Himmelklar – Der katholische Podcast

Caritas-Referentin: Härte gegenüber Flüchtlingen macht mich wütend

Kara Ehlert
Bild: DOMRADIO.DE/Rufus Elß

Denen eine Stimme geben, die sonst kaum gehört werden, Flüchtlingen vor allem und Menschen mit Migrationshintergrund – das ist Kara Ehlerts Mission. Bevor sie als Referentin für Flucht, Migration und Integration zum Diözesancaritasverband Münster kam, hat sie jahrelang in der Flüchtlingshilfe gearbeitet. Sie war auf der Insel Lesbos, an der EU-Außengrenze in Serbien, in den kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak und in Syrien. Dass der politische Kurs und der Ton gegenüber Geflüchteten und Migranten in Deutschland in den letzten Jahren immer härter und schärfer geworden ist, macht sie wütend; sie setzt dagegen auf Aufklärung und Begegnung. Darüber spricht sie in der neuen Folge von "Himmelklar".

Frage: Bei Ihrem ersten Besuch in einem Flüchtlingscamp haben Sie Ihr Lebensthema gefunden. Heute sagen Sie, dass Sie denen eine Stimme geben wollen, die sonst kaum gehört werden und meinen Asylanten, Geflüchtete und Migranten. Hat dieses Engagement auch damit zu tun, dass Sie als Pastorentochter in einer christlichen Familie groß geworden sind?

Ehlert: Das Leben in der Pastorenfamilie prägt natürlich, es ist sozusagen Fluch und einen Segen zugleich. Ich habe viele schöne Seiten mitbekommen, aber eben auch Schattenseiten. In einer Gemeinde läuft schließlich auch nicht immer alles friedlich. Auf jeden Fall hatten wir immer wieder Besuch von Menschen aus aller Welt. Für sie habe ich mich schon als Kind sehr interessiert; ich war neugierig und wollte ganz viel von diesen Menschen wissen, warum sie etwas machen und was sie erleben. Und meine Eltern haben mir Nächstenliebe vorgelebt. Sie haben mir zum Beispiel vorgelebt, für Menschen zu beten, gegen die ich eine Abneigung hatte. Außerdem sind wir als Familie viel gereist und waren unterwegs meist nicht in Hotels untergebracht, sondern haben immer versucht, nah an Land und Leuten zu sein. Das alles hat mich und mein Engagement sehr geprägt.

Frage: Die Themen Flucht, Migration und Integration ziehen sich als roter Faden durch Ihr bisheriges Leben. Schon seit ein paar Jahren aber sind genau diese Themen in Deutschland zum Reizthema geworden. Rechtspopulisten punkten damit, dass sie gegen Geflüchtete und Migranten hetzen. Die Bundesregierung ist dabei, ihren angekündigten, deutlich härteren Kurs in der Migrationspolitik umzusetzen. Wie erleben Sie aktuell die Stimmung gegenüber Asylanten, Geflüchteten und Migranten in Deutschland?

Ehlert: Ich fühle mich gerade oft ohnmächtig. Es macht mich traurig und wütend, wie sich der Kurs in diesen Fragen verändert hat. Ich erlebe viel Härte gegenüber Asylanten, Geflüchteten und Migranten, aber auch gegenüber Menschen, die sich für sie engagieren. Mich schockiert, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Wir reden immer von Zahlen. Aber hinter jeder Zahl steckt doch ein Mensch mit einer Geschichte, mit einer Persönlichkeit, mit so viel Potenzial und mit so viel, was dieser Mensch unserer Gesellschaft geben kann und geben möchte. Mich ärgert, dass wir das Potenzial dieser Menschen oft nicht erkennen und dass so negativ über diese Menschen gesprochen wird.

Bild: © Matthias Stolt/Fotolia.com (Symbolbild) (Symbolbild)

"Ich erlebe viel Härte gegenüber Asylanten, Geflüchteten und Migranten, aber auch gegenüber Menschen, die sich für sie engagieren. Mich schockiert, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt", sagt Kara Ehlert.

Frage: Die Willkommenskultur aus dem sogenannten "Flüchtlingssommer" 2015 ist tatsächlich, Flüchtlingshelfer und Menschenrechtlerinnen bestätigen das, gekippt und zur Abschottungskultur geworden. Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Flüchtlingsreferentin bei der Caritas?

Ehlert: Zum einen geht es darum, weiter solidarisch zu sein und weiter die Stimme für diese Menschen zu erheben, denn sie haben kaum eine Plattform. Sie haben kaum die Möglichkeit, selbst ihre Stimme zu erheben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns weiter für sie einsetzen und dass wir nicht das Wording übernehmen, das politisch in dem Bereich dominiert, sondern Alternativen setzen. Zum Beispiel ist ständig von "Sicherheit und Ordnung" die Rede. Mir gefällt dieses Wording nicht. Mir fehlt die Einsicht, dass Deutschland schon immer ein Einwanderungsland war und immer ein Einwanderungsland sein wird. Ich vermisse Empathie! Ich sehe zwar tatsächlich viele Probleme in diesem Land, ich verstehe, dass vieles die Menschen wütend macht und sogar verzweifeln lässt. Der Wohnungsmarkt zum Beispiel oder auch die Familienpolitik, aktuell die Elterngeldreform oder auch die Rente. Viele Menschen haben Zukunftsängste. Immer wieder wird Geflüchteten die Schuld daran zugeschoben. Ich finde es schade, dass wir versuchen, Personengruppen gegeneinander auszuspielen, die es in dieser Gesellschaft schon schwer genug haben, die ohnehin am Rand stehen.

Frage: Es kursieren Sprüche wie "Das Boot ist voll!" oder "Die legen sich in die soziale Hängematte". Haben Leute, die so etwas sagen, einfach nicht die Fantasie sich vorzustellen, dass ihnen so etwas auch passieren könnte?

Ehlert: Zum einen fehlt es an Fakten. Und wenn Fakten vorliegen, glauben viele diese Fakten nicht, weil sie von einer emotionalen Angst getrieben sind. Leider lässt sich so eine Angst nicht wegargumentieren. Ich zum Beispiel habe eine große Spinnenangst. Ich weiß, ich bin viel größer als die Spinne, ich könnte einfach drauftreten. Trotzdem muss mein Partner diese Spinne jedes Mal wegmachen. Ich glaube, so ungefähr ist auch diese Angst gegenüber dem Fremden. Ich mag diesen Ausdruck nicht, aber es gibt offenbar eine tiefsitzende Angst vor Veränderung und gegen diese Angst kommt man mit Fakten nicht an. Ich glaube dagegen helfen nur Begegnungen zwischen Menschen. Begegnungen bauen Vorurteile ab, wenn die Leute merken: "Wir haben ja auch Gemeinsamkeiten." Natürlich spielen auch Medien und die Art der Berichterstattung eine Rolle, wenn ständig nur von Unterschieden und Problemen die Rede ist. Natürlich gibt es Herausforderungen, aber der einzelne Mensch ist erst einmal kein Problem.

Ich finde es schade, dass wir versuchen, Personengruppen gegeneinander auszuspielen, die es in dieser Gesellschaft schon schwer genug haben, die ohnehin am Rand stehen.

— Kara Ehlert

Frage: Wie sieht denn Ihre Arbeit als Caritas-Referentin für Flucht, Migration und Integration aus? Ist das vor allem Lobbyarbeit? Oder haben Sie auch noch ganz konkret mit Betroffenen zu tun?

Ehlert: Ich habe sehr lange sehr konkret mit den Menschen gearbeitet. Inzwischen arbeite ich auf einer Metaebene. Meine Aufgabe ist es, unsere Träger zu versorgen, die mit den Menschen vor Ort arbeiten, die Menschen beraten und begleiten. Wenn zum Beispiel Gesetzesänderungen kommen, gilt es, sie zu informieren und Arbeitskreise dazu anzubieten. Solche Dienstleistungen für unsere Träger stehen auf der einen Seite meiner Arbeit. Die andere Seite ist die sozialpolitische Interessensvertretung. Wir haben regelmäßig Austauschtreffen im Ministerium zum Thema Flucht und Migration oder zu unseren Programmen, die es weiterzuentwickeln gilt. Außerdem positionieren wir uns zu bestimmten Ereignissen und Themen. In diesem Sommer zum Beispiel haben wir an den Genozid an den Jesiden vor zwölf Jahren erinnert und ihn erneut verurteilt haben. Davor hatten wir uns zum Thema Familiennachzug positioniert. Solche Stellungnahmen sowohl auf Caritasebene als auch auf Ebene der freien Wohlfahrt gehören auch zu meinen Aufgaben.

Frage: Sie haben viele und praktische Erfahrungen in der Arbeit mit geflüchteten Menschen gesammelt. Wie war es für Sie, jemandem gegenüberstehen, der sein Zuhause, sein Land, seine Freunde und seine Familie verlassen musste?

Ehlert: Da habe ich gleich mehrere Erinnerungen im Kopf. Zum Beispiel, als ich jemandem, der lange nicht mehr in einem richtigen Bett geschlafen hatte, sein Bett für die Nacht gezeigt habe. Oder minderjährige oder sehr junge Geflüchtete, die versucht haben, ihre Eltern zu erreichen, um ihnen zu sagen, dass sie angekommen sind. Oder auch ältere Menschen, bei denen ich mich gefragt habe, wie sie diese Flucht überhaupt schaffen konnten. Bei vielen Bildern, die hochkommen, könnte ich bis heute weinen. Aber bei anderen Erinnerungen könnte ich einfach nur lachen, so schön sind sie. Trotz der schwierigen und vulnerablen Situation.

Frage: Sie haben Ihre Praxiserfahrungen im Studium mit Theorie unterfüttert, so auch im Masterstudiengang Migration und Diversität. Was haben Sie sich als zentrale Erkenntnis mitgenommen?

Ehlert: Es gibt eine ganze Reihe zentraler Erkenntnisse, eine wichtige hat etwas mit Privilegien zu tun. Ich habe durch den Studiengang gelernt, wie privilegiert ich aufgewachsen bin. Und ich würde unserer Gesellschaft wünschen, dass wir unsere eigenen Privilegien zu hinterfragen lernen. Denn ich bin nicht da, wo ich bin, weil ich so viel geleistet habe oder weil ich so toll bin, sondern weil ich sehr viel Unterstützung von zu Hause hatte. Ich bin in einer sehr guten Familie aufgewachsen. Das habe ich mir nicht selbst erarbeitet, ich hatte einfach großes Glück. Ich hatte ein Privileg, das andere Menschen nicht hatten. Während des Studiums ist mir aufgegangen, dass manche meiner Klassenkameradinnen es einfach schwerer hatten als ich, was sie nicht besser oder schlechter macht. Aber wenn wir unsere Privilegien anschauen und hinterfragen, können wir ein größeres Verständnis für andere Menschen entwickeln. Außerdem bedeutet, Privilegien zu haben, immer auch Verantwortung. Diese Verantwortung möchte ich wahrnehmen und wollte sie damals wahrnehmen. Und ich wünsche mir, dass viele andere Menschen mit Privilegien diese Verantwortung ebenfalls wahrnehmen.

Hilde Regeniter