Für viele konservative Katholiken gilt das Stift Heiligenkreuz im Wienerwald als eine Art Oase. Im Gegensatz zu anderen Klöstern im deutschsprachigen Raum, die große Nachwuchsprobleme haben und buchstäblich wegsterben, wuchs die österreichische Zisterzienserabtei in den vergangenen Jahren rasant und zog Novizen aus vielen Ländern an. Nach Angaben des Klosters waren im Jahr 2025 über 100 Mönche Teil des Konvents. Als Hauptgrund dafür sehen Gläubige, die dem Stift verbunden sind, den klar traditions- und lehramtsverbundenen Kurs der Gemeinschaft. Und der Hochschule, die die Abtei betreibt – nicht nur zur Ausbildung der eigenen Novizen, sondern auch anderer angehender Geistlicher.
Nun steht die Abtei vor einem einschneidenden Schritt – nach Wirbel in den vergangenen eineinhalb Jahren um die Apostolische Visitation, der sie unterzogen worden ist. Mitte September wird Maximilian Heim, seit 15 Jahren an der Spitze des Klosters, sein Amt als Abt knapp vor dem Ende der zweiten regulären Wahlperiode abgeben. Er wolle es "in jüngere Hände legen" und verwies unter anderem auf seine Herzprobleme, die vergangenes Jahr auftraten. Der Abtpräses der österreichischen Zisterzienserkongregation, Pius Maurer, würdigte Heims Verdienste. Dieser habe "mit Gottvertrauen und großem Einsatz die Mönche von Heiligenkreuz in herausfordernden Zeiten geleitet" und "übergibt eine lebendige Gemeinschaft, die über die Grenzen Österreichs ausstrahlt".
Gesundheitliche Gründe
Ein Zusammenhang zwischen dem Rücktritt Heims und der Visitation wird in der Pressemitteilung, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, nicht hergestellt. Aus Kreisen des Stifts erfuhr katholisch.de, dass tatsächlich gesundheitliche Gründe die ausschlaggebenden waren. Davon, dass keine Verbindung zwischen der Visitation und dem Rücktritt besteht, dürften allerdings die wenigsten Beobachter ausgehen.
Spannnungen oder Probleme in einem derart großen, noch dazu so schnell gewachsenen Konvent wie in Heiligenkreuz dürften an sich niemanden überraschen. Doch der Vatikan vermutete offenbar tiefer liegende Probleme. Im Juni 2025 hatte das Stift angekündigt, dass das Ordensdikasterium die Lage im Kloster untersuchen will und dazu Visitatoren schickt. Der Vatikan gab als Grund für die Visitation an, er habe Hinweise "bezüglich der Leitung und Verwaltung" erhalten. Das Stift teilte anlässlich der Ankündigung mit, der Vatikan wolle sich ein "genaues Bild über die Situation des monastischen Lebens und von der Leitung der Abtei" verschaffen. Und dass der Heilige Stuhl darum bitte, die Visitation "als einen Ausdruck wohlwollender Unterstützung zu verstehen, der darauf abzielt, die nachhaltige Entwicklung dieses blühenden Stiftes zu fördern und es vor möglichen inneren wie äußeren Gefährdungen zu bewahren". Die Abtei betonte, sie nehme das gerne an.
Das Stift Heiligenkreuz im Wienerwald wurde 1133 gegründet. Die Abtei ist damit das zweitälteste noch bestehende Kloster des Zisterzienserordens.
Das Dekret zur Visitation, das einen Tag nach der Ankündigung über Medien an die Öffentlichkeit gelangte, klang jedoch viel deutlicher – und etwas weniger wohlwollend. Demnach bestand der Auftrag der Visitatoren darin, "den Leitungsstil der Abtei in seiner Gesamtheit sowie das persönliche Führungsverhalten des Abtes eingehend zu prüfen", und zu untersuchen, "in welchem Maß geistliche Autorität in verantwortungsbewusstes und dienendes Handeln umgesetzt wird und wie innerhalb der Gemeinschaft mit Kritik, Anregungen und Rückmeldungen umgegangen wird, insbesondere im Hinblick auf Offenheit, Dialogfähigkeit und konstruktive Konfliktkultur". Schließlich sollten die "Verfahren zur Unterscheidung von Berufungen, die Anfangsphase der Ausbildung sowie die kontinuierliche Weiterbildung innerhalb der Gemeinschaft" in den Blick genommen werden.
Letzteres scheint die Sicht derer zu stützen, die schon länger skeptisch auf die Entwicklungen in Heiligenkreuz blicken. Kritik gibt es nicht nur an einer als zu konservativ empfundenen Ausrichtung, sondern insbesondere an der Praxis bei der Aufnahme neuer Novizen. Der Vorwurf lautet oftmals, man gehe zu großzügig und unkritisch bei Kandidaten vor, denen in anderen Klöstern oder in Diözesen der geistliche Weg aus verschiedenen Gründen verwehrt worden wäre oder ist. Das Stift weist solche Darstellungen zurück und verweist auf strenge Aufnahmekriterien bei Kandidaten.
Ergebnisse im Juni
Einen Monat vor Visitationsankündigung hatte noch ein anderes Thema für Schlagzeilen gesorgt: Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Innsbruck distanzierte sich von einem Pater der Abtei, Edmund Waldstein, und legte ihm nahe, auf die geplante Einreichung seiner Habilitationsschrift zu verzichten. Als Begründung führte die Fakultät Medienberichte an, die Waldstein in die Nähe von rechtskonservativen und reaktionären Netzwerken gerückt hatten. Die Hochschule Heiligenkreuz, an der Waldstein lehrt, wies eine Verbindung von ihm zu christlich-fundamentalistischen Gruppierungen zurück. Waldstein selbst gab an, die ensprechenden Positionen längst widerrufen zu haben.
Als Visitatoren hatte das Ordensdikasterium Jeremias Schröder, Abtprimas der Benediktinischen Konföderation, und Christine Rod, Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, bestellt. Diese führten im Hebst 2025 dem Vernehmen nach Gespräche mit allen Mönchen des Konvents und externen Personen. Im Juni dieses Jahres wurde schließlich über die Ergebnisse der Visitation informiert – erneut vom Stift. So habe das vatikanische Ordensdikasterium die Abtei unter anderem angewiesen, die interne und externe Kommunikation zu verbessern und klare strategische Prioritäten für die Gemeinschaft zu entwickeln. Auch die theologische und spirituelle Ausrichtung des Klosters solle überprüft werden. Weitere Schwerpunkte seien die sinnvolle Heranführung junger Menschen an das Ordensleben sowie die Schärfung von Identität und Selbstbild des Stifts. Ein Kenner der österreichischen Ordenslandschaft erklärte gegenüber katholisch.de jedoch, dass das Stift die Ergebnisse etwas anders dargestellt habe, als sie vom Ordensdikasterium gemeint waren.
Immer wieder wird der Abtei Heiligenkreuz vorgeworfen, sie sei bei der Aufnahme von Kandidaten zu unkritisch. Die Abtei weist das zurück.
Auch der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber sprach kurz nach der Veröffentlichung der Ergebnisse durch Heiligenkreuz von "erkennbaren Problemen hinter einer zunächst positiven Darstellung des Visitationsverlaufs". Diese vermittle zunächst "den Eindruck einer sehr wohlwollenden Evaluierung dieses Stiftes". Doch bei genauerem Hinsehen zeigten sich "sehr deutliche Kritikpunkte". Mit Blick auf die Leitung durch den Abt sagte Klieber, wenn ein Evaluationsteam feststelle, "dass meine Kommunikation verfehlt war, dass ich in der Auswahl des Nachwuchses zu großzügig war oder dass ich kein Konzept für die Zukunft habe", müsse man überlegen, "ob man diesen Prozess nicht in andere Hände legen müsste".
Unmut im Konvent?
Im Stift selbst fühle man sich schlecht informiert, wie katholisch.de erfuhr. Die Mönche hätten vieles rund um die Visitation erst aus den Medien erfahren und nicht bedeutend mehr Information bekommen als die, die in der entsprechenden Pressemittelung vom April standen. Der Unmut unter ihnen sei groß, die aktuelle Stimmung in der Abtei wird als schlecht beschrieben.
Nun steht für die Abtei eine Übergangszeit an. Diese wirkt mit der Ankündigung, in Absprache mit dem Vatikan zunächst einen Administrator, also einen Übergangsleiter, für drei Jahre zu wählen, fast verordnet. Der Vatikan jedenfalls dürfte genau hinsehen, wie mit seinen Forderungen im Stift in dieser Zeit umgegangen wird. Denn trotz aller Probleme, die die Visitatoren offensichtlich festgestellt haben: Die Dynamik in Sachen Berufungen in Heiligenkreuz abzuwürgen, dürfte wohl kaum unter den vatikanischen Anliegen sein.