Mehr Freude in das eigene Leben lassen – das klingt für manche angesichts all der Krisen und Umbrüche fast schon unanständig und naiv. Haben wir keine anderen Sorgen? Doch, findet die Salvatorianerin Melanie Wolfers. Gerade deshalb aber sollte die Freude mehr Raum bekommen. Für sie ist Freude eine wichtige Kraft, die allem trotzt, "was uns kleinmachen und entmutigen will", wie sie in ihrem neuen Buch "Freude" schreibt.
Wolfers will darin den Blick auf eine Kraft lenken, die im Alltag leicht verloren geht. "In einer Welt voll Krisen, Klima und Kalenderdruck ist Freude oft das Erste, das wir verlieren, und das Letzte, das wir zurückholen." Dabei hilft Freude, sich im Augenblick zu verankern, statt über Vergangenes zu grübeln oder sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Sie "feiert das, was jetzt ist".
Für die Ordensfrau stärkt Freude die Fähigkeit, mit kleineren und größeren Herausforderungen umzugehen. Zugleich sieht die Bestsellerautorin darin eine gesellschaftliche Kraft: Freude könne Menschen motivieren, sich für eine bessere Welt einzusetzen.
Vom "Wir sollten" zum "Wir wollen"
Für einen ökologischen und wirtschaftlichen Wandel reichen Wissen und gute Argumente allein nicht aus. Menschen müssten auch erfahren, dass ein anderes Leben nicht nur notwendig, sondern lebenswert sei. "Freude verwandelt ein 'Wir sollten' in ein 'Wir wollen'." Der Grund: Freude wirkt ansteckend, schafft Gemeinschaft und ermutigt dazu, sich für andere einzusetzen. Sie entsteht laut Wolfers, wenn ein Mensch sein Handeln als sinnhaft erlebt – auch bei der Arbeit.
Die 55-Jährige verweist auf eine Studie, der zufolge nur etwa jeder siebte Mensch wirklich Lust auf seinen Job hat. Die Frage, ob der Beruf zu einem gelingenden Leben beitrage, spiele meist keine Rolle. Wer aber erlebe, dass die eigene Tätigkeit Bedeutung hat und zur Persönlichkeit passe, erfahre "eine Form von Freude, die trägt". In dem Maß, "in dem Menschen ihr Tun als vitalisierend und sinnvoll erleben, laugt es nicht aus, sondern nährt uns".
Melanie Wolfers ist Philosophin und Theologin und eine der bekanntesten christlichen Autorinnen im deutschsprachigen Raum. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie ist Bestsellerautorin, Rednerin und betreibt den Podcast "GANZ SCHÖN MUTIG – dein Podcast für ein erfülltes Leben". Außerdem moderiert sie die ZDF-Sendung "die letzte Bank".
Jeder kann sich laut Wolfers fragen, welche Themen ihm oder ihr wichtig sind und wofür es sich lohnt, sich konkret einzusetzen – ob im Beruf oder im privaten Umfeld. Die Freude ist für die Theologin ein wichtiger Antrieb, selbst aktiv zu werden und auch andere Menschen dabei mitzureißen – im Beruf, im Ehrenamt oder beim Engagement für die Pfarrgemeinde.
Zugleich räumt die Ordensfrau auf Anfrage ein, dass Freude im Ehrenamt durch Überforderung oder Überarbeitung "unter die Räder" geraten kann. Deshalb sei es wichtig, rechtzeitig Grenzen zu ziehen und den eigenen Freiraum zu schützen. Die Autorin verweist darauf, dass Gott seine Schöpfung am siebten Tag vollendete, "also an dem Tag, als er ruhte" – eine Ermutigung, selbst einen guten Rhythmus von Aktivität und Ruhe zu finden.
"Geschichten des Gelingens teilen"
Freude und Zuversicht können auf diese Weise ansteckend wirken und andere ermutigen, ebenfalls aktiv zu werden. Berichte über gelungene Projekte und Initiativen sind inspirierend – und bilden zugleich ein Gegengewicht zu Fake News. Damit verschiebe sich der Fokus auf das, was funktioniere, Menschen verbinde und Hoffnung schenke. "Eine Gesellschaft, die Geschichten des Gelingens teilt, ist weniger anfällig für Zynismus und Manipulation." Wer dagegen Freude in die Welt bringe, stärke das Gefühl von Orientierung, Verbindung und Vertrauen.
Der Politikverdrossenheit und Politikerschelte zum Trotz – "manche Politikerinnen und Politiker strahlen eine Freude in und an ihrer Arbeit aus", beobachtet Wolfers. Bei diesen Menschen stehe "oft das Verbindende über die parteipolitischen Positionen hinweg im Vordergrund". Natürlich bedeute Freude in der Politik nicht, "dass politische Arbeit ein Feuerwerk positiver Emotionen ist".
"Das beste Gefühl"
Demokratie sei anstrengend, räumt die Salvatorianerin ein: Es werde gestritten, verhandelt und um Kompromisse gerungen und sei mitunter zermürbend. Umso wichtiger sei es, "den Kontakt zu den Menschen zu pflegen und den Grund des eigenen Engagements immer wieder in Blick zu nehmen". Politikerinnen und Politiker sollten sich fragen: Warum mache ich das? Für wen mache ich das?
Freude ist für Wolfers damit weit mehr als ein angenehmes Gefühl – nämlich das "Echo einer ganz besonders gelungenen Form von Weltbeziehung". Sie kann helfen, die Welt zu bewahren und für eine lebenswerte Zukunft zu kämpfen. Zugleich ermöglicht sie eine persönliche Erfahrung: mit sich selbst und dem Leben einverstanden zu sein – "das ist das beste Gefühl, das einen erfüllen kann".
Buchtipp
Melanie Wolfers: "Freude. Das Leben ins Herz schließen", bene!, München 2026, 171 Seiten, 16 Euro.