Standpunkt

Wer den Religionsunterricht abschaffen will, macht einen Denkfehler

Ein Schüler meldet sich im Religionsunterricht
Bild: KNA/Harald Oppitz

Mit dem neuen Schuljahr, das in diesen Wochen nach und nach in Deutschland startet, dürften auch die Debatten über den Religionsunterricht an den Schulen wieder beginnen. Schließlich hat der seit Langem ein Imageproblem. Für die einen ist er indoktrinierend und ein verlängerter Arm kirchlicher Missionsbemühungen. Für die anderen vermittelt er längst nicht mehr genug Glaubenswissen. Beides wird dem Fach nicht gerecht.

Gerade in einer pluraler werdenden Gesellschaft verschwindet Religion nicht einfach. Vielmehr wird sie vielfältiger – und damit komplizierter. Schülerinnen und Schüler begegnen unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen. Zugleich zeigen Konflikte um den Ramadan oder religiöse Kleidungsvorschriften: Religion ist keineswegs nur Privatsache. Wer Religion nicht versteht, kann solche Konflikte nur schwer einordnen. Und wer religiöse Begriffe, Texte und Traditionen nicht kennt, ist darauf angewiesen, was andere darüber erzählen – im schlimmsten Fall in Form von Klischees, Vorurteilen oder fundamentalistischen Vereinfachungen.

Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe des Religionsunterrichts: Er schafft einen Ort, an dem über Religion gesprochen werden kann, ohne sie entweder zu tabuisieren oder unkritisch zu feiern. Schülerinnen und Schüler können lernen, was Christen glauben, warum Juden und Muslime bestimmte Überzeugungen haben, wo es Gemeinsamkeiten gibt und wo Unterschiede liegen. Und sie können erkennen, dass es innerhalb jeder Religion unterschiedliche Auslegungen gibt. Das ist wichtige Bildungs- und Demokratiearbeit, die angesichts wachsender religiöser Vielfalt und zunehmender Religionskonflikte wichtiger denn je ist.

Natürlich muss sich der Religionsunterricht verändern, wenn das religiöse Vorwissen abnimmt. Er muss Grundlagen vermitteln, ohne bei der Wissensabfrage stehenzubleiben, offen für andere Religionen und Weltanschauungen sein, ohne sein eigenes Profil aufzugeben, und Raum für Zweifel und Kritik lassen. Wer aus der wachsenden Säkularisierung folgert, Religion könne aus dem Stundenplan verschwinden, macht einen Denkfehler: Gerade weil Religion für viele Menschen weniger selbstverständlich ist, sollten Kinder und Jugendliche etwas über sie lernen. Denn Unwissen macht nicht religionsfrei, sondern sprachlos – und mitunter anfällig für die lautesten und radikalsten Stimmen.

Steffen Zimmermann

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.