Beliebte Musik, veränderte Liturgiegestalt

"Deutsche Messe" von Franz Schubert – Ein Klassiker auf dem Prüfstand

Notenhandschrift des Schubert-Heilig
Bild: Autograph/Österreichische Nationalbibliothek

"Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken": Auch viele Menschen, die sich nicht mehr zum regelmäßigen Gottesdienstpublikum zählen, werden dieses Lied mit der "Schubert-Messe" assoziieren. Noch bekannter hingegen sind freilich das Gloria und das Sanctus, die auch heute noch zu allerlei Anlässen gesungen werden. An Beliebtheit ist die "Schubert-Messe" in vielen Gegenden nicht zu übertreffen. Und so kommt sie beim Requiem ebenso zum Einsatz wie bei Trauungen oder anderen festlichen Gottesdiensten. Immer muss es Schubert sein!

Franz Schubert selbst war Sohn eines Lehrers und kam im Januar 1797 in einem damals noch eigenständigen Vorort Wiens zur Welt. Nach erstem Musikunterricht wurde er Sängerknabe in der Wiener Hofmusikkapelle, wo sein musikalisches Talent weiter gefördert wurde und erste Kompositionen aus seiner Feder entstanden. Zwar wollte Schubert wie bereits sein Vater als Lehrer unterrichten, doch nahm seine Kompositionsarbeit letztlich so viel Zeit in Anspruch, dass er den Lehrerberuf schon bald wieder an den Nagel hängte. Zahlreiche Werke waren entstanden, darunter neben geistlicher Musik auch etliche Bühnen- und Orchesterwerke, sowie über 600 Lieder, bevor Franz Schubert am 19. November 1828 verstorben ist.

Unklarer Anlass

Noch zwei Jahre vor seinem Tod, im Jahr 1826, entstand die "Deutsche Messe". Der Name rührt daher, dass die Texte der Choräle in deutscher Sprache verfasst waren und eben nicht in der Liturgiesprache Latein. Johann Philipp Neumann hatte die Komposition bei Schubert in Auftrag gegeben. Neumann fungierte zunächst als Rektor der Universität Graz und wurde schließlich Professor am Polytechnischen Institut in Wien. Was ihn dazu veranlasste, die Texte zur "Deutschen Messe" zu schreiben, lässt sich heute nicht mehr ergründen. Jedenfalls kamen die Texte an Schubert, der wohl in den Jahren 1826 und 1827 eine erste Vertonung vornahm. Zunächst konzentrierte er sich auf eine Fassung für vierstimmigen gemischten Chor und Orgel, um dann eine zweite Fassung zu schreiben, die für Chor, Orgel sowie Oboen, Klarinette, Fagotte, Hörner, Trompeten, Posaunen, Pauken und Kontrabass gedacht war.

Franz Schubert und Johann Philipp Neumann
Bild: © Public Domain (Archivbild)

Franz Schubert (links) komponierte seine "Deutsche Messe" im Auftrag des Textdichters Johann Philipp Neumann (rechts).

Die Uraufführung der Messe erlebte der Komponist Franz Schubert jedenfalls nicht mehr. Aufgrund eines Verbots des Erzbistums Wien durfte die Messe zunächst nicht im öffentlichen kirchlichen Rahmen zum Einsatz kommen. Und so dauerte es bis 1846, ehe die "Deutsche Messe" erstmals öffentlich erklang. Ferdinand Schubert, ein Bruder von Franz, hatte sich der Uraufführung angenommen. Er war es auch, der die Choräle erstmals in ein kirchliches Gesangbuch aufnahm. Mit diesem Zeitpunkt beginnt schließlich auch die steile Karriere jener Gesänge, die fortan vor allem als "Schubert-Messe" Bekanntheit erlangten. Zunächst vor allem in den österreichischen Gesangbüchern verbreitet, erfreute sie sich später auch in Bayern und ganz Deutschland großer Beliebtheit.

Die Texte und Melodien der "Schubert-Messe" sind Kinder der Romantik. Sie rücken vor allem den Menschen in den Mittelpunkt, der mit "Gram und Schmerz" und "mit mancher Schuld beladen" vor dem großen Gott steht. Im Angesicht Gottes erfährt sich der Mensch als "Staub", der Gott nicht mehr erweisen kann als Dank, Lob und Ehre. Die Texte der sind insgesamt von einer großen Innerlichkeit geprägt, die insbesondere Gefühlsregungen des Menschen thematisiert: "selig pocht's in meiner Brust", "und du, mein Heiland, bist zugegen, des Geistes Aug wird dich gewahr", "sie wehen Heil und Labung ins sturmbewegte Herz". Auch die Musik der Messe ist eingängig: Um jedermann den Gesang zu erleichtern, hat Schubert wohl bewusst auf schwierige Melodien und komplizierte Rhythmen verzichtet. Stattdessen bekommt man die Melodien der Choräle schnell ins Ohr und kann sich leicht dem Gemeindegesang anschließen.

Und heute?

Die "Schubert-Messe" besteht insgesamt aus acht Chorälen. Zum Eingang ist "Wohin soll ich mich wenden" vorgesehen, als Gloria "Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe". "Noch lag die Schöpfung formlos da" fungiert als Gesang zum Evangelium und Credo, zum Offertorium "Du gabst, o Herr, mir Sein und Leben". "Heilig, heilig, heilig! Heilig ist der Herr!" wird zum Sanctus gesungen, "Betrachtend deine Huld und Güte" nach der Wandlung, "Mein Heiland, Herr und Meister" zum Agnus Dei. Als Schlusslied dient "Herr, du hast mein Flehn vernommen".

Ihre große Beliebtheit hin oder her: Nach der Liturgiereform durch das Zweite Vatikanische Konzil ist die "Schubert-Messe" eigentlich für den Gottesdienst ungeeignet. Der Grund liegt in der Entstehungszeit der Messe: Früher wurde der ganze Gottesdienst in lateinischer Sprache gefeiert. Mikrofone waren noch nicht erfunden, weshalb die Gemeinde gerade in größeren Kirchen von den Gebeten des Priesters nichts oder nicht viel verstand. Deswegen entwickelte sich schnell die Praxis, dass das Volk seine eigene Andacht feierte, während der Priester die "Messe las". Man betete den Rosenkranz oder sang andere fromme Lieder, die nur zur Wandlung unterbrochen wurden.

Gotteslob-Gesangbücher liegen auf Kirchenbänken.
Bild: © KNA/Julia Steinbrecht (Symbolbild)

Das neue Gotteslob weist indirekt auf Problematik bei der Schubert-Messe hin.

Modern war die "Schubert-Messe" deshalb, weil sie in ihren Choraltexten die offiziellen liturgischen Texte zumindest anklingen ließ. Besonders deutlich wird das beim Sanctus: "Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr! Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er!" Hier wird das dreifache "Heilig" aufgegriffen, wie es auch im offiziellen liturgischen Text vorkommt. Dass es dabei häufig nur bei einem bloßen Anklingen bleibt, wird beim Gloria deutlich: "Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe!, singet der himmlischen selige Schar". Hier wird zwar der Text des Gloria aufgenommen, jedoch ausschließlich die erste Zeile "Gloria in excelsis Deo". Alle weiteren Inhalte wie der Lobpreis Christi kommen in der Liedparaphrase von Johann Philipp Neumann nicht mehr vor.

In diesem Entstehungskontext liegt auch die Problematik der "Deutschen Messe" für die heutige Liturgie. War in früheren Zeiten der Priester gewissermaßen alleine für die Gültigkeit der Messe zuständig, wurden infolge der Liturgiereform durch das Zweite Vatikanische Konzil das ganze Gottesvolk miteinbezogen, indem es an den wichtigen Texten der Eucharistiefeier aktiv partizipiert. Heißt konkret: Betete früher der Priester Gloria, Sanctus und Agnus Dei allein, betet oder singt heute die ganze zum Gottesdienst versammelte Gemeinde diese Texte. Aus dieser aktiven Teilhabe folgt aber auch, dass die gesungenen Texte auch den liturgischen Texten entsprechen müssen.

Mehrere Stellen

Dass die "Schubert-Messe" in weiten Teilen diesem Anspruch nicht genügt, wird an mehreren Stellen deutlich. Zum Beispiel eben beim Sanctus: Zwar greift der Choral das dreimal "Heilig" des Sanctus auf, verzichtet aber darauf, auch den "Hosanna"-Ruf und das Benedictus aufzunehmen. Stattdessen heißt es bei Schubert/Neumann: "Er, der nie begonnen, er, der immer war, ewig ist und waltet, sein wird immerdar!" Damit wird auf die Größe und Überzeitlichkeit Gottes angespielt, was nicht falsch ist, aber eben keine Entsprechung zum Sanctus der Liturgie darstellt.

Noch deutlicher wird das beim Agnus Dei: Im Messbuch heißt es "Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser" beziehungsweise beim dritten Mal "gib uns deinen Frieden". Bei Schubert/Neumann wird daraus das Lied "Mein Heiland, Herr und Meister", was eher einem Lied zum Friedensgruß entspricht, weil es in allen seinen vier Strophen den Frieden thematisiert. Das "Lamm, das opfernd tilgte" wird dabei nur randständig erwähnt.

Das neue Gotteslob weist indirekt auf diese Problematik hin: Die Schubert-Choräle (insofern sie überhaupt in den Stammteil aufgenommen wurden) finden sich nicht unter den offiziellen Messgesängen. Eine Ausnahme bildet "Wohin soll ich mich wenden", das weiterhin bei den Gesängen zur Eröffnung steht. Wenngleich die Beliebtheit der "Deutschen Messe" im Gottesvolk weiterhin sehr groß ist, sollte doch auch immer wieder kritisch hinterfragt werden, ob die entsprechenden Gesänge auch konform sind mit der aktuellen liturgischen Feiergestalt.

Fabian Brand