Täternetzwerke und Datenschutz

Missbrauch: Studienleiter beklagen Probleme bei Aufarbeitung

Veröffentlicht am 10.07.2026 um 11:35 Uhr – Lesedauer: 

Oberursel ‐ Die Historikerin Sylvia Schraut und der Jurist Ulrich Wastl haben beide an Studien zur Missbrauchsaufarbeitung in der Kirche mitgearbeitet. In einem Interview haben sie nun über Probleme bei der Aufarbeitung gesprochen.

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Mangelnde Kenntnisse über Täternetzwerke und erhebliche Behinderungen durch "überzogenen Datenschutz" bilden nach Ansicht der Mannheimer Historikerin Sylvia Schraut und des Münchner Juristen Ulrich Wastl zwei große Probleme bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. "Es ist zu erwarten, dass die Netzwerke von pädosexuellen Priestern auch Verbindungen haben zu Kriminellen außerhalb der Kirche. Wir haben vergleichbare Strukturen wie in der Drogenszene", sagte Wastl in einem Interview mit der Zeitschrift "Publik-Forum" (10. Juni). Für die Prävention sei es wichtig, "dass wir Täternetzwerke erkennen und uns mit Täterstrategien beschäftigen".

Schaut verwies in dem Interview mit Blick auf den Datenschutz auf Gerichtsurteile, wonach in wissenschaftlichen Gutachten auch mutmaßliche Täter nicht identifizierbar seien dürften. "Meiner Meinung nach ist der Datenschutz, so wie wir ihn im Moment haben und wie er derzeit in Gerichtsurteilen entschieden wird, ein Täterschutz." Gleichzeitig werde von einigen Datenschützern gefordert, Personalakten nach 20 Jahren zu vernichten. Das aber würde bedeuten, "dass man keine Missbrauchsforschung machen kann, weil es keine Akten gibt". Denn Betroffene meldeten sich oft erst 20 bis 30 Jahre nach dem Missbrauch zu Wort, so die Historikerin. Trotzdem sei es ihr und ihrem Team bei einem Gutachten zum Bistum Speyer gelungen, ein Täternetzwerk aus den 1960er-Jahren nachzuweisen, in dessen Zentrum ein Regens und ein Generalvikar gestanden hätten.

Wastl bezeichnete es als "unerträglich, wie Institutionen in Eigenregie den Datenschutz der Betroffenen ganz gezielt auch noch dazu nutzen, die Aufklärung eigenen Fehlverhaltens zu verhindern". So bedrohe der Datenschutz auch die Wissenschaftsfreiheit. "Wissenschaft lebt davon, Zugang zu Daten zu haben. Wissenschaft lebt davon, Fehler machen zu können, sonst können Sie die Wissenschaft einstampfen." Wastl hat als Jurist Missbrauchsgutachten für mehrere Bistümer erstellt, Schaut ist Studienleiterin für das Speyerer Gutachten. (stz)