Das Gedenken an Brüsewitz lebt dank Filmen weiter

Warum sich ein Pfarrer in Sachsen-Anhalt einst selbst anzündete

Pfarrer Oskar Brüsewitz im Portrait
Bild: epd-bild/Karl-Adolf Zech

"Funkspruch an alle – Funkspruch an alle – Wir klagen den Kommunismus an wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen", hatte Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 auf zwei Plakate auf das Dach seines Autos im sachsen-anhaltischen Zeitz geschrieben. Dann nahm Brüsewitz den Kanister mit Benzin. Es floss über seinen Körper. Anschließend zündete er sich an. Bevor sie den schwer verletzten Brüsewitz abtransportierten, entfernten die Staatssicherheitsbeamten die Plakate – offenbar war ihnen das Entfernen der Kritik wichtiger als die Rettung eines Menschenlebens.

Für die SED-Machthaber und die von ihr gelenkte Presse war Brüsewitz ein Geisteskranker. Die evangelische Kirche distanzierte sich von seiner Tat, wandte sich aber zugleich gegen eine Verurteilung des "Bruders". Konservative im Westen sahen in ihm einen Kronzeugen gegen die DDR und die Entspannungspolitik. Es ist nun 50 Jahre her, dass sich Brüsewitz vor der Michaelskirche in Zeitz anzündete, und wenige Tage später seinen Brandverletzungen erlag. Auch ein Film zeigt das tragische Schicksal des gesellschaftskritischen Pfarrers. Thomas Frickel hat die Geschichte in "Der Störenfried – Ermittlungen zu Oskar Brüsewitz" im Jahr 1992 dokumentarisch eingefangen. Erst in diesem Jahr hat Frickel Brüsewitz dann noch mal zu neuer Aktualität verholfen: Zum bundesweiten Tag der Archive übergab der Filmemacher dem Landeskirchenarchiv Magdeburg sein ungeschnittenes Filmmaterial, Fotos und Briefe, darunter den originalen Abschiedsbrief von Brüsewitz "An die Schwestern und Brüder des Kirchenkreises Zeitz".

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erinnert zum Todestag von Brüsewitz an einen "engagierten Pfarrer mit ungewöhnlichen Ideen". Sein Glaube und sein missionarisches Engagement hätten ihn in Konflikt mit der SED gebracht. "Dabei fühlte er sich auch von seiner Kirche nicht immer verstanden", so die Mitteldeutsche Kirche. "Sein Leidensdruck wurde so groß, dass er auf eine äußerste Art Zeugnis geben wollte für Jesus Christus, ein schockierendes Zeichen seiner Verzweiflung."

"Priester unter Hitlers Tribunalen"

Tatsächlich stand die Selbstverbrennung am Ende eines ungewöhnlichen Lebenswegs. Der 1929 im Memelgebiet geborene Brüsewitz kam nach dem Krieg mit seiner Familie zunächst nach Westfalen und wurde Schuhmacher. 1954 siedelte Brüsewitz in die DDR über, wo er in Kontakt mit der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde kam. Nach einer Ausbildung an der Erfurter Predigerschule wurde er 1969 Pfarrer in Rippicha.

Erich Honecker war bis 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR
Bild: © picture alliance/AP Photo

Im Rückblick stellt sich die Aktion von Brüsewitz als ein Wendepunkt in der Geschichte der DDR dar. Der damalige Staatsratsvorsitzende Erich Honecker sprach von einem der "größten konterrevolutionären Akte gegen die DDR".

Schon vor der Verbrennung übte Brüsewitz symbolhafte Kritik. So installierte er auf seinem Kirchturm ein drei Meter hohes Kreuz aus Neonröhren, das bei Dunkelheit von weitem zu sehen war. Auf die Parole "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein" antwortete er mit der Losung "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott", die er auf einem Pferdefuhrwerk durch Zeitz fuhr. Doch Brüsewitz war nicht nur ein politischer Provokateur. Freunde und Kollegen erinnern sich auch an einen "begnadeten Seelsorger" und "zutiefst frommen Menschen", an einen lebensfrohen Mann.

Unterstützung der Kirchen begrenzt

Auf Druck der SED legte die Kirchenleitung Brüsewitz nahe, in einem unbelasteten Umfeld neu zu beginnen. Dies war offenbar der letzte Anstoß zur Selbstverbrennung, die er aber schon länger plante, wie er auch in seinem Abschiedsbrief schrieb. Zuvor hatte er sich intensiv mit dem Buch "Priester unter Hitlers Tribunalen" und besonders mit der Biografie Dietrich Bonhoeffers beschäftigt. Brüsewitz ist nicht der einzige Geistliche, der in diktatorischen Regimen von Kirchen – egal, ob katholisch, evangelisch oder orthodox – mehr Rückhalt gefordert hat. Das macht seine Biografie bis heute so relevant.

Die Beerdigung am 26. August war ein Politikum. Trotz staatlicher Einschüchterungsmaßnahmen kamen mehrere Hundert Trauergäste, darunter 80 Pfarrerinnen und Pfarrer im Talar sowie drei katholische Geistliche in Amtskleidung.

Großer "konterrevolutionärer Akt"

Im Rückblick stellt sich die Aktion von Brüsewitz als ein Wendepunkt in der Geschichte der DDR dar. Der damalige Staatsratsvorsitzende Erich Honecker sprach von einem der "größten konterrevolutionären Akte gegen die DDR". Die Erinnerung an den Pfarrer soll nun offenbar erneut filmisch verarbeitet werden: So kündigte Brüsewitz' jüngste Tochter Dorothea Eichmann für den 23. August, also den Folgetag des 50. Todestages ihres Vaters, die Vorstellung eines neuen Dokumentarfilmes an.

Nikolas Ender (KNA)