Berlin wird gelegentlich als "Hauptstadt der Atheisten" bezeichnet. Und auch wenn das so pauschal nicht stimmt, gibt es in der Stadt viele Menschen, die keiner Religion angehören und nicht an Gott glauben. Im Interview mit katholisch.de berichtet Erzbischof Heiner Koch von seinen Begegnungen und Gesprächen mit Menschen ohne Glauben. Außerdem erklärt er, warum auch diese Menschen existenzielle Fragen bewegen, und er schildert, weshalb die Kirche in einer zunehmend säkularen Gesellschaft vor allem zuhören, Hoffnung vermitteln und den Dialog suchen sollte.
Frage: Herr Erzbischof, in Ihrer Radio-Kolumne im RBB haben Sie kürzlich von Begegnungen mit Menschen erzählt, die nicht an Gott glauben. Sie sagten dort, dass in der Frage nach Gott "jeder Mensch ein gläubiger Mensch" sei. Warum verstehen Sie auch die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt, als eine Form des Glaubens?
Koch: Das Wort "Glauben" hat unterschiedliche Bedeutungen. Zunächst einmal meine ich damit: Bei den großen Fragen des Lebens verfügen wir nicht über naturwissenschaftliche Gewissheit. Ob es Gott gibt, ob der Tod das Ende ist oder ob das Leben einen letzten Sinn hat – all das können wir mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht beweisen. Christen können Gottes Existenz nicht beweisen. Aber auch Atheisten können seine Nicht-Existenz nicht beweisen. In diesem Sinn sind wir alle darauf angewiesen, Überzeugungen zu entwickeln, die über das hinausgehen, was sich wissenschaftlich feststellen lässt. Davon zu unterscheiden ist der Glaube als Vertrauen. Das ist ein weiterer Schritt. Für Christen bedeutet Glauben, sich einem Gott anzuvertrauen, der uns liebt und mit uns durchs Leben geht. Diese Vertrauensdimension würde ich nicht ohne Weiteres auf den Atheismus übertragen.
Frage: Manche Atheisten würden vermutlich einwenden, Nicht-Glaube sei gerade kein Glaube, sondern das Fehlen von Glauben.
Koch: Ich kann diesen Einwand gut verstehen. Entscheidend ist für mich zunächst die gemeinsame Einsicht, dass wir vieles eben nicht wissen. Das gilt für Christen genauso wie für Atheisten. Auch wir Christen können Gott nicht erklären oder begreifen. Wir glauben an einen Gott, der immer größer ist als unser Denken. Gerade deshalb braucht jeder Mensch Vertrauen. Das erleben wir ja auch außerhalb der Religion: Wer einen anderen Menschen liebt, braucht Vertrauen. Man muss sich auf die andere Person voll und ganz einlassen. Ähnlich ist es mit der Gottesfrage. Wer sich auf die Suche nach Gott macht, braucht die Bereitschaft, diesen Schritt des Vertrauens überhaupt zu wagen.
Frage: Sie sind seit bald elf Jahren Erzbischof von Berlin und leben damit in einer der säkularsten Regionen Deutschlands. Wie erleben Sie Begegnungen mit Menschen, die keiner Kirche angehören?
Koch: Zunächst einmal ist diese Gruppe sehr vielfältig. Die größte Gruppe beschäftigt sich mit religiösen Fragen eigentlich gar nicht. Viele sagen: Mich interessiert das Leben hier und jetzt, alles andere spielt für mich keine Rolle. Dann gibt es Menschen, die ehrlich nach Antworten auf die großen Fragen suchen: nach Sinn, nach dem Lebensende oder nach Gott. Sie zweifeln, ringen und stellen Fragen. Gerade diesen Menschen fühlen wir Christen uns oft sehr nah. Und ich erlebe immer wieder, dass man am Ende eines Gesprächs mit solchen Menschen feststellt, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie man anfangs vielleicht dachte. Natürlich gibt es auch Menschen, die Kirche oder Glauben sehr aggressiv ablehnen. Oft vermischt sich dabei Religionskritik mit Kritik an der Kirche als Institution. Nach meiner Erfahrung ist das aber eher die Ausnahme.
Ehrlich suchende und zweifelnde Menschen fordern mich immer heraus.
— Erzbischof Heiner Koch
Frage: Wie reagieren Sie, wenn Ihnen diese Ablehnung begegnet?
Koch: Ich höre zunächst zu und versuche, sachlich zu antworten. Viele Vorwürfe beruhen auf Missverständnissen. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass rationale Argumente allein Emotionen nicht auflösen. Aber ich erlebe häufig: Wenn Menschen merken, dass man ihnen wirklich zuhört und ihnen auf Augenhöhe begegnet, wird das Gespräch oft deutlich entspannter. Dann kann zumindest gegenseitiger Respekt entstehen. Das ist schon viel wert.
Frage: Welche Fragen begegnen Ihnen in Gesprächen mit religiös distanzierten Menschen am häufigsten?
Koch: Ganz eindeutig die Frage nach dem Leid. Wie kann Leid einen Sinn haben? Wie kann ein guter Gott so viel Leid zulassen? Das ist letztlich die alte Frage des Hiob, und sie beschäftigt Menschen bis heute. Für Christen wird diese Frage sogar noch zugespitzt. Wir glauben ja nicht nur an einen Gott, sondern daran, dass Gott selbst Mensch geworden ist und das Leid mit uns teilt. Gerade daran entzünden sich viele Fragen.
Frage: Fordern solche Gespräche Sie auch persönlich heraus?
Koch: Ja, unbedingt. Ehrlich suchende und zweifelnde Menschen fordern mich immer heraus. Wenn jemand wirklich ringt und zuhört, dann stehen wir zunächst einmal auf derselben Ebene. Ich kann gut verstehen, wenn jemand sagt: Aus diesen oder jenen Gründen kann ich nicht glauben. Ich erinnere mich an einen Professor hier in Berlin, mit dem ich häufiger diskutiert hatte. Als seine Frau schwer erkrankte und starb, fragte er mich: "Kommen Sie zur Beerdigung meiner Frau? Wenn Sie nicht kommen, ist keiner mit Ihrer Hoffnung dabei." Dieser Satz hat mich tief bewegt. Er zeigt, wie sensibel Menschen Hoffnung wahrnehmen – auch dann, wenn sie selbst nicht an Gott glauben. Solche Erfahrungen machen mich sehr demütig.
Frage: Wir leben in einer Zeit voller Krisen und Kriege. Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen gerade deshalb nicht an einen guten Gott glauben können?
Koch: Ja, sehr sogar. Das ist die eigentliche Nagelprobe des christlichen Glaubens. Auch Jesus selbst schreit am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Diese Frage wird Christen immer begleiten. Deshalb besteht unsere wichtigste Aufgabe als Christen oft gar nicht darin, Antworten zu geben, sondern bei den Menschen zu bleiben und ihre Fragen auszuhalten. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, dass selbst Menschen ohne religiöse Bindung Hoffnungen in sich tragen, die über das Sichtbare hinausgehen. Ich habe einmal Eltern von Sternenkindern, die vor oder bei der Geburt starben, getroffen. Eine Mutter sagte zu mir: "Ich bin keine Christin. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich mein Kind eines Tages wiedersehe." Solche Sätze zeigen mir, dass die Sehnsucht nach Hoffnung tief im Menschen verankert ist.
"Christen können Gottes Existenz nicht beweisen. Aber auch Atheisten können seine Nicht-Existenz nicht beweisen", so Erzbischof Koch.
Frage: Viele Menschen sagen heute: "Ich glaube nicht an Gott, aber ich bin offen für Spiritualität." Wie beurteilen Sie das?
Koch: Zunächst einmal ist Spiritualität ein sehr weiter Begriff. Er sagt noch nichts darüber aus, wie nah jemand dem christlichen Glauben steht. Aber es zeigt immerhin, dass Menschen offen sind für eine Wirklichkeit, die über das rein Materielle hinausgeht. Das ist durchaus ein Anknüpfungspunkt. Gleichzeitig unterscheide ich klar zwischen einer individuell zusammengestellten Spiritualität und dem christlichen Glauben. Christlicher Glaube ist für mich keine Sammlung schöner Gedanken oder spiritueller Erfahrungen, sondern eine Vertrauens- und Liebesbeziehung zu einem lebendigen Gott.
Frage: Was haben Sie durch Ihre Gespräche mit nichtgläubigen oder kirchenfernen Menschen gelernt?
Koch: Mich beeindruckt immer wieder, wie tief die Hoffnung im Menschen verankert ist. Obwohl vieles dagegenspricht, geben Menschen die Hoffnung nicht auf, dass am Ende doch das Gute stärker ist als das Böse. Gerade bei Beerdigungen höre ich von Menschen, die keiner Kirche angehören, oft Sätze wie: "Vielleicht gibt es ja doch noch etwas nach dem Tod." Ich glaube, der Wunsch nach Heil, nach Liebe und nach Erfüllung stirbt im Menschen nie ganz.
Frage: Welche Rolle kann die Kirche in einer Gesellschaft spielen, in der immer weniger Menschen einen Bezug zum Glauben haben?
Koch: Gerade dann muss Kirche ein Zeichen sein. Sie muss die Hoffnung wachhalten, dass das Leben letztlich in Gottes guten Händen liegt. Ich würde sagen: Wir müssen den Himmel offenhalten. Das gelingt nicht allein durch Worte, sondern vor allem dadurch, wie wir leben. Unsere Botschaft muss sich im konkreten Handeln zeigen.
Frage: Muss die Kirche dabei auch stärker lernen zuzuhören?
Koch: Ja. Aber nicht als Methode oder Strategie. Wir lernen durch diese Begegnungen selbst. Sie erinnern uns daran, dass der Glaube nicht selbstverständlich ist. Ich höre das immer wieder von den Ehrenamtlichen in unserer Sankt Hedwigs-Kathedrale, die dort Gesprächsdienst machen. Viele Menschen kommen zu ihnen – nicht wegen der Architektur, sondern weil sie über den Sinn des Lebens, über Tod oder Hoffnung sprechen möchten. Dafür müssen wir als Kirche immer ansprechbar bleiben.
Ich erlebe, dass der Glaube Menschen reich machen kann. Deshalb bin ich oft einfach dankbar, glauben zu dürfen.
— Erzbischof Heiner Koch
Frage: Sollte die Kirche noch stärker auf Menschen zugehen, die bislang kaum Berührung mit Glauben oder Kirche hatten?
Koch: Zunächst sollten wir die vielen Begegnungen wahrnehmen, die es längst gibt. Nach fast jedem Gottesdienst sprechen mich Menschen an, die gar nicht gläubig sind. Auch in unseren Schulen, sozialen Einrichtungen oder bei staatlichen Veranstaltungen ergeben sich ständig Gespräche. Natürlich helfen auch niedrigschwellige Angebote – etwa unser Eistruck im Sommer. Aber entscheidend ist nicht das Eis. Entscheidend ist, dass dort Menschen sind, die zuhören und bereit sind, ins Gespräch zu kommen. Beziehungen entstehen nicht durch Aktionen allein, sondern durch Menschen.
Frage: Was würden Sie jemandem raten, der gerne glauben würde, aber keinen Zugang zum Glauben findet?
Koch: Ich würde sagen: Man darf auch in einen Gottesdienst gehen, ohne bereits an Gott zu glauben. Man kann sich in der Kirche engagieren, ohne schon alle Glaubensinhalte zu teilen. Wenn ich Menschen frage, warum sie sich als Erwachsene haben taufen lassen, begegnen mir immer wieder zwei Erfahrungen: Entweder haben sie eine besonders glückliche oder besonders schwere Lebensphase erlebt – Liebe, Geburt, Krankheit oder Tod. Und fast immer gab es Menschen, die sie in dieser Zeit begleitet haben. Deshalb glaube ich: Unsere wichtigste Aufgabe als Kirche ist es, Menschen in ihrem Leben zu begleiten. Alles Weitere kann daraus wachsen.
Frage: Wenn Sie einem überzeugten Atheisten in wenigen Sätzen erklären müssten, warum Sie persönlich an Gott glauben – was würden Sie sagen?
Koch: Mein Glaube ist zunächst einmal in meiner Familie und meiner Heimatgemeinde gewachsen. Ich bin in der Kirche groß geworden und habe dort Heimat gefunden. Später haben mich intensive Diskussionen über Glaubensfragen während meiner Schulzeit geprägt. Und sehr wichtig war für mich auch der frühe Tod meines Schwagers. Er starb mit nur 29 Jahren an Krebs. Die Gespräche mit ihm und sein hoffnungsvolles Sterben haben meinen eigenen Glauben und auch meine Entscheidung, Priester zu werden, tief beeinflusst. Heute erfahre ich den Glauben immer wieder neu – im Gottesdienst, im Gebet und in den Begegnungen mit Menschen. Ich erlebe, dass der Glaube Menschen reich machen kann. Deshalb bin ich oft einfach dankbar, glauben zu dürfen. Für mich ist das ein Geschenk und eine Gnade.