"Ich lebe im Augenblick"

Der Literat und katholische Provokateur Martin Mosebach wird 75

Der Literat und katholische Provokateur Martin Mosebach wird 75
Bild: Stefano dal Pozzolo/Romano Siciliani/KNA

Der katholische Literat und Büchner-Preisträger Martin Mosebach ist seit Jahrzehnten Kritiker und Provokateur seiner Kirche. Er sieht in den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) keinen Fortschritt hin zu einer Öffnung der Kirche. Im Gegenteil. Er will zurück zur Alten Messe. Am Freitag wird Mosebach 75 Jahre alt. "Das Altwerden muss ich zur Kenntnis nehmen, aber ich lebe nicht in Erinnerungen, sondern im Augenblick", sagte Mosebach jetzt der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Mosebach war 15 Jahre alt, als er zum ersten Mal nach Rom kam. Zu seinen literarischen Werken gehören die 1997 erschienenen Erzählungen "Die schöne Gewohnheit zu leben. Eine italienische Reise". Marokko hat er besucht, Korea, Indien und den Iran, aber immer wieder kehrte er nach Rom zurück. Nach wie vor lebt er aber in seiner Heimat Frankfurt am Main. Reist er mit bald 75 Jahren noch viel? "Gern würde ich mich bis an mein Lebensende auf große Reisen begeben – sie helfen mir, mich mit der Gegenwart abzufinden", sagt er.

"Glaubensweitergabe zum Erliegen gebracht"

Die gegenwärtige katholische Kirche fühlt sich für Mosebach defizitär an. Aus seiner Sicht hat sich die Kirche Ende der 1960er Jahre mit ihrer Absage an die alte Gottesdienstform ihrer Substanz beraubt. Was Papst Paul VI. mit der Liturgiereform angestoßen habe, habe "faktisch die Weitergabe des Glaubens der Kirche in einem erschreckenden Ausmaß geschwächt oder gar zum Erliegen gebracht", sagt Mosebach.

Ihn stört vor allem die praktische Umsetzung der Reform des gottesdienstlichen Lebens der katholischen Kirche: "Die wenigen Katholiken, die heute noch in die Sonntagsmesse gehen, haben die Kenntnis dessen, was das eucharistische Opfer ist, weitgehend verloren", behauptet Mosebach. Die Kirche sei "durch die Liturgiereform in ihrem Erscheinungsbild und in ihrer Substanz schwer verwundet worden".

Autor mit "urwüchsiger Erzählfreude"

Seit er 1983 seinen Debütroman "Das Bett" veröffentlicht hat, schreibt Mosebach Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays über Kunst, Literatur, Reisen sowie über religiöse und politische Themen. 2002 veröffentlichte er seine Polemik gegen die katholische Liturgiereform. Der provozierende Buchtitel: "Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind".

2007 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet, dem wichtigsten Preis für deutsche Literatur. Die Jury lobte die "stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude" in Mosebachs vielfältigem Werk.

Kirche ist "kein Diskussionsclub"

Seine Kirchenkritik riss nie ab. 2015 warf er Papst Franziskus Desinteresse an Theologie vor. Positive Einschätzungen über den 2025 verstorbenen Papst – etwa durch die Theologin Johanna Rahner – kann Mosebach nicht nachvollziehen. Rahner hatte Franziskus gelobt, weil er "neue Methoden der Entscheidungsfindung und des Austausches angestoßen und etabliert" habe und man anders als bei Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nun "wieder offen diskutieren" könne.

Bild: © picture alliance/Erwin Elsner (Archivbild)

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren. Der Schriftsteller ist Preisträger des Georg-Büchner-Preises 2007 und lebt zur Zeit als Stipendiat in Rom.

"Ich weiß gar nicht, was da alles 'offen diskutiert werden' soll", sagt Mosebach. Die Kirche sei "kein Diskussionsclub, sondern der mystische Leib des Herrn, innerhalb dessen die göttliche Gegenwart erlebt und angebetet wird".

"Papst Leo friert Status quo ein"

Mosebach wird deutlich: "Ich hoffe dringend, dass Papst Leo mit den 'neuen Methoden der Entscheidungsfindung' von Papst Franziskus bald aufräumen wird, vor allem mit 'Synoden', die mit der gesamten synodalen Tradition der Kirchengeschichte brechen."

Leo wolle allerdings wohl einen scharfen Bruch mit dem Pontifikat seines Vorgängers vermeiden und habe sich "offenbar entschlossen, zunächst den Status quo gleichsam einzufrieren".

"Unglücklich" über Vorgehen gegen Piusbrüder

Traditionalistisches Denken hat zugleich in der aktuellen katholischen Kirche einen schweren Stand. Das zeigt das Vorgehen von Papst Leo XIV. gegen die Piusbrüder, die entscheidende Reformen des Zweiten Vatikanums ablehnen. Nach Bischofsweihen ohne Papsterlaubnis war die Exkommunikation der Beteiligten festgestellt worden.

"Ich bin unglücklich über diese Exkommunikationen, weil sie das große Problem der Liturgie der Kirche auf einer unteren, disziplinären Ebene angehen, anstatt zu versuchen, den entstandenen Schaden auf theologische und spirituelle Weise grundsätzlich zu beheben", sagt Mosebach. Was hier im Argen liege, könne "nicht mit solchen Verwaltungsakten" geheilt werden.

Viel Stoff zum Nachdenken also für einen katholischen Schriftsteller wie Martin Mosebach, der jetzt sagt: "Jedes Buch, das ich schreibe, ist für mich mein erstes." Ein Lebensmotto habe er nicht, auch nicht mit 75 Jahren: "Dazu steht mir mein Leben nicht deutlich genug vor Augen."

Norbert Demuth (KNA)