Standpunkt

Kritisches Denken ist wichtig – auch im Religionsunterricht

Ein Schüler liest konzentriert ein Buch
Bild: KNA/Elisabeth Schomaker

Im April dieses Jahres haben 250 Personen, vor allem Geschichtslehrer*innen, am Ende einer europaweiten Tagung mit dem Titel "History and Hope" zur Rolle des Geschichtsunterrichts ein lesenswertes Manifest der Hoffnung (Hope Manifesto) veröffentlicht. Es propagiert keinen naiven Optimismus, sondern fordert dazu auf, Schüler*innen gerade im Fach Geschichte zu kritischem Denken zu befähigen. Jugendliche sollen lernen, fachgerecht mit Quellen zu arbeiten und auf dieser Grundlage verschiedenen Sichtweisen prüfen zu können.

Ein solcher Geschichtsunterricht ermutigt zu Auseinandersetzung mit Komplexität und Dilemmata, bezieht Ebenen wie Gefühle und Fantasie mit ein und nutzt gezielt Chancen der Begegnung und Vernetzung. Als Zwischenschritt auf dem Weg zum Manifest haben die Teilnehmenden eine Wall of Hope erstellt, auf der hoffnungsstiftende Momente aus den vergangenen 150 Jahren benannt werden konnten.

Ein multiperspektivischer Ansatz, wie der des Manifestes, steht einer Instrumentalisierung des Geschichtsunterrichts für politische Zwecke entgegen, wie sie beispielsweise in Russland, den USA oder auch europaweit in Programmen rechtsgerichteter Parteien zu finden ist. Dieses Anliegen von Geschichtslehrer*innen aus zahlreichen europäischen Ländern verdient es, wahrgenommen und unterstützt zu werden – und keineswegs nur von Vertreter*innen des Fachs Geschichte.

Das Manifest bietet Anregungen für Verantwortliche im Bildungsbereich insgesamt und konkret auch für den Religionsunterricht. Wenn Schüler*innen ihre eigene Konfession als eine von vielen Varianten christlicher oder auch anderer religiöser Weltdeutungen begreifen, lernen sie, faktenorientiert zu recherchieren, Fragen zu stellen und Dialog einzuüben. So können sie als mündige Weltbürger widerstandsfähig gegen Indoktrinationsversuche verschiedenster Art werden – auch dann, wenn sie aus dem eigenen religiösen Umfeld kommen.

Regina Nagel

Die Autorin

Regina Nagel ist Religionspädagogin, Wirtschaftspsychologin und Autorin. Sie studiert derzeit Geschichte Europas an der FernUniversität Hagen und engagiert sich bei den Omas gegen Rechts Deutschland e.V.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.