Im Schatten des drohenden AfD-Erfolgs

Zwischen Sorge und Hoffnung: Christen in Sachsen-Anhalt vor der Wahl

Zwischen Sorge und Hoffnung: Christen in Sachsen-Anhalt vor der Wahl
Bild: IMAGO / Jan Huebner

"Bei vielen Positionen der AfD ist ganz klar: Das können wir so als Kirche nicht mitgehen." Der Satz von Diakon Christoph Tekaath steht an diesem Abend im Pfarrsaal der Dessauer Propsteikirche St. Peter und Paul im Raum. Rund 40 Menschen sind gekommen, überwiegend ältere Katholiken aus der Gemeinde. Sie wollen darüber sprechen, was die Landtagswahl am 6. September für Sachsen-Anhalt bedeuten könnte – und welche Rolle Christen dabei spielen.

Draußen, rund um die Kirche im Zentrum der Bauhausstadt, ist der Wahlkampf längst allgegenwärtig. Plakate hängen an Laternen, Straßenkreuzungen und Hauswänden. Auch vor der Kirche ist eine politische Botschaft kaum zu übersehen – allerdings keine einer Partei: Über dem Eingang weht eine bunte Fahne mit vier übereinanderliegenden Händen. Darauf stehen die Begriffe "Nächstenliebe, Dialog, Menschenwürde, Solidarität – Bewusst wählen!". Im Schaukasten hängt das dazugehörige Plakat.

Kampagne "Bewusst wählen!"

Die Fahne und das Plakat gehören zur Kampagne "Bewusst wählen!", mit der sich die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt im Vorfeld der Landtagswahl für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Achtung der Menschenwürde auf Grundlage des christlichen Menschenbildes einsetzt.

An diesem Abend geht es im Pfarrsaal um die Frage: "Wie positionieren wir uns für die Zukunft unseres Landes?" Eine einfache Antwort darauf hat niemand. Sorge und Hoffnung liegen dicht beieinander, Resignation und Trotz ebenfalls. Viele beschäftigt vor allem die Frage, was am 6. September passiert – und was danach kommt.

"Wir können als Kirche doch nicht nichts tun"

Christoph Tekaath, Projektkoordinator der maßgeblich vom Bistum Magdeburg getragenen Kampagne, erklärt zunächst, warum sich die Kirche überhaupt in den politischen Diskurs einmischt. "Wir können als Kirche doch nicht nichts tun", sei angesichts der Wahl und des sich bereits vor Monaten abzeichnenden Erfolgs der AfD die Haltung im Bistum gewesen. Die Partei wird vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Bei vielen Positionen der AfD ist ganz klar: Das können wir so als Kirche nicht mitgehen

— Diakon Christoph Tekaath

Tekaath arbeitet hauptberuflich als Gefängnisseelsorger. In seinem Vortrag verweist er auf Positionen der AfD, die aus seiner Sicht mit den Grundsätzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Menschenwürde nicht vereinbar sind. "Bei vielen Positionen der AfD ist ganz klar: Das können wir so als Kirche nicht mitgehen", sagt er.

Die AfD ist an diesem Abend der "blaue Elefant im Raum", wie Tekaath es zu Beginn formuliert. Sie nimmt deshalb auch in seinem Vortrag breiten Raum ein. Auf einer Leinwand zeigt er Aussagen und Videos von Hans-Thomas Tillschneider. Der 48-Jährige gilt als Chefideologe der AfD in Sachsen-Anhalt und war maßgeblich an der Formulierung des Wahlprogramms der Partei beteiligt.

Die "Kirchensteuerkirchen" als Hauptgegner der AfD

Tillschneider ist promovierter Islamwissenschaftler und konfessionslos. Die evangelische und die katholische Kirche hat er zu Hauptgegnern der AfD erklärt. Immer wieder äußert er sich scharf über die von ihm als "Kirchensteuerkirchen" bezeichneten Glaubensgemeinschaften und ihre Vertreter. Den Magdeburger Bischof Gerhard Feige etwa rückte er 2024 in einer Rede im Landtag in die Nähe des Teufels.

In derselben Rede sagte Tillschneider, dass er keine Verfolgung fürchte, "denn ich weiß, Gott ist mit uns, Gott ist mit der AfD". Als Tekaath diese und weitere Aussagen des Politikers zeigt, geht ein Raunen durch den Saal. Einige Zuhörer reagieren empört, andere mit höhnischem Lachen. "Unglaublich", ruft jemand.

Warum finden AfD-Positionen auch bei Christen Zustimmung?

Tekaath spricht außerdem über Tillschneiders kirchenpolitische Vorstellungen. Der AfD-Politiker wünsche sich "eine orthodoxe Nationalkirche auch für Deutschland", sagt der Diakon, und verweist auf zentrale kirchenpolitische Forderungen aus dem AfD-Wahlprogramm. Doch Tekaath geht es an diesem Abend um mehr als um die Auseinandersetzung mit einzelnen AfD-Positionen. Eine grundsätzliche Frage beschäftigt ihn: Warum finden manche Positionen der Partei auch bei Christen Zustimmung?

Bild: © katholisch.de/stz

Vor der Propsteikirche St. Peter und Paul in Dessau zeigt die katholische Kirche im Landtagswahlkampf Flagge für ihre Kampagne "Bewusst wählen!"

Abtreibung, Familie oder Homosexualität seien Themen, bei denen die AfD teilweise an Überzeugungen anknüpfe, die auch in der Kirche eine Rolle spielten, sagt Tekaath. Entscheidend seien jedoch die unterschiedlichen Begründungen. Wenn die Kirche Schwangerschaftsabbrüche ablehne und den Schutz ungeborenen Lebens fordere, geschehe dies aus ihrem Verständnis der Menschenwürde heraus. Bei der AfD gehe es dagegen eher um den Erhalt des "Volkskörpers".

Christliche Werte sichtbar machen

Genau an diesem Punkt setzt "Bewusst wählen!" an. Die Kampagne wolle keine Tagespolitik betreiben, betont Tekaath. Vielmehr gehe es darum, christliche Werte sichtbar zu machen. Nächstenliebe, Dialog, Menschenwürde und Solidarität – die vier Begriffe auf der Fahne vor der Kirche bilden den Kern der Initiative.

Getragen wird die Kampagne neben dem Bistum von verschiedenen katholischen Einrichtungen. Sie richtet sich ausdrücklich nicht nur an Katholiken. Tekaath nennt ökumenische und interreligiöse Partner, junge Menschen und Erstwähler als Zielgruppen. Auch gehe es nicht darum, den Wahlausgang unmittelbar zu beeinflussen. "Wir wollen uns als Christen vor allem noch einmal selbst vergewissern und unsere Werte betonen", sagt er.

"Das ist eins zu eins wie bei den Nazis"

Doch im Pfarrsaal bleibt es nicht bei der Selbstvergewisserung. Einer der Besucher, ein evangelischer Christ, beschreibt die Spannung, die ihn beschäftigt: "Hier im Raum sitzen Menschen, die sich in vielem einig sind. Doch draußen vor der Tür sieht die Wirklichkeit anders aus." Auch in seinem privaten Umfeld nehme er Positionen wahr, die denen der AfD sehr nahe seien. "Wir können nicht ignorieren, dass fast jeder Zweite in Dessau viele Pläne der AfD gutheißt", sagt er. Für ihn stellt sich deshalb eine konkrete Frage: Was tun? Den Mund halten – oder das Gespräch suchen? Selbstvergewisserung sei wichtig, sagt der Mann. Aber ebenso wichtig sei die Frage, wie Christen mit Menschen umgehen sollten, die politisch extrem dächten.

Wie konkret die Sorgen sind, wird deutlich, als sich eine Lehrerin zu Wort meldet. Ihre größte Sorge gilt den bildungspolitischen Vorstellungen der AfD, insbesondere dem angestrebten strengen Neutralitätsgebot für Lehrerinnen und Lehrer und dem Plan, Inklusion an Schulen zu beenden und behinderte Kinder und Flüchtlingskinder in Sonderklassen zu unterrichten. "Das ist eins zu eins wie bei den Nazis: 'Unwertes Leben' wird von den 'guten Deutschen' getrennt", sagt sie.

Wir sind als Christen Teil einer Zivilgesellschaft

— Diakon Christoph Tekaath

Ein anderer Besucher gibt zu bedenken, dass Argumente nur bei Menschen verfingen, die überhaupt gesprächsbereit seien. Bei einem großen Teil der AfD-Wähler sei das aus seiner Sicht nicht der Fall. Zugleich verweist er auf die Minderheitenposition der Christen in Sachsen-Anhalt und den damit verbundenen begrenzten gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen.

Demokratischen Parteien sollen zusammenstehen

Sein Blick richtet sich deshalb auf die demokratischen Parteien. Er erinnert an die Friedliche Revolution und den damaligen Ruf "Reiht Euch ein". Menschen mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen seien damals zusammengekommen, das Gemeinwohl habe stärker im Mittelpunkt gestanden. Etwas Ähnliches wünsche er sich heute von den demokratischen Parteien: Sie sollten ihre programmatischen Unterschiede nicht vergessen, aber im Interesse der Demokratie stärker das Gemeinsame betonen.

Nach rund anderthalb Stunden endet der Abend. Eine eindeutige Antwort darauf, wie Christen mit einem möglichen starken Abschneiden der AfD umgehen sollen, gibt es nicht. Dafür sind die Sorgen zu unterschiedlich: die Angst vor einem Erstarken der Partei, die Sorge um demokratische Institutionen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Schutz von Minderheiten. Daneben steht die Hoffnung, Menschen im persönlichen Gespräch erreichen zu können – und die Hoffnung, dass die demokratischen Parteien trotz aller Unterschiede gemeinsame Verantwortung übernehmen.

Haltung: nicht sprachlos werden

"Bewusst wählen!" wirkt an diesem Abend deshalb wie mehr als eine Kampagne für einen einzelnen Wahltermin. Die Fahne vor der Kirche ist sichtbares Zeichen und zugleich Anspruch: Christen sollen sich ihrer eigenen Werte vergewissern – und sie auch öffentlich vertreten. "Wir sind als Christen Teil einer Zivilgesellschaft", sagt Tekaath. Deshalb könne man sich an gesellschaftlichen Aktivitäten beteiligen und die eigene Stimme erheben. Man könne für ein anderes Sachsen-Anhalt eintreten – "für ein weltoffenes, ein menschenfreundliches".

Als die Besucher schließlich den Pfarrsaal verlassen und wieder vor der Kirche stehen, hat sich draußen nichts verändert. Die Wahlplakate hängen noch immer an den Straßen und Laternen. Über ihnen weht die Fahne mit den vier Begriffen: Nächstenliebe, Dialog, Menschenwürde, Solidarität. Der 6. September ist noch nicht das Ende. Sollte die AfD tatsächlich stärkste Kraft werden und in Regierungsverantwortung kommen, dürfte die Frage, wie die Gesellschaft damit umgeht, erst beginnen. Was von diesem Abend bleibt, ist deshalb weniger eine konkrete Wahlempfehlung als eine Haltung: nicht sprachlos zu werden.

Steffen Zimmermann