Jahrelanger Streit – auch Papst Franziskus beteiligt

"Gib nicht nach!": Ein Bischof, das Opus Dei und eine Marienfigur

Die neue Kirche im spanischen Wallfahrtsort Torreciudad im Abendrot
Bild: IMAGO / Pond5 Images

Der Marienwallfahrtsort Torreciudad in der spanischen Region Aragonien Spaniens hat es wieder in die Schlagzeilen geschafft. Und wieder geht es nicht wirklich um Spiritualität und Glauben – sondern um einen seit Jahren schwelenden handfesten Streit zwischen dem Bistum Barbastro-Monzón und dem Opus Dei. Der Wallfahrtsort ist seit Langem eng mit der Personalprälatur verbunden: Opus-Die-Gründer Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás (1902–1975) stammt aus der Region und er beschloss in den 1960er Jahren, in dem Ort die Kirche Nuestra Señora de Torreciudad (Unsere Liebe Frau von Torreciudad) errichten zu lassen, die 1975 geweiht wurde. Torreciudad ist bis heute eine Art spirituelles Zentrum der Personalprälatur in Spanien.

Im Mittelpunkt des Streits steht die Verwaltung des Wallfahrtsorts und die aus dem 11. Jahrhundert stammende Marienfigur "Virgen de los Ángeles" (Unsere Liebe Frau von den Engeln), die die Diözese in ihre ursprüngliche Kapelle in einer Einsiedelei zurückbringen möchte. Wie die spanische Zeitung "El País" berichtet, übertrug die Diözese 1962 auf Dauer das "Nutzungsrecht" am Wallfahrtsort Torreciudad an das Opus Dei. Damit verbunden war die Bereitschaft der Personalprälatur, die Figur zu restaurieren. Seitdem sei die Marienfigur faktisch im Besitz des Opus Dei. Eine 2020 von der Gemeinschaft beantragte Aktualisierung des "rechtlichen Rahmens" habe der Bischof von Barbastro-Monzón, Ángel Pérez Pueyo, jedoch abgelehnt.

Am Montag ließ Bischof Pérez Pueyo dann aufhorchen: "Es gibt Momente, in denen sich ein Hirte nicht fragen muss, was für ihn am bequemsten ist, sondern welches Beispiel er seinem Volk hinterlassen wird", schreibt er in einem vom Bistum veröffentlichten Statement. "Ich kann eine Regelung weder unterzeichnen noch billigen noch zustimmen, die diesem Volk von Barbastro-Monzón seine eigene Mutter vorenthält oder sie zu einer Fremden macht, die ihre Kinder von einem fremden Haus aus besucht." Er würde keiner Regelung zustimmen, die vorsehe, die Marienfigur in den Händen des Opus Dei zu belassen. "In einem solchen Fall würde ich aus Loyalität gegenüber unserem Volk mein Amt niederlegen."

Das Bildnis der Jungfrau von Torreciudad wird bei einer Prozession getragen
Bild: © Heiligtum Torreciudad (Archivbild)

Im Mittelpunkt des aktuellen Konflikts: Das Bildnis der Jungfrau von Torreciudad, hier bei einer Prozession.

In den vergangenen Jahren habe das Bistum historische und juristische Dokumente zusammengetragen, die ausschlössen, dass Stadt oder Bistum freiwillig auf das Bildnis verzichtet hätten. "Seine rechtmäßig erfolgte Entfernung ist weder im Domkapitel noch im Bistumsarchiv verzeichnet", so der Bischof. Diese Rückgabe-Forderung habe das Bistum "geduldig und standhaft" vorgebracht. "Wir bitten nicht um Privilegien, wir bitten darum, dass die Mutter in ihrem gewohnten Zuhause verbleibt, wo sie mehr als tausend Jahre lang war, bis man sie vor fünfzig Jahren von dort wegbrachte." Man verzichte auf finanzielle Entschädigung und erhebe auch keinen Anspruch auf die Verwaltung der neuen Kirche oder Zugriff auf die Konten. Man habe Papst Leo XIV. gebeten, Torreciudad als internationalen Wallfahrtsort anzuerkennen und ihn direkt dem Heiligen Stuhl zu unterstellen.  Er lud alle Gläubigen am Samstag zur Kapelle der Einsiedelei ein, wohin das Marienbildnis im Rahmen einer Wallfahrt für einen Tag zurückkehre.

Das Opus Dei antwortete prompt auf das Schreiben. In einer "Klarstellung" auf der spanischen Seite der Personalprälatur wies die Pressestelle am Donnerstag die Vorwürfe des Bischofs zurück. Die geltenden Vereinbarungen seien öffentlich zugänglich. "Es stand nie zur Debatte, dass das Eigentumsrecht der Statue bei der Diözese liegt", so das Opus Dei. "Die Kontroverse betrifft den Umfang und die Gültigkeit der Nutzungs-, Verwahrungs- und Aufstellungsrechte, die durch Vereinbarungen zwischen den Parteien festgelegt wurden." In einer notariellen Urkunde vom 24. September 1962, sei das Nießbrauchsrecht an der ehemaligen Kapelle und dem Bildnis auf Dauer übertragen worden. Im Gegenzug dafür seien unter anderem die Verpflichtung zur Restaurierung und Erhalt, zur Förderung des Gottesdienstes und die Gewährleistung zum Zugang für Pilger übernommen worden. Eine weitere 1966 mit dem damaligen Bischof getroffene Vereinbarung sehe vor, dass das Bildnis in der neuen Kirche verehrt werden solle und die Kapelle der Einsiedelei und die neue Kirche einen "einheitlichen, angemessen umschlossenen Komplex bilden sollten.

"Die Skulptur wurde nie gestohlen", betont das Opus Dei. "Sie wurde stets mit Genehmigung des Bischofs 1964 und erneut um 1970 restauriert und thront seit 1975 über dem Altarbild dieser neuen Kirche, öffentlich ausgestellt zur Verehrung durch alle Gläubigen." Derzeit würden jährlich rund 200.000 Besucher verzeichnet. Die Personalprälatur bekräftigte in ihrer Stellungnahme ihre Dialogbereitschaft, ihren Respekt vor dem Bischof und dem 2024 eingesetzten päpstlichen Sonderkommissar

Papst Franziskus beim Gottesdienst am Weihetag der Basilika Santa Maria Maggiore
Bild: © KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Im Konflikt um den Wallfahrtsort Torreciudad schlug Papst Franziskus sich eindeutig auf die Seite des Bischofs. Nun veröffentlichte Briefe belegen das. Wie wird sich sein Nachfolger verhalten?

So weit, so unterschiedlich die Positionen. Das Brisante dabei ist vor allem ein Detail in der Stellungnahme von Bischof Pérez Pueyo: Der Oberhirte beruft sich auf die Unterstützung des im vergangenen Jahr verstorbenen Papstes Franziskus (2013–2025). Das Kirchenoberhaupt habe sich persönlich mit der Frage befasst und ihm in einem handschriftlichen Brief am 13. Juli 2023 ermuntert: "Gib nicht nach!" Am 18. September 2024 habe er den Papst auf dem Petersplatz getroffen, so der Bischof. Dabei fragte Franziskus ihn demnach: "Ángel, haben sie die Jungfrau schon zurückgegeben?" In einem weiteren Schreiben vom 13. Oktober 2024 habe der Papst ihn ausdrücklich vor den "mafiösen Intrigen" gewarnt, die "derzeit im Gange sind".

Am Donnerstag veröffentlichte "El País" die beiden Briefe von Franziskus. Sie zeigen, dass das Kirchenoberhaupt sich in dem Konflikt klar auf die Seite des Bischofs geschlagen hat. So ernannte Franziskus im Oktober 2024 den spanischen Erzbischof Alejandro Arellano, den Dekan des Tribunals der Römischen Rota, zum Sonderkommissar. "Mit der Ernennung des Dekans der Rota mache ich mein direktes Eingreifen in die Aktivitäten des Opus Die dort sichtbar", schrieb Franziskus demnach an Pérez Pueyo. "Indem ich Ihnen eine neue Aufgabe vorschlage, versuche ich, Sie von all den laufenden 'Mafia-Intrigen' zu befreien. So wird deutlich, dass mein Eingreifen umfassend ist." Mit dieser neuen Aufgabe war laut "El País" der Vorschlag gemeint, Pérez Pueyo an die Spitze des Bistums Ciudad Real zu versetzen. Laut "El País" bekam der Papst den Hinweis, der Bischof könne dem Druck der Konfrontation nicht standhalten. Der Bischof habe den Papst jedoch gebeten, in seinem bisherigen Bistum bleiben zu dürfen – auch, weil er vermutete, hinter seinem Rücken würde ein Manöver durchgeführt. Franziskus stoppte demnach schließlich Ernennung in Ciudad Real. Über die Ernennung und die anschließende Aussetzung war auch der damalige Präfekt des Bischofsdikasteriums informiert, Kardinal Robert Francis Prevost.

Der Fall Torreciudad ist laut Zeitung Teil einer größeren Strategie des ehemaligen Kirchenoberhaupts, die Autonomie des Opus Dei einzuschränken und die Gemeinschaft stärker der Kontrolle der vatikanischen Behörden zu unterwerfen. Ein Vorhaben, das Papst Leo XIV. nun von Franziskus geerbt hat. Gleich in der ersten Woche seines Pontifikats traf das neue Kirchenoberhaupt die Leitungsspitze des Opus Dei, um sich über den Stand der Statutenreform zu informieren. Im März traf Papst Leo XIV. allerdings auch den britischen Investigativjournalisten Gareth Gore, der 2024 ein Buch vorgelegt hat, in dem er dem Opus Dei dunkle Machenschaften vorwirft. Wie Leo sich in dem Streit von Torreciudad positioniert, wird sich noch zeigen müssen. Auch das dürfte aber wieder für Schlagzeilen sorgen.

Christoph Brüwer