Neues Buch des früheren Kurienkardinals

Wenn Kardinal Sarah mit der Kirche abrechnet

Veröffentlicht am 23.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Paris/Bonn ‐ Eine Anklageschrift mit Ansage: Der frühere Liturgiepräfekt, Kardinal Robert Sarah, gilt als scharfer Kritiker von Papst Franziskus, Reformen und der Synodalität. Immer wieder meldet er sich zu Wort – nun mit einem neuen Buch.

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Eine Anklageschrift oder eher die Diagnose eines kranken Patienten? Der frühere Kurienkardinal Robert Sarah legt noch einmal nach – dieses Mal mit einem Interviewbuch, das er gemeinsam mit dem Verleger Nicolas Diat vorgelegt hat. Darin erhebt der guineische Kardinal und ehemalige Präfekt schwere Vorwürfe gegen die westliche Kirche. Ihr sei – so viel vorweg – das "Gift" des Relativismus eingeflößt worden. 

Doch einen Schritt zurück: Der 80-Jährige ist eigentlich schon länger emeritiert, doch seine Wortmeldungen zeichnen ein anderes Bild. Regelmäßig äußert er sich zu Entwicklungen in der Kirche und gilt weiterhin als entschiedener Kritiker kirchlicher Reformen. Dabei geriet Sarah mehrfach mit dem damaligen Kirchenoberhaupt Papst Franziskus (2013–2025) aneinander, was schließlich zu seinem Ausscheiden aus dem Amt führte. Von 2014 bis 2021 stand Sarah an der Spitze des vatikanischen Gottesdienstdikasteriums, ehe er von Kardinal Arthur Roche abgelöst wurde. 

Sarah und Franziskus vertraten während dieser Zeit unterschiedliche liturgische Vorstellungen. Sarah verteidigte etwa die vorkonziliare Messform, die sogenannte "Alte Messe", während Franziskus – im Zusammenspiel mit Kardinal Roche – Einschränkungen einführte. Mit seinem Erlass "Traditiones custodes" (Wächter der Tradition, 2021) beschränkte Franziskus den vorkonziliaren Gottesdienst deutlich. Sehr zum Leidwesen Sarahs und jener Oberhirten, die sich als Verteidiger eines wie auch immer gearteten traditionellen Glaubens und einer vorgeblich über Jahrhunderte bestehenden Liturgie verstehen – auch wenn ihnen kein offizieller Titel eines defensor fidei zukommt, wie ihn einst der britische Schriftsteller G. K. Chesterton erhielt. 

Spaltungen und Relativismus 

Geprägt sei die Kirche nicht nur von Relativismus, schreibt Sarah nun, sondern auch von Spaltungen. Besonders scharf geht er jedoch mit der Kirche in Deutschland ins Gericht, konkret mit dem Reformprojekt des Synodalen Wegs. Der deutsche Weg führe für ihn zu einem Bruch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen Zielen: "Sich von der Tradition abzukapseln bedeutet, sich von der Kirche auszuschließen", meint er. In Deutschland und der Schweiz wollten kirchliche Vereinigungen eine Kirche nach ihrem eigenen Bild formen. Eine Minderheit von Kardinälen unterstütze diese revolutionären Ideen, doch eine "militante Kirche" sei nicht mehr die ursprüngliche Kirche Christi, so Sarah.

Ähnliche Aussagen machte der Kardinal in zahlreichen Interviews, als er die Kirche davor warnte, zu sehr auf die äußere und politische Struktur zu pochen – nicht nur in Deutschland. Besondere Kritik übte er an der Kirchenleitung, als Franziskus die Weltsynode einleitete. Der Vorwurf: alle Stimmen seien legitim. Das Hauptproblem war dabei, dass nicht nur Geistliche, sondern auch Laien stimmberechtigt waren. Sarah gehörte zu jener Gruppe von Franziskus-kritischen Kardinälen, die im Vorfeld der Weltsynode mehrere sogenannte Dubia, Fragen zur kirchlichen Lehre und Disziplin, an das Kirchenoberhaupt sandten. Zu den Verfassern gehörten neben ihm der konservativ geltende Kardinäle Walter Brandmüller (Deutschland), Raymond Burke (USA), Joseph Zen (China) und Juan Sandoval Íñiguez (Mexiko). Problematisch für die Oberhirten war die Thematik einer möglichen Reform der Kirchenlehre – etwa die Segnungen von Homosexuellen oder die Weihe von Frauen. 

Blick in die Audienzhalle bei den Beratungen der Weltsynode
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Besondere Kritik übte er an der Kirchenleitung, als Franziskus die Weltsynode einleitete.

Schließlich erlaubte im Dezember 2023 Franziskus im Zusammenspiel mit seinem argentinischen Landsmann, dem auch heute noch amtierenden Glaubenspräfekten Kardinal Víctor Fernández – Segnungen auch homosexueller Paare außerhalb der Liturgie. Für den Purpurträger ist das Vatikan-Papier "Fiducia supplicans" heute ein weiteres Beispiel für "revolutionäre Ideen", welches er noch vor der Weltsynode mit einigen seiner konservativen Kardinalskollegen scharf kritisierte. 

In der heutigen Kritik setzt er noch einen drauf und bezieht dabei auch die Kirche Europas insgesamt mit ein, die er als kranken Patienten beschreibt. Dieser versuche, seine progressiven Ideen in die übrige Weltkirche zu exportieren – eine Kirche, die seiner Ansicht nach noch aufrecht stehe – trotz Kritik am ehemaligen Kirchenoberhaupt. Themen wie Ökologie oder Migration würden die Kirche zu sehr vereinnahmen. Zwar seien diese Fragen legitim, gehörten seiner Ansicht nach jedoch in den weltlichen und nicht in den kirchlichen Bereich. Die Kirche habe verdrängt, was eigentlich im Mittelpunkt stehen müsse: Christus, die Liturgie und die Lehre als unantastbares Glaubensgut. Dennoch betont Sarah, er habe die Hoffnung nicht verloren – nicht zuletzt seit der Wahl Prevosts zum Papst.

Diagnose ist nicht neu 

Die französische Zeitung "La Croix" beschreibt das Buch als "eine Art kirchliche Medizinlehre, geschrieben am Krankenbett eines Patienten, den der Autor unter Franziskus in Lebensgefahr sah". Das trifft den Charakter des Werkes recht genau. Das Buch, das den Titel "2050" trägt, ist keineswegs eine prophetische Vision der Zukunft der Kirche. Vielmehr liest es sich wie eine Anklageschrift gegen von Sarah als solche empfundenen Fehlentwicklungen während des argentinischen Pontifikats. Die Diagnose selbst ist keineswegs neu. Ähnliche Thesen hat Sarah bereits in früheren Büchern und zahlreichen Medienauftritten formuliert. Mit dem Titel scheint er vielmehr auf das nächste ordentliche Jubiläumsjahr der Kirche anzuspielen. Das letzte fand im Jahr 2025 statt; da die Kirche alle 25 Jahre ein ordentliches Jubeljahr begeht, fällt das nächste auf 2050. Ob Sarah der Kirche damit gewissermaßen eine Frist setzt, bleibt offen. 

Kardinal Robert Sarah
Bild: ©KNA

Die französische Zeitung "La Croix" beschreibt das Buch als "eine Art kirchliche Medizinlehre, geschrieben am Krankenbett eines Patienten, den der Autor unter Franziskus in Lebensgefahr sah".

Bis zum Jahr 2050 gebe es ihm zufolge jedenfalls – liest man das Buch unter diesem Schlüssel – noch einiges zu tun. Ein weiteres Problem sieht der guineische Kardinal in einem faktischen, stillen und schleichenden Atheismus. Dieser sei weitaus gefährlicher als der offen erklärte Atheismus, weil er das Christentum von innen heraus untergrabe. Besonders problematisch sei, dass kaum jemand Alarm schlage. Sarah formuliert es so: "Man sagt, man glaube, aber man lebt, als ob Gott nicht existiere. Diese Gleichgültigkeit zersetzt das Gewissen." Wenn Gott aus dem Zentrum des menschlichen Lebens verbannt werde, öffne sich der Weg für ethischen Relativismus, moralischen Subjektivismus und den Zerfall des sozialen Zusammenhalts. Auch die Kirche sei von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben, im Gegenteil. Laut dem Kardinal sei die Kirche voller hochrangiger Prälaten, die das Christentum auf eine humanistische Weisheit, ein Friedensinstrument oder eine moralische Disziplin reduzieren wollen. Sein Resümee: Damit dürfe sich die Kirche nicht zufriedengeben.

Spiritueller Widerstand 

Doch was ist letztlich der Charakter dieses literarischen Unterfangens eines Kirchenmannes, der unter Franziskus aus dem Amt schied und seither vor allem durch scharfe Wortmeldungen auf sich aufmerksam macht? Eine mögliche Antwort findet sich am Ende des Buches, wo Sarah die Wahl Leos XIV. beschreibt: "Die Wahl von Papst Leo XIV. war eine große Freude. Innerhalb weniger Tage wandelte sich unser Zustand von ängstlichem Schock zu innerem Frieden." Zwischen den Zeilen liest man eine Art spirituellen Widerstand eines Kirchenmannes, der fürchtete, die Kirche könne das Pontifikat von Franziskus nicht überstehen. In Leo XIV. sieht Sarah nun – mit einer gewissen Gelassenheit – ein Gottesgeschenk. "Deshalb wird er nicht zulassen, dass seine Kirche zerstört wird." 

Ob damit gemeint ist, Franziskus habe das Ende der Kirche eingeläutet? Nach der Lektüre bleibt jedenfalls der Eindruck, dass das Buch keinen wirklichen Schlüssel bietet, um die Zeichen der Zeit zu deuten, mit denen Christinnen und Christen sich heute befassen sollten. Sarah weist nicht nur mögliche Antwortversuche von Franziskus auf Fragen wie Migration, Ausgrenzung oder Klimawandel zurück. Er löst die Frage im Grunde ganz auf, vor allem dann, wenn er erklärt, dies seien Fragen für den weltlichen, nicht etwa den kirchlichen, gar theologischen Bereich. 

Von Mario Trifunovic