Kardinal Sarah beklagt "ideologische Kolonisierung" Afrikas
Der emeritierte Kurienkardinal Robert Sarah hat eine "ideologische Kolonisierung" Afrikas beklagt. Diese bediene sich des Völkerrechts und europäischer oder internationaler Fördermittel, "um Völkern, die sich diese nicht ausgesucht haben, fragwürdige und umstrittene anthropologische Sichtweisen aufzuzwingen", sagte Sarah laut Manuskript bei einer Rede im Europäischen Parlament in Brüssel am Mittwoch. Sarah sprach dort bei einer Veranstaltung auf Einladung der rechten Fraktion "Europäische Konservative und Reformer" (EKR).
"Afrikas materielle Armut beraubt es weder seiner Würde noch seines Rechts – ja, sie verleiht ihm vielleicht sogar einen stärkeren Anspruch darauf, selbst zu beurteilen, was für seine eigenen Kinder gut ist", betonte Sarah. In einigen afrikanischen Ländern würden im Gegenzug für wirtschaftliche Unterstützung etwa eigene Ministerien für Gender-Theorie geschaffen. Im Bezug auf die Entkriminalisierung von Homosexualität erklärte Sarah, dass man "den Armen diese Art von Absurdität nicht aufzwingen kann, solange es an Krankenhäusern, Schulen und Trinkwasser mangelt", so der ehemalige Liturgie-Präfekt, der aus Guinea stammt. "Im Jahr 2015 sagte ich während der Familiensynode – und ich nehme heute kein einziges Wort davon zurück –, dass die Gender-Ideologie und der islamische Fundamentalismus, jeder auf seine Weise, zwei 'apokalyptische Bestien' darstellen, die nicht nur die Familie, sondern den Menschen selbst, das Ebenbild Gottes, zu zerstören drohen."
"Hört auf Afrika"
Sarah appellierte in seiner Rede an Europa und die Kirche des Westens: "Führt eine ernsthafte Gewissensprüfung durch. Hört auf Afrika. Respektiert seine kulturelle Souveränität." Europa solle eine freie Zusammenarbeit anbieten, die nicht "von ideologischen Agenden abhängig" sei. "Seid bereit, von Afrika das anzunehmen, was es dem erschöpften Westen noch bieten kann: das Zeugnis eines lebendigen Glaubens und eines Familiensinns, der Europa selbst helfen kann, seinen eigenen Logos wiederzuentdecken."
Sarah betonte, dass das Christentum für Afrika "weder ein neuer Import noch ein Überbleibsel des europäischen Kolonialismus ist, wie dies in bestimmten säkularisierten Kreisen manchmal unterstellt wird". Lange bevor Europa in der Neuzeit Subsahara-Afrika kolonialisiert habe, hätten Nordafrika und das Horn von Afrika der Weltkirche bereits "einige ihrer größten Meister" geschenkt, so der Kardinal. Dazu zählte er unter anderem Tertullian, Cyprian, Athanasisus und Augustinus von Hippo auf. Das Narrativ von Afrika als ewigem Schüler und Europa als unumstößlichem Lehrer sei damit widerlegt. "Die Geschichte der Kirche lehrt uns im Gegenteil, dass die Gabe des Glaubens stets auf Gegenseitigkeit beruhte und dass Afrika ebenso viel zurückzugeben hat, wie es empfangen hat", so Sarah.
"Die Geschichte des Glaubens auf meinem Kontinent lehrt uns, dass die Kirche oft gerade in Zeiten der Prüfung wächst und dass jene Völker, die ihre eigene religiöse und kulturelle Identität gegen jeden Druck von außen bewahren, letztlich diejenigen sind, die der Sache einer wahren universellen Brüderlichkeit am besten dienen", betonte der guineische Geistliche. (cbr)
