Der Theologe und USA-Experte Massimo Faggioli hat "die europäischen Eliten" vor einer "neuen theologischen Welle" gewarnt, die auf den alten Kontinent anrolle. Der Dubliner Professor für Ekklesiologie schreibt in einem am Dienstag veröffentlichten Gastbeitrag für das Kölner Internetportal "domradio.de", dabei handle es sich nicht um theologischen Traditionalismus: "Es ist etwas Neues und Anderes, das von autoritären Technokraten stammt, die sich als Theologen ausgeben."
Faggioli warnte, die alten politisch-theologischen Kategorien des europäischen Christentums reichten nicht mehr aus, um zu verstehen, was aus der amerikanischen Religion komme. Er verwies auf Peter Thiels Beitrag "The Pope and the Antichrist" in der US-amerikanischen Zeitschrift "First Things" und fasst zusammen, Thiel glaube, man befände sich in der Endzeit und in Zeiten des Krieges – "und zwar in einem Krieg, der seiner Ansicht nach größer sei als der mit dem Iran oder eines Tages mit China. Diese Denkweise ist extremer als die der gemäßigten konservativen katholischen Rechten", so Faggioli.
Vatikan heute "in einer zentralen Position"
In turbulenten Zeiten, in denen das Chaos durch das Zusammenwirken von Technologie, Geopolitik und Krieg noch verstärkt werde, habe Leo XIV. eine klare Vision und reagiere deutlich auf den Trumpismus. Seine Ansichten zu KI und Technologie stünden "im Gegensatz zu Thiel und den 'Technobros' des Silicon Valley", so Faggioli. Rom habe gelernt, sich seine Stimme nicht von außen diktieren zu lassen. So befinde sich der Vatikan heute "in einer zentralen Position, um das neue Wettrüsten und die Versuche, neue Kriegsnarrative zu schaffen, zu verstehen".
Nach Faggiolis Lesart kritisiert Thiel mit seinen abschließenden Worten "denn wenn die Zeit knapp und die Stunde spät ist, wer kann da noch auf Rettung durch philosophisches Schweigen hoffen?" die Theologie Benedikts XVI. und beschuldige indirekt auch dessen Nachfolger, darunter Leo XIV. Laut Faggioli hebt Thiel den deutschen katholischen Theologen Hans Küng (1928–2021) hervor und beurteilt Benedikt XVI. als zu ängstlich, um offen zu verkünden, dass wir in der Endzeit leben. Thiel lasse die Frage, ob Papst Franziskus der Antichrist war, vielsagend offen.
Wiener Dogmatiker interpretiert Thiel anders
Diese Lesart Faggiolis legt andere Schwerpunkte als die des Wiener Dogmatikers Bernhard Mallmann, der Thiels Beitrag so versteht, als identifiziere er den Antichristen aufgrund biografischer Stationen Ratzingers mit Hans Küng. Dessen Projekt Weltethos, das für Frieden unter den Religionen und Kulturen wirbt, sei für Thiel die Haltung des Antichristen. Nun schmiede Thiel "seine apokalyptischen Allianzen" gegen "Feinde wie Küng" (Wortlaut Thiel).
Wie Mallmann in einem Zeitschriftenbeitrag erläutert, berufe sich Peter Thiel in seiner Apokalyptik sogar in weiten Teilen auf Papst Benedikt XVI., komme aber zu anderen Schlüssen: "Peter Thiel und Joseph Ratzinger denken beide apokalyptisch. Der eine malt sich den Weltuntergang aus, der andere spricht von der großen Hoffnung der Rettung durch das Gericht hindurch". (KNA)