Studie: Mehr Missbrauchsfälle im Bistum Hildesheim als bisher bekannt
Das Ausmaß sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim ist ersten Erkenntnissen einer Studie zufolge deutlich größer als bisher bekannt. Im Bistumsarchiv seien bislang Hinweise auf 84 mutmaßliche Täter gefunden worden, die in vorigen Studien nicht betrachtet worden seien, erklärten die beteiligten Forscher am Donnerstagabend bei einer Informationsveranstaltung in Hildesheim. Zusammen mit den 64 bereits bekannten Beschuldigten gebe es damit Hinweise auf 148 Tatverdächtige. Die Suche sei noch nicht abgeschlossen. Wie viele Betroffene sich hinter den einzelnen Fällen verbergen, ist laut den Forschern noch unklar. Klar sei allerdings, dass es deutlich mehr seien als die bislang bekannten rund 150 Betroffenen, sagte der Sozialpädagoge Christian Schrapper. Zudem gebe es über die bekannten Fälle hinaus ein großes Dunkelfeld.
Die Studie nimmt den Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart in den Blick. Sie ist nach Untersuchungen aus den Jahren 2017 und 2021 die dritte große Aufarbeitungsstudie für das Bistum Hildesheim. Sie betrachtet nicht nur Missbrauchsfälle in Kirchengemeinden, sondern auch in kirchlichen Kinderheimen und Schulen. Das Forscherteam besteht aus Sozialwissenschaftlern, Psychiatern und Rechtswissenschaftlern aus Münster, Rostock, Heidelberg und Freiburg. Das Projekt war im März vergangenen Jahres von Heiner Wilmer beauftragt worden, der von September 2018 bis Juni dieses Jahres Bischof von Hildesheim war. Inzwischen ist er Bischof von Münster und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).
Auch Amtszeit von Bischof Wilmer im Fokus
Die Forscher kündigten an, dass die Studie auch den Umgang mit Missbrauch in der Amtszeit Wilmers bewerten werde. Ein Interview mit ihm stehe jedoch noch aus. Aktuell wird Wilmer wegen angeblich verzögerter Reaktionen auf einen Missbrauchsvorwurf gegen einen verstorbenen Geistlichen kritisiert, der im Bistum Hildesheim tätig war. Zu diesem Fall wollten die Forscher keine vorschnelle Einschätzung abgeben. Er werde aber in die weitere Arbeit einbezogen, sagte Schrapper.
Die Erziehungswissenschaftlerin Milena Bücken betonte, sexualisierte Gewalt sei nicht nur ein Thema der Vergangenheit. In einer Online-Befragung von Menschen mit Bezug zur katholischen Kirche im Bistum Hildesheim hätten von rund 700 Teilnehmern 40 angegeben, selbst betroffen zu sein. 250 weitere hätten erklärt, von konkreten Taten in ihrem Umfeld zu wissen. Dabei gebe es zwei Schwerpunkte: den Zeitraum zwischen 1970 und 1990 sowie die Zeit seit 2010.
Bislang führten die Forscher nach eigenen Angaben 50 Interviews, darunter Gespräche mit 21 Betroffenen, 11 Angehörigen oder anderen sogenannten Co-Betroffenen, 12 Mitarbeitern des Bistums und 6 Priestern. Das Material umfasse gut 95 Stunden Audio- und Videoaufzeichnungen. Die Erfahrungen von Betroffenen und ihrem Umfeld sollen in der Studie eine zentrale Rolle spielen. Das Forschungsprojekt läuft nach derzeitiger Planung bis Frühjahr 2027. Die Ergebnisse wollen die Wissenschaftler nicht nur in Textform veröffentlichen. Geplant sind auch eine Wanderausstellung und weitere Formate wie Videos und Podcasts. (KNA)
