Wenn die Kirche lernt, Gegensätze auszuhalten, ohne auseinanderzufallen, und respektvoll mit Verschiedenheit umzugehen, hat sie nach Meinung von Kardinal Jean-Claude Hollerich der Gesellschaft etwas anzubieten. "In unseren Gesellschaften wird viel gesprochen und wenig gehört", analysierte der Luxemburger Erzbischof und Generalrelator der Weltsynode zum Auftakt der internationalen Tagung zur Synodalität in Europa im oberösterreichischen Puchberg bei Wels.
Hollerich warnte vor einer politischen Kultur, in der Menschen mit anderen Positionen rasch zu Gegnern erklärt würden. Gerade angesichts von Migration, Krieg und Zukunftsängsten brauche es Räume, in denen Menschen einander zuhören und zu verstehen versuchen, "was mein Gegenüber bewegt, welche Freude, Sorgen, welche Trauer und Ängste er oder sie hat". Genau ein solcher geschützter Raum solle in den kommenden Tagen in Wels entstehen. Die Kirche könne dabei nicht als Belehrende auftreten, sondern müsse selbst lernen, Spannungen auszuhalten und Verschiedenheit als Teil ihrer Gemeinschaft zu verstehen.
Rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 30 Ländern tagen von Montag bis Donnerstag in Oberösterreich, um unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven europäischer Ortskirchen zusammenzuführen und daraus eine "Roadmap" für die weitere Umsetzung der Weltsynode zu entwickeln. Organisiert wird die Tagung von der Abteilung für Synodalität der Katholischen Privat-Universität Linz (KU) gemeinsam mit der europäischen Taskforce für Synodalität und unter der Schirmherrschaft des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).
Arbeit an einer "Roadmap"
In Puchberg sollen an drei Arbeitstagen zunächst die geistliche und liturgische Dimension, danach die gesellschaftlichen Realitäten Europas – darunter Krieg, Migration und Polarisierung – sowie schließlich Strukturen, Ämter und Entscheidungsprozesse im Mittelpunkt stehen. Die unterschiedlichen Stimmen sollen am Ende in eine "Roadmap" einfließen. Die Ergebnisse werden anschließend ausgewertet und dem CCEE-Präsidium vorgelegt.
Kardinal Ladislav Nemet mahnte die Orthodoxen als Vorbild an.
Kardinal Ladislav Nemet, Erzbischof von Belgrad und CCEE-Vizepräsident, plädierte dafür, Vielfalt als Normalform anzusehen. Katholische Kirche werde in Europa unter sehr unterschiedlichen Bedingungen gelebt: In manchen Ländern präge sie weiterhin das öffentliche Leben, in anderen müsse sie um jede Genehmigung kämpfen. Diese Unterschiede ließen sich nicht einfach beseitigen. Er empfahl, aus den Erfahrungen der orthodoxen Kirchen mit Synodalität zu lernen.
Mit Hollerich war sich Nemet einig, dass Synodalität nicht zu einem europäischen Einheitsmodell führen werde. Dezentrale Lösungen könnten vielmehr notwendig sein, damit Ortskirchen auf ihre jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen reagieren könnten. Nemet nannte als Beispiele größere Spielräume für Bischofskonferenzen und stärkere Beteiligung des Volkes Gottes bei der Auswahl von Bischöfen. Hollerich verwies auf die Bedeutung kontinentaler Zusammenschlüsse und auf die Notwendigkeit, das Evangelium in einer Sprache zu vermitteln, die auch junge Menschen verstehen.
Klara Csiszar beschrieb Synodalität als eine Perspektivveränderung. Die Vizerektorin der KU Linz und Leiterin der dortigen Abteilung für Synodalität betonte, es gehe nicht darum, zusätzlich zu bisherigen Aufgaben ein weiteres Programm zu absolvieren. Vielmehr müsse man sich immer wieder fragen: "Wer ist nicht mit uns unterwegs?" und "Wer ist in gewissen Gremien nicht vertreten?" (KNA)