Peter Thiel beruft sich laut Bernhard Mallmann in seiner Apokalyptik auf Papst Benedikt XVI., kommt aber zu anderen Schlüssen. "Peter Thiel und Joseph Ratzinger denken beide apokalyptisch. Der eine malt sich den Weltuntergang aus, der andere spricht von der großen Hoffnung der Rettung durch das Gericht hindurch", schreibt der Wiener Dogmatiker am Dienstag in der Zeitschrift "Communio".
Mallmann analysiert Thiels Beitrag "The Pope and the Antichrist" in der US-amerikanischen Zeitschrift "First Things": Thiel liege richtig mit der Einschätzung, dass Ratzinger von Beginn seines theologischen Wirkens bis zuletzt die Fragen des Endes durchdacht habe. Doch schenke Kontemplation, die Ratzinger als Lebenshaltung der Endzeit verstehe, kein esoterisches Wissen über Zeit und Stunde, sondern offenbare eine mystische Erfahrung der Christusbeziehung.
Die in Jesus Christus Mensch gewordene Gottesliebe ist laut Mallmann das Zentrum von Ratzingers Denken. Nicht der technische Fortschritt, den Thiel beschwört, erlöse den Menschen, "sondern diese einfache Grundbestimmung des Menschen, in Beziehung zu leben und eine Beziehung zu Gott zu haben".
Was meint Apokalyptik?
Apokalyptik macht nach Mallmann die hoffnungsvolle Haltung deutlich, dass die Geschichte sich nicht selbst vollendet und erlöst, sondern dass Gott in seiner Barmherzigkeit alles zum Guten und zur Fülle führen werde. Apokalyptisches Hoffen spekuliere nicht über Zeiten und Personen "quasi als Roadmap der Endzeit", sondern wisse um die "rettende und richtende Tat Gottes", betont der Theologe.
US-Tech-Milliardär Peter Thiel bei einem Vortrag.
So sei Apokalyptik eben keine Hellseherei, "die mit panischem Schrecken unhintergehbar Besitz ergreift", und sie erlaube auch keine Schlussfolgerungen aus geschichtlichen Umständen. Im Gegenteil nehme das Wissen um die Rettung in Jesus Christus die Angst vor dem Ende. Nach Ratzinger schenke die Person Jesus von Nazareth in den Zeiten der Trübsal Zuversicht und lade zum Glauben ein. Thiel denke dagegen nicht "in der Logik des Personalen", sondern "in den Kategorien des Kosmos und der Algorithmen" und leite aus natürlichen Erscheinungen Fakten ab.
Thiel: Hans Küng als Antichrist
Thiel identifiziert laut Mallmann aufgrund biografischer Stationen Ratzingers in Tübingen den Antichristen mit Hans Küng. Dessen Projekt Weltethos, das für Frieden unter den Religionen und Kulturen wirbt, sei für Thiel die Haltung des Antichristen. Nun schmiede Thiel "seine apokalyptischen Allianzen" gegen "Feinde wie Küng" (Wortlaut Thiel). Dabei sei Thiel inhaltlich gar nicht so weit von dem entfernt, was er Küng vorwerfe.
Tatsächlich habe Ratzinger das Projekt Weltethos kritisch gesehen. Laut Mallmann würde Ratzinger jedoch bei Thiels Interpretation vor Vereinfachung warnen. Ratzinger sehe nicht schwarz oder weiß, sondern wäge ab und vermöge das Gute selbst dort zu sehen sowie zu akzeptieren, wo er aus seinen Überzeugungen nicht voll und ganz dahinter stehe. Der apokalyptische Kampf werde nicht zwischen Ratzinger und Küng ausgetragen, sondern betreffe in einer spirituellen Lesart jeden Einzelnen.
Die von Thiel propagierten technischen Entwicklungen seien für Ratzinger nicht Lösung, sondern Problem: "Die eigentliche Gefährdung der Menschheit macht Ratzinger in einer technischen Entwicklung aus, die Peter Thiel mit tatkräftigen Investitionen vorantreibt. Es sind die Bedrohung der Atomwaffen und die Versuchung der steten Selbstoptimierung des Menschen, die ihn letztlich zu zerstören drohen." Hier stehe Ratzinger gegen Thiel. Er erinnere daran, "dass ein ungehemmter technischer Fortschritt die Menschheit gefährden kann, wenn er nicht von einem Ethos der Verantwortung begleitet ist". (KNA)