In der christlichen Community hört man gerne, in der Bibel sei 365-mal der Satz "Fürchte Dich nicht" zu lesen. Ein einfacher Blick in eine Konkordanz würde allerdings genügen, um festzustellen, dass es keine 100 Belegstellen sind. Theologinnen und Theologen sollten sich die Mühe machen, nicht jeden pastoralen Kitsch ungeprüft zu wiederholen, auch wenn er einfach magisch klingt.
Was innerchristlich gilt, hat im interreligiösen Dialog noch größere Bedeutung. Es ist nicht nur auffällig, dass angesichts des mörderischen Anschlags eines radikalen Muslims auf den Christopher Street Day in Berlin sich viele Kirchenvertreter eilfertig bemüßigten, festzustellen, dass der Großteil der hier lebenden Muslime friedfertig sei. Das stimmt selbstverständlich. Man kann sich aber auch fragen, warum in einer Art "Churchsplaining" vorweggenommen wird, was eigentlich von der muslimischen Community kommen müsste – und mittlerweile in Teilen ja auch gekommen ist.
Oft wird hier der Satz "Wer einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten" aus Sure 5,32 des Korans zitiert. Viele dürften sich den Kontext nicht genau angesehen haben. Nicht nur, dass der Koran hier nicht eine genuin islamische Aussage zitiert, sondern den Talmud, näherhin den Traktat Sanhedrin 4,5 und das auch durch die Wendung "Aus diesem Grund [gemeint ist der Brudermord] haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben …" kenntlich macht; im weiteren Verlauf wird deutlich, dass die Wendung sich offenkundig exklusiv an Muslime wendet. Den Ungläubigen, also auch Juden und Christen, wird nämlich nur wenige Verse später das Höllenfeuer angedroht: "Eine schmerzhafte Strafe haben sie zu erwarten. Sie möchten einst aus dem Höllenfeuer herauskommen, aber sie werden nicht mehr daraus herauskommen. Eine beständige Strafe haben sie zu erwarten." (Sure 5,36f)
Ist also alles verloren? Mitnichten. Ich plädiere allerdings dafür, es nicht bei kitschigen Banalitäten, die bestenfalls sedieren, zu belassen, sondern einen offenen und kritischen Dialog der Religionen zu beginnen, der mehr will als anästhetische Autosuggestion, sondern geprägt ist von ernsthafter Toleranz. Wenn es notwendig ist, muss auch gestritten werden. So viel Respekt voreinander sollte schon sein. Fürchtet euch nicht!
(Die Koranzitate entstammen der Übersetzung von Rudi Paret.)
Der Autor
Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.