Standpunkt

Wer predigt da eigentlich, wenn der Priester predigt?

Veröffentlicht am 15.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Joachim Frank – Lesedauer: 

Bonn ‐ Hauptsache, ein Kleriker steht am Ambo und predigt – oder trägt er nur die Predigt von anderen vor? Die nicht geweihten Ghostwriter sind bei der Debatte um die Laienpredigt nicht im Blick, kommentiert Joachim Frank.

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Das Nein des Vatikans zur Predigt von Nicht-Geweihten in der Messe hat ein vielstimmiges Echo hervorgerufen. Aus pastoraler Perspektive verlautete, das römische Verbot der "Laienpredigt" lasse sich angesichts einer eingeführten und bewährten Praxis in vielen Gemeinden ohnehin nicht durchsetzen und laufe somit faktisch ins Leere.

Übersehen wurde bislang eine Kluft zwischen der Befugnis und der Befähigung zum Predigen, die seit langem stillschweigend von Laientheologinnen und -theologen gefüllt wird. Dazu ein Stück anekdotischer Evidenz aus einer – hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes – nicht näher bezeichneten Traditionsgemeinde in einem großen deutschen Bistum. Der allseits geschätzte Pfarrer galt selbst den Treuesten der Getreuen in der Messe als miserabler Prediger. Groß war das Aufatmen, als er sich im Gottesdienst 1:1 der "Predigthilfen" aus dem Aachener Verlag "Bergmoser + Höller" zu bedienen begann: Endlich hatten seine Auslegungen des Sonntagsevangeliums Hand und Fuß, endlich waren sie gut aufgebaut und im Prinzip rhetorisch ansprechend. Gut, am Vortrag selbst hätte der Prediger noch arbeiten können. Aber diese Schwäche akzeptierte die Gemeinde als persönliche Note.

Wer aber hat hier nun gepredigt? Die exegetisch und pastoral-liturgisch befähigten Autorinnen und Autoren des Verlags, ganz gewiss nicht allesamt im klerikalen Stand? Oder der dogmatisch und kirchenrechtlich Befugte? Eine Frage, die sich übrigens umstandslos auf ungezählte Predigten in Pontifikalämtern übertragen ließe, die auf der "Zuarbeit" kundiger, kluger Referentinnen und Referenten fußen. Zum allseitigen Besten. Und ohne dass irgendeine höhere Instanz einschreiten und das Weihedefizit der heimlichen Helfer monieren würde. Wieso auch? Ist doch klar, dass es sie gibt, oder? Bei der Fülle von Aufgaben, die so ein Bischof tagtäglich zu bewältigen hat …

Immerhin waren und sind hier noch echte Menschen die Ghostwriter. Wie die wunderbare Welt von ChatGPT, Haiku, Sonnet oder Mistral die Predigtpraxis verändern wird, lässt sich noch nicht absehen, aber sehr leicht ausmalen. Ob irgendwann jemand in Rom ein KI-Indult beantragt? Oder ein Supplement zur Enzyklika "Magnifica Humanitas" Papst Leos XIV.: Über die Bewahrung der Predigt im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz?

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist "DuMont"-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.