"Wenn wir dem Koran glauben, ist es nie zu spät, mit der Schöpfung neu anzufangen (…). Gott meint das Prinzip oder den Urgrund allen Lebens und damit aller Liebe, denn Leben entsteht aus Liebe, der Liebe zwischen Mann und Frau, der Liebe von Sonne und Blume, der Liebe zwischen Gott und Mensch, der Liebe überall im Tierreich zwischen Eltern und Kind."
Ich habe gestern mal wieder nach einem Buch des Orientalisten und Schriftstellers Navid Kermani gegriffen. "Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen" heißt es. Darin erzählt Kermani seiner heranwachsenden Tochter von der Religion, genauer: von dem, was alle Religionen eint. Für mich sind viele Gedanken, die er darin in unvergleichlich persönlicher und poetischer Weise zusammengetragen hat schon oft ein großer Trost gewesen. So auch gestern, nachdem ich von dem furchtbaren Anschlag auf die Menschen gelesen hatte, die in Berlin am CSD teilgenommen hatten. "Gott ist gerade nicht das Prinzip oder der Urgrund des Todes und damit des Hasses" schreibt Kermani weiter, "denn der Hass ist nicht schöpferisch, der Hass macht nur kaputt."
Natürlich braucht kein Mensch irgendeine Religion, um zu erkennen, dass Hass niemals die Grundlage für das Zusammenleben von Menschen sein kann. In unserer Verfassung gibt es die Grundrechte, und die sind unveräußerlich und unverhandelbar. Und doch wird der religiös beseelte Mensch in ihnen ein Prinzip wiederentdecken, dass auch Christentum und Islam durchwirkt wie der Sauerteig ein ganzes Brot: dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Anderen (der ja auch immer der ist, der mir fremd bleibt) zwei Seiten derselben Medaille sind.
"Und wenn wir Menschen seinen Geist in uns haben, wie es die Bibel und der Koran lehren, den Geist Gottes und damit das Prinzip des Lebens, dann entsprechen wir unserer eigenen göttlichen Natur, wenn wir lieben, statt zu hassen und wenn wir die Welt bewahren und jeden Tag neu erschaffen, statt sie zu zerstören" schreibt Kermani weiter. Wie könnte jemand, der davon erfüllt wäre auch nur die Hand gegen einen anderen erheben? "Die Heiligen sind wie die Erde" zitiert Kermani die islamischen Mystiker. "Sie gibt nicht die Steine zurück, die man auf sie wirft, sondern bietet uns stattdessen ihre Blumen an". Was bleibt also: Blumen anbieten, unverdrossen, jeden Tag, immer weiter.
Der Autor
Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.
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