Dem sowjetischen Diktator Josef Stalin wird das Spottwort zugeschrieben, der Kommunismus passe zu Polen wie ein Reitsattel auf eine Kuh. Zumindest soweit wird er mit dem glühenden Antikommunisten Stefan Wyszyński einer Meinung gewesen sein. Doch hätte derselbe Stalin, der einst höhnisch fragte, wie viele Divisionen denn der Papst habe, wohl gestaunt, was ein Papst aus Polen dann in den 1980er Jahren mit dem Kommunismus anstellte.
Kardinal Wyszyński hatte prophezeit, sein junger Amtsbruder Karol Wojtyła werde einst "die Kirche ins 21. Jahrhundert führen". Er behielt Recht; Wojtyła wurde zu Papst Johannes Paul II. (1978–2005) und später sogar heiliggesprochen.
Wyszyński war von 1948 bis zu seinem Tod 1981 der höchste Würdenträger der Kirche in Polen. 1924 zum Priester geweiht, lehrte er zunächst Kirchenrecht und Soziologie in Włocławek. Während der deutschen Besatzung war er Seelsorger der Untergrundarmee und versteckte wiederholt verfolgte Juden.
Einheit von Nation und Katholizismus
Pius XII. ernannte Wyszyński 1946 zum Bischof von Lublin und im November 1948, nach dem Tod von Kardinal August Hlond, zum Erzbischof von Warschau und Gnesen und damit zum Primas von Polen. Auf dem Höhepunkt der kommunistischen Kirchenverfolgung wurde Wyszyński 1953 inhaftiert und erst 1956 wieder freigelassen. Seine Wurzeln hatte er in der traditionellen ländlichen Frömmigkeit der Polen – und in der felsenfesten Überzeugung der Einheit von Nation und Katholizismus.
Wyszyński war ein politischer Fuchs und besaß ein sicheres strategisches Gespür. Doch bei einem lag er zunächst sehr falsch: dem jungen Karol Wojtyła. Lange hatten sich die Kommunisten Zeit gelassen, um einen – in ihren Augen – geeigneten, nicht zu "politischen" Bischofskandidaten für Krakau auszuwählen. In Wojtyła, Jahrgang 1920, sahen sie einen intellektuellen Schöngeist, der keinen Ärger macht. Ein Urteil, das sie mit Wyszyński teilten; der hielt ihn, etwas ratlos, für "einen Dichter".
Papst Johannes Paul II. reiste vom 2. bis 10. Juni 1979 nach Polen. Begrüßt wurde er auf dem Flughafen unter anderem von Kardinal Wyszyński.
Wojtyła war keineswegs Wyszyńskis Wunschkandidat. Doch der junge Krakauer zeigte sich ihm gegenüber sehr loyal – zum Ärger der Kommunisten, die gehofft hatten, durch ihre Unterschiedlichkeit einen Keil zwischen die beiden treiben zu können. Der gelernte Schauspieler und Schriftsteller Wojtyła konnte die Jugend begeistern. Und er konnte auch jene städtische Intelligentsia mit der Kirche als oppositioneller Kraft verbünden, der der bodenständige Wyszyński eher misstraute.
Der Primas mied kirchliche Neuerungen
Der Kampf gegen den Kommunismus einte die beiden Kirchenführer trotz aller Unterschiede. Ihre Strategie war nicht offene Konfrontation mit dem Regime, sondern Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit. Wie sein Krakauer Pendant nahm auch Wyszyński an allen Sessionen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) teil. Doch anders als Wojtyła mied der Primas kirchliche Neuerungen, um nicht das Band zwischen Kirche und Volk zu gefährden.
Wojtyła kämpfte vor allem mit den Waffen des Intellektuellen – mit Zuhören, Diskutieren und Ausloten. Die Formulierung der Religionsfreiheit durch das Konzil gab ihm ein ähnliches Dynamit in die Hand wie später die KSZE-Schlussakte von Helsinki: Religionsfreiheit als positives Menschenrecht, das man einfordern kann. Deshalb konnte Wojtyła beim Konklave 1978 viele Stimmen aus den USA und Westeuropa auf sich vereinen, während Wyszyński nicht zum die Blöcke übergreifenden "papabile" taugte.
"Wir vergeben und bitten um Vergebung"
Von historischer Bedeutung ist das unter Wyszyńskis Leitung 1965 verfasste "Wort der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Bischofsamt", mit dem ein tiefer Versöhnungsprozess startete. Zentral waren die Worte: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Es wirkt bis heute in den deutsch-polnischen Beziehungen fort.
In Polen wird Wyszynski noch immer als "Primas des Jahrtausends" verehrt. 2019 teilte der Vatikan die Anerkennung eines Heilungswunders auf Wyszyński Fürsprache mit; damit war der Weg für seine Seligsprechung im September 2021 frei.