Tradierte Frauenbilder seien vermischt worden

Kirchenhistorikerin: Maria Magdalena gibt es so nicht

Kirchenhistorikerin: Maria Magdalena gibt es so nicht
Bild: picture alliance/Avalon/Peter Barritt

Die heilige Maria Magdalena hat viele Zuschreibungen: Die Bekehrte, die Sünderin, die Apostelin. Doch eigentlich wird diese Frauenfigur aus dem Neuen Testament bei den Synoptikern wie eine weibliche Führungsperson bei den Jüngerinnen geschildert. Die Bonner Theologin und Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol plädiert daher dafür, die Zuschreibungen zu dieser Frau aus Jesu Zeit klar auseinanderzuhalten und auf ihre apostolische Rolle zurückzuführen.

Frage: Frau Muschiol, Maria Magdalena wird in vielen Kirchen als bekehrte Sünderin gezeigt, die Jesus die Füße salbt ...

Muschiol: Es gibt keine Maria Magdalena, auch keine sündige Maria Magdalena. Was wir an Bildern aus der Kunst oder schriftlichen Überlieferungen zu dieser Figur haben, ist ein Mix von unterschiedlichen Vorstellungen. Wenn wir von Maria Magdalena sprechen, dann ist das immer eine konstruierte Figur. Gesichert haben wir nur die biblische Maria von Magdala. Die Evangelien berichten uns davon, dass Maria wohl aus Magdala, dem heutigen Migdal in Israel, stammte. Sie war bei der Kreuzigung und Grablegung Jesu dabei. Sie war gemeinsam mit anderen Frauen als erste an seinem Grab. Dort wurde sie zu einer Zeugin seiner Auferstehung. Von einem Engel erhielt sie den Auftrag, den Jüngern davon zu erzählen. Im Johannesevangelium steht, dass sie am Ostermorgen den Aposteln Petrus und Johannes davon berichtet hat. Sie war beim Grab Jesu und begegnete dem Auferstandenen, von dem sie glaubte, dass er der Gärtner sei. Jesus rief sie bei ihrem Namen und sie erkannte ihn. Das sind alles sehr starke Bilder der Maria von Magdala.

Frage: Welche Figuren mischen sich dann zu dieser biblischen Figur hinzu?

Muschiol: In der Frühen Kirche gab es nur diese eine Maria von Magdala. So wird sie beim Kirchenvater Augustinus als erste Auferstehungszeugin genannt. Er lässt wie andere Theologen dieser Zeit die Figur eigenständig und formt keine neue daraus. Auch in der Ostkirche ist es so. Etwas später, im Frühmittelalter, beginnt in der Westkirche aber die Verschmelzung verschiedener Marien.

Frage: Welche Marien-Figuren meinen Sie?

Muschiol: Es sind andere biblische Frauenfiguren, die nun zu Maria von Magdala hinzu kommen und sie mehr und mehr ins Negative rücken. Es sind eigenständige Figuren, die eigentlich getrennt voneinander zu betrachten sind und doch zusammengedacht werden. Das ist die Sünderin, die Jesus im Lukasevangelium 7, 36ff. die Füße salbt. Dazu kommt Maria von Bethanien, die Schwester der Martha und des Lazarus, wie es im Lukasevangelium im Kapitel 10 berichtet wird. Dann kommt noch eine weitere namenlose Frau hinzu, die im Haus des Simon Jesus die Füße salbt, wie es der Evangelist Markus in 14, 3-9 berichtet. Diese Marien-Figuren werden mit der Maria von Magdala als Auferstehungszeugin wie bei Johannes 20, 1f. und 11 bis 19 und bei Lukas 14, 10 zu einer neuen Figur vermischt. Im Mittelalter kommt dann noch eine weitere Figur hinzu. Das ist Maria Aegyptica aus dem vierten und fünften Jahrhundert: laut ihrer Vita eine bekehrte Prostituierte, die nun als Eremitin in der Wüste lebt und angeblich nackt ist, nur von ihrem langen Haar bedeckt. Durch sie setzt sich die Vorstellung von Maria Magdalena als Prostituierter fest. Damit wird die ursprüngliche Maria von Magdala zum Typ der bekehrten Sünderin.

Frage: Wodurch kam es zu der vermischten Figur?  

Muschiol: Papst Gregor der Große hat an der Wende vom sechsten zum siebten Jahrhundert diese Gleichsetzung der unterschiedlichen Marien geprägt. Diese veränderte biblische Figur, weg von der Auferstehungszeugin hin zur reuigen Sünderin wurde neu geformt. Ursprünglich wird sie von den Synoptikern wie eine weibliche Führungsperson bei den Jüngerinnen geschildert, ähnlich wie Paulus bei den Jüngern. Wir haben seit dem siebten Jahrhundert immer diese gemischte Figur in den Erzählungen, eine Maria Magdalena, die es so nicht gegeben hat. Wir müssen daher in der Gegenwart immer genau hinschauen, welche verschiedenen biblischen und nachbiblischen Frauenbilder da zusammengesetzt wurden. Das sind Vorstellungen, die bis heute kirchliche Frauenbilder prägen. Nicht zuletzt, im Verlauf der Kirchengeschichte, steht meist die Sünderin Magdalena im Mittelpunkt.

Bild: © privat

Gisela Muschiol ist Theologin und Kirchenhistorikerin in Bonn und leitete bis Juni 2026 die Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Katholischen Fakultät.

Frage: Hatten diese Zuschreibungen einen Einfluss auf kirchengeschichtliche Ereignisse? 

Muschiol: Ein Beispiel ist die Apostolische Kirchenordnung, ein Text aus der frühen Kirche des zweiten Jahrhunderts. Dort wird argumentiert, dass Frauen zu schwach seien, so wie Maria von Magdala schwach gewesen sei. Es heißt weiter, wegen dieser Schwäche könnten nur Männer Priester werden. Heute können wir festhalten, dass schon in der Apostolischen Kirchenordnung eine Instrumentalisierung der Person geschieht. Und es gibt Phasen in der Geschichte, in der diese Instrumentalisierung aufgedeckt wird etwa in einer Schrift von 1622, als eine französische Philosophin diese Funktionalisierung genau benennt und sichtbar macht, dass Maria Magdalena durchaus eine Identifikationsfigur für Frauen sein kann, die den  Verkündigungsdienst übernahmen und übernehmen wollen.

Frage: Erst kürzlich hat der Vatikan die Laienpredigt in der Eucharistiefeier nicht erlaubt ...

Muschiol: Ja, noch heute wird es Frauen verboten in einer Eucharistiefeier zu predigen, auch wenn Norm und Praxis hier nicht mehr übereinstimmen. Frauen werden nach der Norm von der Verkündigung ausgeschlossen. Doch am Anfang aller Verkündigung steht die Frohe Botschaft, dass Jesus auferstanden ist. Und diese Botschafterin ist Maria von Magdala. Sie war die apostola apostolorum. Das darf die Kirche nicht mehr länger ausblenden. Die Apostel brauchten jemanden, der ihnen die Auferstehung verkündet. Ohne Maria von Magdalena gäbe es dieses Zeugnis der Auferstehung nicht. Maria von Magdala ist ein Vorbild für die Verkündigung von Frauen in der Kirche: Geh und sage meinen Brüdern, der Herr ist erstanden wie es im Johannesevangelium 20, 17f. steht. Diese biblische Aufforderung an Maria von Magdala darf man nicht länger überhören. Das ist eine Ermutigung für Frauen.

Frage: Papst Franziskus hat für die erste Apostelin Jesu ein Hochfest am 22. Juli eingeführt …

Muschiol:  Ja, wir haben fast 2000 Jahre darauf gewartet. So lange hat es gedauert, bis Maria von Magdala in ihrer Rolle als Apostelin der Apostel anerkannt wurde. Das feiern wir inzwischen am 22. Juli. Aber im Ursprung ist mit diesem Fest weiterhin die funktionalisierte Figur der Magdalena verbunden. In der Liturgie der Feier ist aber die biblische Maria von Magdala gemeint. Das kommt in den Texten für dieses Hochfest zum Ausdruck. Für viele Gläubige ist es nicht leicht zu verstehen, dass es da um verschiedene Figuren geht. Man kann diese Figuren auch aufgrund der langen Traditionen des Magdalenabildes schwer voneinander unterscheiden. Ob es gelingen kann, diese Differenzierungen für die Gläubigen verständlich zu machen, sei dahingestellt.

Frage: Bräuchte es ein neues Hochfest für Maria von Magdala im liturgischen Kirchenkalender?

Muschiol: Ja, letztlich schon. Maria von Magdala, die bei Jesus am Grab steht, bräuchte eigentlich ein eigenes Fest. Aber ist wohl kaum durchzusetzen, weil mit ihr als konstruierter Person bereits eine andere Tradition verbunden ist. Der Auftrag an Maria von Magdala in den Auferstehungsberichten ist herausragend. Sie ist als einzige Frau an Jesu Grab geblieben – und doch ist ihr die Rolle der Apostelin im Laufe der Kirchengeschichte nicht zugeschrieben worden. Die Jüngerinnen, die überliefert sind, verschwinden in der Geschichte der Kirche bereits sehr früh, nur die Jünger bleiben in ihrer Bedeutung. Wie etwa Petrus. Er war auch am Grab, er hat zuvor Jesus drei Mal verleugnet, doch für sein Apostolat ändert das nichts. Maria von Magdala steht ebenso in der apostolischen Reihenfolge, doch sie wird als zu schwach abgewertet. Und natürlich müssen wir darüber reden, dass es bis heute in der Geschichte der Kirche, und nicht nur dort, eine bewusste Verknüpfung von Sünde und weiblichem Geschlecht gibt. Zum Glück sind wir heute in der Lage, diese historisch gewachsenen Zuschreibungen und Funktionalisierungen zu dekonstruieren.

Madeleine Spendier