Bei der Umnutzung nicht mehr gebrauchter Kirchen plädiert der Architekt Andreas Roth für mutige Lösungen – und warnt vor zu langem Abwarten. Die aktuelle Diskussion um Nachhaltigkeit und Nachnutzungen zeige, "dass unsere Kirchen als Räume Konkurrenz bekommen durch andere freiwerdende Flächen – zum Beispiel durch Konsumtempel", schreibt Roth in einem am Montag veröffentlichten Gastbeitrag für das theologische Portal "feinschwarz.net". Denn auch immer mehr große Kaufhäuser stehen leer.
Kirchen seien einzig mit dem Ziel der Verkündigung gebaut worden: zur Ehre Gottes, an exponierten Punkten im Stadtraum, verschwenderisch dimensioniert und ausgestattet, mit dem Ziel, Zeiten überdauern zu können. Doch mittlerweile gehörten Kirchen zum veralteten Stadtbestand. "Und genau deshalb müssen wir uns heute an ein nie dagewesenes 'Anders' gewöhnen. Etwas, was in Generationen zuvor nicht vorkam", argumentiert Roth.
"Ideenschubladen sind leer"
Mit einer Profanierung würden Kirchen spirituell ihrer ureigenen Nutzung, der Verkündigung, entzogen. Plötzlich müsse sich der Kirchenraum an betriebswirtschaftlichen Maßstäben messen lassen. "Und an diesem Vergleich wird er scheitern", konstatierte Roth. Denn ein Kirchengebäude sei nie für eine wirtschaftliche Nutzung geplant worden. "Eine Kirche ist an die in ihr verkündete Botschaft und die in ihr erlebte Gemeinschaft gebunden. Nehme ich den Inhalt heraus – profaniere ich also die Kirche –, nehme ich ihr ihre Seele." Es verbleibe eine teure, zumeist denkmalgeschützte Hülle.
Roth bescheinigt der Kirche vielerorts gute Finanzausstattung, "aber unsere Ideenschubladen sind erschreckend leer", betont er. Daher bezweifle er, dass kirchliche Eigentümer, "die offensichtlich mit dem Erhalt ihres eigenen Immobilienbestandes überfordert sind, in der Lage sind, federführend sozialraumübergreifende Nutzungskonzepte zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen". Sein Fazit: "Ich plädiere entschieden dafür, nicht mehr genutzte Kirchen Anderen zu übergeben!" Aus seiner Sicht sollten sie denen gehören, die für ihre weitere Nutzung Ideen haben.
Ein Kirchengebäude abzureißen, gelinge nur selten, ohne im Stadtraum eine irreparable Lücke zu hinterlassen. "Denkmalpflegerisch, aber auch aus Nachhaltigkeitsgründen, verbieten sich Abrisse von selbst", betont der Architekt. Er empfiehlt, Verantwortung und überzogene Forderungen zugunsten guter Lösungen abzugeben: "Dazu sollten wir uns nicht zu lange Zeit lassen." (KNA)