Standpunkt

Ein gemeinsamer Religionsunterricht kann zum Gewinn werden

Schüler zeigen im Religionsunterricht auf
Bild: KNA/Julia Steinbrecht

Je weiter die Mitgliedszahlen der beiden großen christlichen Kirchen sinken, desto drängender wird die Frage nach der Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts: Ist er noch Ausdruck des Verhältnisses von Staat und Kirche oder vielmehr unliebsame Verpflichtung aus längst vergangener Zeit?

An die Seite der Grundsatzfragen sind die pragmatischen Realitäten schwindender Ressourcen getreten. So entwickelten einige Bundesländer bereits Regelungen für den "konfessionell-kooperativen Religionsunterricht" oder den "christlichen Religionsunterricht". Skepsis nach dem Motto "Das ist ein Verlust katholischen Profils!" halte ich für unbegründet. Im Gegenteil: Ich sehe große Chancen darin, Lernende im Klassenverband in Glaubens- und Wertefragen zu unterrichten.

Die Lerngruppen müssten nicht mehr durch Kopplung aus mehreren Klassen gebildet werden. Lernende und Lehrende müssten sich kontinuierlich über die Grundlagen für ein respektvolles Miteinander verständigen. Lernende, die eine christliche Glaubenspraxis mitbringen, wären wunderbare Gesprächspartner für ebenfalls fest in ihrer Glaubenspraxis geübte muslimische, jüdische, buddhistische oder hinduistische Kinder. Kirchengeschichtliche Zentralereignisse wie die Reformation würden gemeinsam behandelt. Würden Inhalte der Weltreligionen unterrichtet, wären oft Lernende selbst Auskunft gebende Expertinnen und Experten. Lehrende wären im besten Sinne Lernbegleiter.

Ich wünsche mir viel Praxisnähe und Optimismus für eine Neuordnung des Religionsunterrichts. Bei der Beschreibung des Ziels halte ich das Diktum des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde für hilfreich: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Ziel eines guten Religions- und Ethikunterrichts sollte es sein, mit den Lernenden eben jene Voraussetzungen zu thematisieren, die der freiheitliche, säkularisierte Staat eben nicht garantieren kann, indem er in Anlehnung an Kant fragt: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? 

Dann wird er zum Gewinn: Für Lernende, Lehrende, den voraussetzungsbedürftigen Staat und die sich immer wieder neu bestimmende Kirche.

Katharina Goldinger

Die Autorin

Katharina Goldinger ist Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer und Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium. 

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.