Nur wer mindestens zwölf Jahre alt ist, darf das neue Buch des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. lesen. Der Verlag des Moskauer Patriarchats klebt auf das schwarz-graue Buchcover "12+"-Sticker. So schreibt es ein russisches Gesetz vor "zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihrer Gesundheit und Entwicklung schaden". Russlands Staatsführung aber gefällt das Buch mit dem Titel "Krieg. Jenseits sichtbarer Gründe und Folgen".
Das Kirchenoberhaupt ruft in seinem 240 Seiten dicken Werk zum Siegeswillen im Ukraine-Krieg auf. Die Russen müssten für Gott in den Krieg ziehen, so sinngemäß sein Appell. Auf der Buch-Rückseite steht, der Ausgang des Kriegs werde von Gott bestimmt. Es gewinne, wer "auf der Seite des Lichts steht". Und: "Unsere irdische Berufung besteht darin, Krieger des Herrn zu sein, dem Bösen entgegenzutreten und hohe moralische Ideale zu verteidigen."
Außerhalb Russlands hat noch kaum jemand Kyrills Publikation gelesen. Die Botschaft des 79-Jährigen ist dennoch klar. Der Patriarch bekräftige, "dass das russische Volk die Macht hat zu gewinnen" und es sich "der historischen Pflicht zum Sieg" nicht entziehen dürfe, fasst der Moskauer Kirchenverlag den Buchinhalt zusammen. Ein Kapitel heißt "Die erlösende Bedeutung des Kriegs", ein anderes "Der rassische Aspekt des Kriegs". Das letzte Kapitel: "Der heilige Krieg".
"Buch liest sich wie NSDAP-Blatt"
Eine Welle der Empörung bahnt sich an. Dem im tschechischen Exil lebenden russisch-orthodoxen Diakon Andrej Kurajew kam es bei der Lektüre des Buchs manchmal so vor, als würde er "etwas aus der Parteipresse der NSDAP lesen". Was der Patriarch schreibe, wirke wie eine angepasste Übersetzung von Richtlinien der nationalsozialistischen "Glaubensbewegung Deutsche Christen". "Aber das ist nicht die Mission des Christentums", betont Kurajew in seinem Blog.
Auch die griechisch-katholische Kirche der Ukraine protestierte gegen das Buch. "Wir glauben an Gott, der die Quelle des Friedens ist", sagte ihr Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk. Das russische Kirchenoberhaupt predige dagegen einen "Gott, der den Krieg segnet".
Von Anfang an unterstützte der Moskauer Patriarch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Von Anfang an unterstützte der Moskauer Patriarch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er versprach russischen Soldaten 2022 sogar, sie würden von all ihren Sünden reingewaschen, wenn sie im Krieg fallen.
Krieg als ikonisches Heilsgeschehen?
Schon der Buchtitel "Krieg. Jenseits sichtbarer Gründe und Folgen" verdeutlicht der Theologin Regina Elsner zufolge den "verschwörungstheoretischen Rahmen", in dem Kyrill I. gern argumentiere. "Nur er beziehungsweise die kirchliche Tradition seiner Kirche vermag das eigentliche Geschehen zu deuten. Nicht Politik, sondern die metaphysische Dimension, die Frage nach der Erlösung des Menschen stünden im Hintergrund der aktuellen Ereignisse", sagte die Münsteraner Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Damit erkläre der Patriarch alle sachlichen Argumente gegen den Krieg – Menschenleben, Zerstörung von Land und Natur, wirtschaftliche Kosten – für völlig irrelevant. Elsner findet an dem Buch auch die schwarz-weißen Illustrationen mit Ikonen bemerkenswert, die von historischen Darstellungen bis zu den aktuellen Kriegsereignissen reichen: "Damit wird versucht, den aktuellen Krieg in das ikonische Heilsgeschehen einzubinden."
Schon der Buchtitel "Krieg. Jenseits sichtbarer Gründe und Folgen" verdeutlicht der Theologin Regina Elsner zufolge den "verschwörungstheoretischen Rahmen", in dem Kyrill I. gern argumentiere.
Schon lange wirbt sie dafür, dass internationale Akteure, staatliche wie kirchliche, Kyrills politische Rolle ernst nehmen. Das Kirchenoberhaupt vertrete "eine klare geopolitische und kriegsfördernde Agenda". Seine Botschaft und seine kirchliche Autorität mobilisierten Tausende Menschen und verhinderten vor allem eine wirksame Opposition gegen den Krieg innerhalb der Kirche und innerhalb Russlands.
Theologin Elsner: Strafen sind überfällig
"Der Patriarch steht damit in einer klaren Verantwortung für diesen Krieg", so die Russland-Expertin. Sie plädiert für "überfällige politische beziehungsweise wirtschaftliche Sanktionen" sowie "ebenso überfällige deutliche kirchliche und theologische Zurückweisungen und Strafen, besonders auch innerhalb der orthodoxen Kirchen".
Kritik von Bischöfen seiner Kirche aus Deutschland muss der Moskauer Patriarch eher nicht befürchten. Sie stehen treu zu ihrem Oberhaupt. Der Sekretär der deutschen Diözese der russisch-orthodoxen Auslandskirche hält Kyrills Buch für unwichtig. "Ich gebe zu, keines der Bücher des Patriarchen Kyrill gelesen oder in meiner Bibliothek zu haben. Und auch dieses neue Buch besitze ich nicht", sagte Erzpriester Nikolai Artemoff der KNA in München. Um ein Buch zu bewerten, müsse er es aufmerksam durchlesen und analysieren. Alles andere sei unseriös.