Nicht von bestehenden Ämtern her denken

Theologe Hartmann: Reformen nicht ohne verändertes Kirchenverständnis

Wortgottesdienstleiterin
Bild: KNA/Harald Oppitz

Priestermangel, Strukturreformen und schwindende Bindung an die Sakramente stellen die Kirche nicht nur in Deutschland vor grundlegende Fragen. Der emeritierte Fuldaer Pastoraltheologe Richard Hartmann plädiert daher in seinem neuen Buch "Die Kirche und ihre Ämter neu denken" dafür, Kirche konsequent von ihrer Sendung her zu denken. Im Interview erläutert er, welche Auswirkungen das für die Frage nach kirchlichen Ämtern, das sakramentale Leben und die Gemeinden hätte.

Frage: Herr Hartmann, warum erscheint das Buch gerade jetzt?

Hartmann: Der Anstoß reicht etwas zurück. In einem Sammelband der Kirchrechtler Andreas Graßmann und Wilhelm Rees habe ich einen ausführlichen Beitrag über Gemeindeleitung durch Laien veröffentlicht. Ich wurde gebeten, diese Überlegungen weiterzuführen. Es sind sicher keine völlig neuen Ideen – aber solche, die wieder an Aktualität gewinnen. Denn wir brauchen angesichts der vielen Herausforderungen eine neue Orientierung, wofür wir Kirche sind.

Frage: Inwiefern?

Hartmann: Die Strukturreformen in den Diözesen, der drastische Rückgang der Priesterzahlen und inzwischen auch der pastoralen Mitarbeitenden werfen immer stärker die Frage auf: Wie lebt Kirche künftig weiter – und wer trägt sie? Gleichzeitig erleben wir, dass die Frage der Feier der Sakramente für viele Gläubige immer irrelevanter wird. Wenn die Kirchenleitung darauf nicht eingeht, geht die Frage nach der sakramentalen Struktur der Kirche verloren. Auch da lautet die Frage: Wer trägt diese Struktur eigentlich? Sind das nur die Bischöfe und die Priester? Oder gibt es andere Formen, die längst angedacht werden müssten und sogar Vorbilder in der frühen Kirchengeschichte haben?

Frage: Im Kern geht es also um die Frage des Selbstverständnisses der Kirche?

Hartmann: Genau. Die Kirche muss ihre Sendung neu entdecken. Es sollte bei allem darum gehen, dass die Verkündigung des Reiches Gottes im Mittelpunkt steht. Und das geht nicht mit einer flächendeckenden Gleichmacherei wie etwa bei den zahlreichen Umstrukturierungsprozessen in den Diözesen, sondern durch Menschen, die selbst inspiriert sind und daraus Kirche gestalten.

Theologieprofessor Richard Hartmann
Bild: © Privat (Archivbild)

Richard Hartmann war bis 2024 Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Fakultät Fulda.

Frage: Ihre Forderung ist daher ein grundlegender Perspektivwechsel: Kirche dürfe nicht länger von den bestehenden Ämtern her gedacht werden, sondern die Ämter vom Auftrag der Kirche her. Was meinen Sie damit?

Hartmann: Die entscheidende Frage sollte nicht mehr sein, wer aufgrund einer Vollmacht entscheidet, sondern welche Menschen Glauben glaubwürdig vermitteln. Gemeinde entsteht nicht dort, wo ein Pfarrer ist. Gemeinde entsteht dort, wo Jesus Christus gegenwärtig ist in den Sakramenten. Das unterstützen vorrangig die Priester. Aber es braucht eine andere Form von Amtlichkeit in der Kirche. Schon seit der Würzburger Synode (1971–1975) wird darüber diskutiert, wie dauerhaft beauftragte Laien stärker als Träger öffentlichen kirchlichen Handelns anerkannt werden können. Ich bin zwar kein Freund davon, jede Aufgabe mit einer offiziellen Beauftragung zu versehen. Aber je weniger Priester alle Aufgaben allein übernehmen können, desto stärker brauchen andere Menschen eine amtliche Sendung.

Frage: An welche Ämter denken Sie dabei?

Hartmann: Es geht um Aufgaben der Gemeinschaft und der Leitung, aber auch um Dienste der Verkündigung wie Katechese, der Liturgie (Gottesdienstleitung und Sakramentenspendung) und der Diakonie. Was hier geleistet wird, braucht amtliche Anerkennung im Grundgerüst unserer Kirche.

Frage: Sie haben die sakramentale Struktur der Kirche angesprochen – und kritisch hinterfragt, wer diese denn trägt. Bedeutet das, dass künftig mehr Menschen Sakramente spenden können sollen?

Hartmann: Wir brauchen zunächst eine neue Diskussion darüber, was ein Sakrament ist und wie sich ein Sakrament entwickelt. Das ist eine Aufgabe für Theologie und Lehramt. Aber die Antwort kann nicht sein: Ein Sakrament ist das, was ein Kleriker verwaltet und anbietet. Sakramente machen Gottes Gegenwart im kirchlichen Handeln transparent. Dann müsste man deshalb darüber nachdenken, ob die Frage der Leitung der Eucharistie wirklich an die gegenwärtige Struktur des Priesteramts gebunden sein muss.

Frage: Was würde dabei herauskommen?

Hartmann: Ich war vor 20 Jahren mit einer Studiengruppe in Lateinamerika. Dort haben wir einen Sonntagsgottesdienst bei einer Basisgemeinde besucht. Da war es selbstverständlich, dass es Mischformen gibt, bei denen die Kompetenz der Ordensfrauen, die den Gottesdienst vorbereitet haben, nicht weggewischt worden ist. Die Priester, die da mitgefeiert haben, haben das nicht aufgrund ihrer Leitungsverantwortung für diese kirchliche Einheit gemacht. Zugleich lohnt auch ein Blick in die Kirchengeschichte. In der frühen Kirche gab es andere Formen der Verantwortung für sakramentales Leben. Das Bußsakrament etwa war zunächst keineswegs ausschließlich an Priester gebunden. Solche Erfahrungen zeigen, dass Entwicklungen möglich sind.

Wir brauchen zunächst eine neue Diskussion darüber, was ein Sakrament ist und wie sich ein Sakrament entwickelt. (...) Aber die Antwort kann nicht sein: Ein Sakrament ist das, was ein Kleriker verwaltet und anbietet.

— Richard Hartmann

Frage: Was wäre in diesen Überlegungen die genuine Rolle oder Zuständigkeit des Priesters?

Hartmann: Mir geht es in erster Linie gar nicht um Zuständigkeiten, sondern um das Verständnis des priesterlichen Dienstes. Da bekenne ich mich natürlich auch zu meiner eigenen Tätigkeit als Priester: Wir sind Sakramente für das Volk Gottes. Mit der Art und Weise, wie wir leben, wie wir Zeugnis geben in diakonischen und gemeindlichen Umfeldern, sollen wir transparent sein für die größere Wirklichkeit Gottes. Es geht nicht zuerst um die Frage: Was kann oder darf der? Vielmehr geht es darum: Wer ist dieser Mensch und wie verweist er mit seinem Leben auf Jesus Christus? Wenn wir das ernst nehmen, verschiebt sich auch die Diskussion über kirchliche Ämter.

Frage: Welche Rolle spielt in der Kirche der Zukunft die klassische Pfarrei?

Hartmann: Es wird künftig unterschiedliche Formen von Kirche geben müssen. Ich selbst habe währen meiner Zeit am Lehrstuhl in Fulda immer gern in einer Dorfgemeinde mitgearbeitet. Gleichzeitig erlebe ich seit Jahrzehnten Verbände, geistliche Gemeinschaften oder Hochschulgemeinden, die sich als lebendige Orte kirchlichen Lebens verstehen. Diese "Doppelstrukturen" parallel zu den klassischen Pfarreien sollten gefördert werden. In den Strukturreformen der Diözesen – Fulda ist da ein Beispiel – gibt es ausdrücklich Elemente, welche die nicht-pfarrlichen Formen des Kircheseins institutionalisieren.

Frage: Alles, was sie nennen, klingt nach dicken Brettern, die gebohrt werden müssen.

Hartmann: Ja. Dabei beobachte ich zwei Entwicklungen: Zum einen wächst die Ratlosigkeit, weil die bisherigen Modelle offensichtlich nicht mehr funktionieren. Das eröffnet die Chance, nach Alternativen zu suchen. Zum anderen ist vielerorts eine neue Dialogbereitschaft entstanden, wie sie etwa im Synodalen Weg der Kirche in Deutschland sichtbar wurde. Zudem wird auch außerhalb des Rechts bereits Einiges neu gewagt.

Frage: Wie blicken sie generell auf das Thema Synodalität?

Hartmann: Die Dialogprozesse haben viel verändert. Sie haben das Klima verbessert und viele Menschen neu motiviert. Allerdings sehe ich auch Spannungen: Manche Entscheidungen aus der Kurie – wie zuletzt die Zurückweisung der Laienpredigt in der Messe – wirken eher gegen diesen Geist.

Frage: Dennoch wirken Sie, auch in Ihrem Buch, insgesamt sehr optimistisch.

Hartmann: Ja. Polemik hilft der Kirche nicht weiter. Mir geht es darum, an vorhandene Entwicklungen anzuknüpfen und sie theologisch weiterzudenken. Ich bin seit 43 Jahren Priester. In dieser Zeit habe ich viele Konflikte, aber auch viele Veränderungen erlebt. Immer wieder wurden Entwicklungen angestoßen, die zuvor kaum vorstellbar schienen. Deshalb bin ich überzeugt: Der notwendige Perspektivwechsel ist möglich. Wesentliche Reformen werden nicht gelingen, solange sich das Verständnis von Kirche und Amt nicht verändert.

Matthias Altmann

Das Buch

Richard Hartmann: Die Kirche und ihre Ämter neu denken. Ein Zwischenruf, Verlag Patmos 2026, 112 Seiten, ISBN: 978-3-8436-1667-6, 16 Euro.

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