Morgens in der Berliner U-Bahn: Ein junger Mann, Anfang 20, mit Hoodie und Jeans, trägt einen Kreuz-Anhänger an einem Kettchen um den Hals. Er ist nicht der einzige Bahnfahrer mit diesem Schmuck an diesem Tag. Zwei Berliner Schülerinnen erklären: Auch in ihren Klassen im siebten und achten Schuljahr hat der ein oder andere Teenie immer eine Kreuzkette um den Hals.
Und das, obwohl in der Hauptstadt von fast vier Millionen Einwohnern mehr als 80 Prozent keiner oder einer anderen Religion als dem Christentum angehören; für Christen ist das Kreuz das zentrale Glaubenssymbol. Sogar zu Zeiten, da noch deutlich mehr Menschen der Kirche angehörten, versteckten es christliche Jugendliche allerdings eher – als zu brav wollte man nicht gelten.
"Einer der größten Accessoire-Trends für Herren"
Beweis für eine neue Hinwendung zum Christentum – oder reines Modeaccessoire? "Jeder, der männlichen Mode-Ikonen auf Instagram folgt oder sie in Magazinen sieht, weiß, dass Kruzifixe in den vergangenen Jahrzehnten zu den größten Accessoire-Trends für Herren gehörten", heißt es in dem Modeblog einer Herrenmodefirma. Auch auf der amerikanischen Online-Plattform Reddit wird der Trend als solcher wahrgenommen und diskutiert: Die einen erklären, es als reines Mode-Accessoire zu tragen. Die anderen haben es geerbt, die dritten tragen es als Ausdruck ihres Glaubens.
Christian Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich und erforscht Konsum- und Kaufverhalten. Er sieht mehrere Gründe für den Boom. "Die jungen Leute wissen, was sie tragen, aber sie tragen es nicht als Glaubensbekenntnis", sagt er. Manche wollten bewusst polarisieren. "Das Kreuz hat als Symbol eine gewisse Kante, es hat eine Tiefe, und es setzt einen Gegenpol zu Mikrotrends wie etwa Labubus." Die Figuren mit spitzen Ohren und gezackten Zähnen haben weltweit einen Hype ausgelöst.
Laut Google hat sich das Suchinteresse für "Kreuzkette" in Deutschland zwischen 2021 und 2025 mehr als verdreifacht.
Das Kreuz habe als symbolisches Zeichen dagegen eine historisches Gewicht. Als Respektlosigkeit gegenüber Gläubigen sei das Tragen aus Modegründen nicht zu bewerten, findet Fichter. Symbole mit einem tiefen Bedeutungsgehalt hätten immer auch den Einzug gefunden in eine populäre Kultur.
Zudem verweist er auf Studien, nach denen das Verwenden von Zeichen, die Zugehörigkeit und Schutz bieten, in Krisenzeiten zunehme. Viele Menschen – ob alt oder jung – hätten wegen der anhaltenden Krisen ein inneres Bedürfnis nach Halt. "Da ist das Kreuz ein netter Talisman, der die Sehnsucht nach Orientierung symbolisch darstellt. Daran kann man sich festhalten." Menschen hätten schon vor zehntausenden von Jahren angefangen, Zeichen der Gruppenzugehörigkeit mit sich oder an sich zu tragen – auch um sich selbst Sicherheit zu geben.
Google-Suche nach "Kreuzkette" mehr als verdreifacht
Auch wenn es sich um einen eher gefühlten Trend handelt und es keine Studien zu dem Thema gibt: Google-Suchdaten weisen darauf hin, dass der Eindruck stimmt. Demnach hat sich das Suchinteresse für "Kreuzkette" in Deutschland zwischen 2021 und 2025 mehr als verdreifacht, mit Beschleunigung ab 2023 und einem Höhepunkt im April 2025. Seither gehe es zurück und liege 2026 rund ein Viertel unter dem Vorjahr.
"Der Trend ist real, er ist online entstanden, er ist jung, und er hat seinen Höhepunkt vermutlich schon hinter sich", so ordnet Fichter die Daten ein. "Wer ihn jetzt auf der Straße bemerkt, sieht das Nachlaufen, nicht den Anstieg. Erst wird gesucht, dann gekauft, dann getragen – und erst dann fällt es auf." Ein ganz neuer Trend sei das Tragen einer Kreuzkette indes ohnehin nicht. "Wie bei vielen Symbolen oder Mode-Accessoires kommt das alle 15 bis 20 Jahre wieder", sagt Fichter. Pop-Ikone Madonna trug bereits in den 1980er Jahren in ihren Musikvideos ein Kreuz um den Hals.