"Warum beleidigen Sie mich?" – so habe er reagiert. Es ist schon einige Jahre her, dass er mich auf der Straße ansprach. Dort, auf den Straßen und Plätzen der Stadt, stehen wir regelmäßig mit dem Stand der Katholischen Citykirche Wuppertal. Die Entrüstung des Mannes irgendwo in den 30ern war auch Tage nach dem Vorfall nicht gewichen. Er sei schwul und habe händchenhaltend mit seinem Partner in einer Wuppertaler Kirche eine Kerze anzünden wollen. Da habe ihn der Priester zur Rede gestellt und ihm widergöttliches Verhalten vorgeworfen.
Die Demütigung saß. Ich frage mich seitdem, was die Frommen treibt. Gefährden die, die gleichgeschlechtlich lieben, deren Glauben? Sehen sie sich selbst in Frage gestellt? Wenn das Händchenhalten zweier Männer schon stört, was hätten sie über Jesus gesagt? Der heilt einen Taubstummen, indem er seine Finger in dessen Ohren legt und die Zunge mit Speichel berührt. Die altgriechische Grammatik des Urtextes der berühmten Szene in Mk 7,33 legt nahe, dass beides gleichzeitig geschah. Jesus muss den Taubstummen also geküsst haben. Es hatte eben einen Grund, dass er ihn vorher beiseite nahm und so eine private Sphäre schuf. Der Nazarener kannte ja seine Pappenheimer. Er wusste sicher, dass vielfältige Formen der Liebe Gottes einfache Gemüter oft überfordern. Gott ist aber auch groß!
Die vielen, die selbstsicher über die vermeintliche Gottferne derer urteilen, die sich außerhalb kirchlich sanktionierter Regeln der Liebe bewegen, ereifern sich oft auch über Regenbogenfahnen. Sie werden nicht schlecht staunen, wenn sie dereinst vor dem Thron des Höchsten stehen. Von dem heißt es in der Offenbarung des Johannes: "Und siehe, ein Thron stand im Himmel; auf dem Thron saß einer, der wie ein Jaspis und ein Karneol aussah. Und über dem Thron wölbte sich ein Regenbogen, der wie ein Smaragd aussah (Offb 4,2f)." Immerhin wird die himmlische Liturgie unter dem Regenbogen gefeiert, jenem Zeichen des ersten Bundes, den Gott mit den Menschen schloss, als er nach der Sintflut seinen Bogen in die Wolken zum Zeichen des Friedens zwischen Gott und den Menschen setzte (vgl. Gen 9,13ff).
Paulus ist es, der vor einem Urteil über den Glauben anderer warnt: "Wer bist du, dass du den Diener eines anderen richtest? Durch seinen eigenen Herrn steht oder fällt er. Er wird aber stehen; denn der Herr hat die Macht, ihm Stand zu geben (Röm 14,4)."
Demütigt also nicht, sondern seid demütig. Vergelt's Gott!
Der Autor
Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.
Hinweis
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