Glocken und Glauben gehören für ihn zusammen

Warum ein Mann sich seinen eigenen Glockenturm vors Haus gebaut hat

Walter Biberacher und der offene Glockenturm, in dem die zwei Glocken hängen.
Bild: KNA/Christopher Beschnitt

Die Glocken schlagen gerade mal ein paar Momente, da kommt schon die erste Nachbarin heran. "Wer ist's?", fragt sie besorgt. Keine Bange, alle leben noch, das Geläut dient nur der Vorführung. "Ich schalte es immer sonntagmittags, an Feiertagen und zum Herz-Jesu-Freitag ein, also jeden ersten Freitag im Monat", erklärt Walter Biberacher. "Und wenn jemand aus der Nachbarschaft gestorben ist, der sich das vorher gewünscht hat."

Viele Leute haben Blumen in ihrem Garten stehen, manche eine Bank, Walter Biberacher einen Glockenturm. An die zehn Meter hoch, bestückt mit zwei Hohlkörpern samt Klöppel drin. Oben drauf prangt ein Friedensengel, daneben steht ein steinernes Bildnis von Jesus als gutem Hirten.

"Glocken und Glauben, das gehört für mich zusammen", sagt der 80 Jahre alte Senior aus Donauwörth in Bayerisch-Schwaben. "Ohne Glocken hört man den Glauben nicht." Gut katholisch sei er aufgewachsen, die Mutter mit ihm und seinen Schwestern stets in die örtliche Heilig-Kreuz-Kirche gegangen. "Den Klang von Glocken fand ich immer toll. So festlich, so himmlisch."

Größte Kirchturmglocke Schwabens

Nicht weit von Heilig Kreuz entfernt, im Donauwörther Liebfrauenmünster, hängt die Pummerin, die größte noch in Betrieb befindliche Kirchturmglocke Schwabens. "Seitdem wir die mal in der Grundschule besichtigt haben, ist's um mich geschehen." Biberacher erzählt, er habe sich damals fest vorgenommen: Einen eigenen Glockenturm, den brauchst du auch. "Das ist mein Traum, hab ich meiner Mutter gesagt. Du hast viele Träume, hat sie erwidert." Nun, dieser eine, der ist Wirklichkeit geworden.

Über Jahrzehnte legte Biberacher von seinen Bezügen immer etwas zur Seite. Als er in den Ruhestand ging, schritt er zur Tat. Lange Zeit war Kommunikation für ihn als Postbeamten eine Sache von Briefen und Karten, nun wollte er die Kunde an die große Glocke hängen. Buchstäblich. Die frohe Kunde von der Gegenwart Gottes. Eigenhändig hub er den Boden aus, für Turm und Geläut engagierte er Fachfirmen.

"Zum Glockengießen bin ich mit meinen Geschwistern extra nach Passau gefahren", berichtet der Senior. "Am 27. Oktober 2000 war das, das weiß ich noch genau. Da floss das heiße Gemisch wie Lava in die Form im Lehmboden. 68 Prozent Kupfer, 22 Prozent Zinn. Ein Vaterunser haben wir gesprochen. Mit Stangen haben die Handwerker immer wieder hineingestochen, um die Luft rauszubringen. Alles für den Klang."

Bild: © KNA/Christopher Beschnitt

Beim Glockenguss war Walter Biberacher live dabei.

Am 20. Dezember darauf wurde die Glocke geweiht, wie Biberacher erzählt. "Von einem Heilig-Kreuz-Pater, und zwar dem guten Hirten." Was es mit diesem Jesus-Bild eigentlich auf sich hat? "Das hat meine Mutter mir als Bub gezeigt und gesagt: Der begleitet dich. Deshalb hab ich es so gerne."

Gut 20 Jahre hing die Hirtenglocke allein im Turm, dann entschied Walter Biberacher: Es braucht noch eine Marienglocke. Am 21. Dezember 2021 wurde Nummer zwei der Gottesmutter geweiht, wieder von einem Heilig-Kreuz-Pater. "Witzig, oder?", fragt Biberacher. "Erst 20. Dezember, dann 21. Es fügt sich alles zusammen."

Beschwerde per Brief

Es fügt sich auch gut ein. "Die Nachbarn freuen sich über den Glockenklang", sagt der Turmherr. Die meisten wenigstens. Einer habe einen Brief geschrieben, auch an die Stadt, und sich über Lärm beschwert. Doch die Verwaltung habe nichts zu beanstanden gehabt. Die Glocken tönen nicht zu laut, sondern ganz lauter.

"Andere Nachbarn haben für den Verbleib der Glocken sogar Unterschriften gesammelt", fügt Biberacher hinzu. "Von unserer Siedlung ist es ein Stück bis zur nächsten Kirche. Daher sind viele froh, dass es hier wenigstens meinen Turm gibt. Auch die Kinder, die an Sankt Martin immer mit ihren Laternen herkommen."

Walter Biberacher hält eine Fernbedienung in der Hand.
Bild: © KNA/Christopher Beschnitt

Die Fernbedienung für seine Glocken hat Walter Biberacher, ehemaliger Postbeamter, er selbst entwickelt hat.

Hätte der Briefschreiber Erfolg gehabt, wären 100.000 Euro umsonst investiert worden. Auf diese Summe beziffert Biberacher seine Ausgaben für den Glockenturm. "Gott sei Dank" sei er nicht verheiratet, sagt der Senior und gluckst. "Sonst hätte ich so viel Geld wohl nie ausgeben dürfen!"

Der Glockenturm war also teuer, er ist Walter Biberacher aber auch lieb und teuer. So flink wie vorsichtig wieselt er zwischen den Streben seines Turms herum und inspiziert mit Hingabe die metallenen Klangbecher. "Hier hing früher noch ein Strick herab", erzählt er. Anfangs habe er manuell geläutet, inzwischen laufe alles elektrisch und per Fernbedienung. "Dafür musste ich mir extra eine Starkstromleitung legen lassen."

Plötzliches Läuten in der Nacht

Zwischenfälle wie dieser eine vor vielen Jahren sind dadurch heute ausgeschlossen. "Da läutete es plötzlich mitten in der Nacht. Ein junger Mann. Als ich aus dem Haus kam, sprang er schnell übers Tor, in ein Auto hinein. Großes Gelächter darin. Na ja, ein Junge-Leute-Streich." Walter Biberacher lächelt. Er scheint so läut- wie leutselig.

Das Gelächter ist nun lange schon verklungen. Biberachers Glocken aber tönen weiter. Wenn's nach ihm geht, bis in alle Ewigkeit: "In meinem Testament hab ich verfügt, dass das Geläut nach meinem Tode beibehalten werden soll. Meine Nichten sind einverstanden."

Christopher Beschnitt (KNA)