Standpunkt

In Zeiten der Polarisierung kann die Kirche ein Gegenbeispiel sein

In Zeiten der Polarisierung kann die Kirche ein Gegenbeispiel sein
Bild: picture alliance/imageBROKER/Ingo Kuzia

Wir leben in einer polarisierten Gesellschaft. Das zeigt sich nicht erst seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Im Umgang mit den vielen Herausforderungen unserer Zeit haben sich Risse gebildet. Menschen richten sich in ihren Blasen ein, tun sich schwer, anderen zuzuhören und andere Meinungen auszuhalten. Überzeugt von der eigenen moralischen Überlegenheit ist das ja auch gar nicht nötig.

In dieser Zeit könnte die Kirche, so die Vision des Luxemburger Kardinals Jean-Claude Hollerich, ein Gegenbeispiel sein. Im Umgang mit unterschiedlichen Positionen, mit Vielfalt, ja mit Gegensätzen, könne die Kirche zum Vorbild für die gesamte Gesellschaft werden, sagte Hollerich in Linz bei einer Tagung über Synodalität.

Ein spannender Gedanke: Gerade die Kirche als Gemeinschaft von Christinnen und Christen sollte zeigen, dass und wie man Gegensätze aushalten kann.

Im Moment ist der Umgang mit unterschiedlichen Haltungen oft erschreckend: In den Diskussionen um Änderungen in der Kirche wird Reformern vorgeworfen, glaubensschwach oder nicht mehr katholisch zu sein, sich an den Zeitgeist anzubiedern und nach Beifall zu heischen. Konservative müssen sich anhören, es gehe ihnen nur um Macht und die eigene Position oder sie hätten die Liebesbotschaft Jesu einfach nicht verstanden. Und in Gemeinden führen manchmal Auseinandersetzungen um Veränderungen zu verhärteten Fronten.  

Menschen können bei gleicher Gläubigkeit und Gewissenhaftigkeit nun einmal zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Wer bin ich, über den Glauben und die Ernsthaftigkeit eines anderen zu urteilen? Wie wäre es, statt sofort einzuordnen und zu beurteilen oder gar zu verurteilen, erst einmal dem oder der anderen zuzuhören? Sich die Geschichte, die Erfahrungen, die Sorgen und Wünsche des Gegenübers schildern zu lassen? Die katholische Kirche ist groß. In ihr ist Raum für Vielfalt und unterschiedliche Wege. Das auszuhalten und vorzuleben, wäre ein prophetisches Zeichen in einer polarisierten Welt.

Ulrich Waschki

Der Autor

Ulrich Waschki ist Geschäftsführer und Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse.

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.