Tück kritisiert Thiel: Ratzinger sah in Küng nicht den Antichristen
Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat die Aussagen des US-Tech-Milliardärs und rechtsradikalen Polit-Aktivisten Peter Thiel (Foto) über Papst Benedikt XVI. kritisiert. "Theologisch besteht das größte Problem der Ratzinger-Rezeption durch Peter Thiel darin, dass er die christologische Zentrierung von Zeit und Geschichte bei Ratzinger unbeachtet lässt", sagte Tück auf katholisch.de-Anfrage am Donnerstag. "Das Ende ist in Jesus Christus bereits angebrochen. Er ist Alpha und Omega. Die Angst vor dem Ende, die Sorge um eine aufhaltende Macht, die den Antichristen und die apokalyptische Krise abwendet, wird bei Ratzinger transformiert durch die Hoffnung, dass Christus das Heil durch das Gericht hindurch aufrichten wird." Dass die Wahrheit, die richte, aufgebrochen sei, um zu retten, sei die "erlösende Umprägung des Gerichtsgedankens" durch die christliche Theologie.
Thiel hatte am Mittwoch in einem Essay für das konservative Magazin "First Things" über sein Interesse am Antichristen geschrieben. Derzeit spreche niemand über den Antichristen – "was während des größten Teils der christlichen Geschichte als klares Zeichen für sein bevorstehendes Erscheinen gegolten hätte". In seinem Text nimmt der bekennende Protestant Thiel Bezug auf Papst Benedikt XVI. (2005–2013). Der ehemalige Papst sei fest davon überzeugt gewesen, er lebe in der Endzeit, schreibt Thiel. "Diese Behauptung schockiert uns, denn Benedikt entschied sich, erst in den letzten Jahren seines Lebens offen über dieses Thema zu sprechen – zu einem Zeitpunkt, als er bereits vom Papstamt zurückgetreten war, seine Verbündeten aus der Führungsspitze des Vatikans entfernt worden waren und ihm fast niemand mehr zuhörte", so Thiel. "Wir werden nie erfahren, warum er so lange gewartet hat."
Küng der Antichrist?
"Gewiss hat Ratzinger auch ein Bewusstsein der Endzeit, das er spirituell im Sinne der Wachsamkeit deutet", sagte Tück. Ratzingers Denken sei dabei vor allem vom Heiligen Augustinus von Hippo geprägt, der die Vorstellung eines 1.000-jährigen Friedensreichs domestiziert habe. "Das Böse ist bereits besiegt, Christus hat bereits seine Herrschaft angetreten – und die Zeit der Kirche ist das Interregnum des 1.000-jährigen Friedensreiches, das durch Parusie und Gericht zur Vollendung geführt wird."
Tück kritisierte zudem die Äußerungen Thiels zum 2021 verstorbenen Tübinger Theologen Hans Küng. Thiel unterstellt an mehreren Stellen seines Textes, Kardinal Joseph Ratzinger habe in Küng den Antichristen gesehen. Thiel bezieht sich dabei auf die "Kurze Erzählung vom Antichrist" des russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow. Das 1900 erschienene Buch ist eine apokalyptische Erzählung über das Erscheinen des Antichristen am Ende der Zeiten. Benedikt XVI. griff den Roman unter anderem in seinem Buch "Jesus von Nazareth" auf.
"Dass Ratzinger in seinem ehemaligen Tübinger Kollegen Hans Küng, dem er gleich zu Beginn seines Pontifikats 2005 eine Audienz gewährt hat, den Antichrist gesehen haben soll, ist eine kühne Konstruktion", sagte Tück. "Der religionsübergreifende Humanismus, der die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi einklammert, ließe sich cum grano salis auf Küngs Projekt Weltethos beziehen, allerdings übergeht Thiel in seinem gemeinsam mit Sam Wolfe geschriebenen Essay, dass der Antichrist bei Solowjow durch die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen promoviert wurde." Zudem habe Papst Benedikt XVI. das Antichrist-Motiv in seinem Jesus-Buch aufgenommen, um "eine historisch-kritische Exegese zu problematisieren, die von der untergründigen Prämisse ausgeht, dass Gott in der Geschichte gar nicht handeln könne". (cbr)
