Aber ich halte ausdrücklich gar nichts davon, wenn sich Seelsorger gegenseitig ausspielen und sich Lebenserfahrung absprechen. Ein Priester, der allein lebt, kann ganz sicher noch mal aus einem anderen Blickwinkel her auf die Situation schauen und wertvolle Lebenserfahrungen weitergeben. Ich erlebe viele kompetente Priester mit dem nötigen Einfühlungsvermögen.
Nach der Predigt folgt das Eheversprechen. Ein Paar bei einer Trauung mit Diakon Michael Brugger.
Frage: Haben Sie Reaktionen auf das Hochzeitsvideo von Ihrem Bischof bekommen?
Brugger: Wir sind in einer kleinen überschaubaren Diözese in Tirol. Wir kennen uns, schätzen uns und treffen uns regelmäßig. Ich bin mir sicher, dass mein Bischof Hermann Glettler darüber schmunzelt, aber als Familienbischof nachdenklich ist. Gelingende Beziehungen und was wir als Kirche dazu beitragen können, liegen ihm besonders am Herzen. Wenn wir uns das nächste Mal treffen, werden wir sicher gemeinsam weiterüberlegen, was Sinn macht und was nicht. Ich habe viele positive Rückmeldungen in den Sozialen Netzwerken erhalten. Nicht allen war klar, dass ich kein Priester, sondern Diakon bin. Es gab aber auch negative Reaktionen.
Frage: Welche denn?
Brugger. Manche Rückmeldungen haben mich verletzt und manche Kommentare gingen schon auch unter die Gürtellinie. Da stand dann, dass ich als Vertreter der Institution Kirche lieber das Maul halten solle oder dass wir alle sowieso keine Ahnung vom Leben hätten und nur aufs Geld aus seien. Ich bin mit manchen in den Austausch gegangen. Häufig lese und höre ich Verletzungen heraus. Wunden können nur heilen, wenn man sie anerkennt und offenlegt. Bei mir selbst und bei den anderen. Daher ist für uns alle das Zuhören und aufeinander Zugehen bei kritischen Rückmeldungen besonders wichtig.
Frage: Was ist die Botschaft, die Sie Ehe-Paaren mitgeben möchten?
Brugger: Ich denke zum Beispiel an die Rose von Jericho. Das ist so eine vertrocknete Pflanze, die jahrelang ohne Wasser auskommen kann. Aber sie besteht weiter. Wenn man sie dann einmal wieder gießt, blüht sie wunderschön auf. Das heißt jetzt nicht, dass man seine Liebe in einer Partnerschaft vertrocknen oder verstauben lassen soll, aber sie immer wieder zu gießen durch liebevolle Aufmerksamkeiten im Alltag, davon lebt eine Beziehung auf. Und übrigens können wir Gott ebenso was zutrauen. Gott wird wohl doch helfen, wenn etwas über unsere Kraft geht?