Für eine Auszeit, bei Erschöpfung und Lebensfragen: Das Recollectio-Haus in der Abtei Münsterschwarzach bietet Menschen in kirchlichen Berufen Hilfe in Krisen an. Geistliche Begleiter aus dem Kloster – darunter Anselm Grün – und psychologische Begleiterinnen kümmern sich um die Gäste. Doch die Geschichte der Einrichtung wirft Fragen auf. Pater Anselm Grün soll in den 90er Jahren einen mutmaßlichen Missbrauchstäter aufgenommen und seinen weiteren Einsatz in der Seelsorge für möglich gehalten haben. Leiterin und Psychologische Psychotherapeutin Corinna Paeth erklärt, wo heute Grenzen gezogen werden, spricht über geistlichen Missbrauch und wie sie den Fall um Anselm Grün einordnet.
Frage: Frau Paeth, die Paderborner Missbrauchsstudie schreibt, dass im Recollectio-Haus in der Vergangenheit immer wieder beschuldigte Kleriker behandelt wurden: Würden Sie heute auch noch beschuldigte Kleriker aufnehmen?
Paeth: Nein, wir können im Recollectio-Haus generell keine Menschen begleiten, die sexuellen Missbrauch begangen haben. Wenn sich Betroffene eines sexuellen Missbrauchs zusammen mit vermutlichen Missbrauchstätern in einer Gruppe befinden, wäre die Gefahr einer Retraumatisierung zu groß und das wollen und müssen wir vermeiden.
Frage: Es heißt: "Die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg 2010 habe eine 'klare Zäsur' gebracht." Was hat sich seitdem an den Aufnahmeverfahren geändert?
Paeth: In den Jahren nach 2010 hat man sich hier entschlossen, keine Menschen in den Kursen zuzulassen, die einen sexuellen Missbrauch durchgeführt haben. Anselm Grün spricht von ungefähr 15 Jahren, in denen keine Gäste mehr mit diesem Hintergrund aufgenommen wurden. Ich selber arbeite seit 2016 in diesem Haus. Auch mir ist kein Gast in Erinnerung, bei dem ein solcher Vorwurf bestanden hat.
Die promovierte Psychologin Corinna Paeth leitet das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach.
Frage: Wie gehen Sie damit um, wenn im Erstgespräch ein Verdacht auf einen Übergriff aufkommt?
Paeth: Prinzipiell wäre es gut, einen Gast weiter im Gespräch zu behalten, um Motivation aufzubauen, dass er sich bei der Polizei meldet. Das können wir aber nicht leisten. Wir können nur weiter vermitteln.
Frage: Erkennt man einen mutmaßlichen Täter denn direkt im Vorgespräch?
Paeth: Natürlich muss man dabei aufpassen. Manch ein Gast sagt nicht immer alles im Vorgespräch. Menschen, die eine solche Tat begangen haben, können Angst oder Scham empfinden, sodass die Informationen erst peu à peu im Therapieverlauf herauskommen können. Aber solch einen Fall hat es bei uns noch nicht gegeben.
Frage: Was würde in diesem Fall passieren?
Paeth: Das Team würde sich zusammensetzen. Es ist klar, dass der Kurs für den Gast abgebrochen werden muss und er um eine Schweigepflichtentbindung gebeten wird. Dann können wir mit dem Personalreferenten in Kontakt treten. Wir würden alles Erdenkliche tun, dass nicht die Gefahr besteht, dass dieser Priester wieder eingesetzt wird.
In den Jahren nach 2010 hat man sich hier entschlossen, keine Menschen in den Kursen zuzulassen, die einen sexuellen Missbrauch durchgeführt haben.
— Corinna Paeth
Frage: Was ist "alles Erdenkliche", wenn die Schweigepflicht weiter besteht?
Paeth: Es ist unsere Motivation, dass der Gast uns von der Schweigepflicht entbindet. Alles erdenkliche Bemühen ist, dem Gast die Situation darzulegen, dass er eine Problematik, vielleicht auch eine Störung, hat, die ernst genommen werden muss.
Wenn er uns die Entbindung nicht gibt und keine akute Fremdgefährdung besteht, dann dürfen wir weder die Polizei noch den Personalreferenten kontaktieren. Wichtig wäre es, wenn der Gast sich Hilfe suchen und in eine entsprechende Einrichtung oder Klinik gehen würde. Eine Fortführung der Kursteilnahme können wir dem Gast definitiv nicht ermöglichen.
Frage: Wie stellen Sie sicher, dass keine Fälle untergehen oder vertuscht werden?
Paeth: Wir haben das Glück, im Recollectio-Haus nicht nur die Einzelgespräche zu führen, sondern auch zu beobachten, wie sich der Gast in der Gruppentherapie und im Alltagsleben mit den anderen Kursteilnehmenden gibt. Auf diese Weise bekommen wir größere Einsicht. Wir hätten die Möglichkeit, Faktoren im Gruppengeschehen wahrzunehmen, die uns skeptisch machen können, ob das, was er im Einzelgespräch gesagt hat, stimmig ist.
Im Team haben wir einmal wöchentlich eine Sitzung. Zu der treffen sich alle geistlichen und psychologischen Begleiter*innen, aber auch unsere Kreativtherapeutin und wir besprechen die Themen der Gäste. Wenn wir Fragen oder Unsicherheiten haben, tauschen wir uns darüber aus. Zusätzlich besprechen sich die Psychologischen Psychotherapeutinnen in einmal wöchentlich stattfindenden Intrervisionen. Als solche haben wir auch externe Supervisionsgruppen. Und als Psychologische Psychotherapeutinnen besuchen wir kontinuierlich Fortbildungen.
Mein Team und ich haben Pater Anselm als äußerst integre Person kennengelernt, die sehr verantwortungsbewusst mit unseren Gästen umgeht.
— Corinna Paeth
Frage: Die Vergangenheit des Recollectio-Hauses taucht immer wieder in Missbrauchsstudien auf. Was haben Sie aus den Studien für ihre Arbeit gelernt?
Paeth: Es gibt bestimmte Krankheitsbilder, die wir im Haus nicht begleiten können. Das sind schwere Formen von Depressionen, inklusive Suizidalität, akute Suchterkrankungen, Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis und auch die Pädophilie. Wir arbeiten sehr streng nach diesen Vereinbarungen. Das Vorgehen ist immer wieder optimiert worden. Insofern kann ich gar nicht sagen, was wir gelernt haben, weil wir seitdem immer gut gefahren sind mit diesem Verfahren. Wir machen von Kurs zu Kurs wiederholt die Erfahrung, dass unser Konzept gut ist.
Frage: In den 1990er Jahren waren die Verfahren noch anders. Anselm Grün soll bei einem Gespräch mit dem Personalreferenten den weiteren Einsatz eines beschuldigten Priesters für möglich gehalten haben. Was bedeutet der Fall um Anselm Grün für das Recollectio-Haus?
Paeth: Mein Team und ich haben Pater Anselm als äußerst integre Person kennengelernt, die sehr verantwortungsbewusst mit unseren Gästen umgeht.
Es kann auch jedem Psychotherapeuten oder Psychiater passieren, dass man einen Patienten oder Gast vor sich hat, der nicht die Wahrheit sagt. Man muss dem Menschen dann glauben. Pater Anselm hat in dem ersten Jahr im Recollectio-Haus einen solchen Gast gehabt. So schätze ich es ein.
Frage: Geben Sie heute auch noch Einschätzungen an die Bistümer für den weiteren Einsatz der Priester?
Paeth: Wir bieten Gespräche mit dem Personalreferenten an, sofern das der Gast will. In diesem Gespräch geben wir Empfehlungen: Was braucht es, damit der Gast, zum Beispiel nach einer Erschöpfungsphase, wieder einsatzfähig ist und sich weiter regenerieren kann? Die Entscheidung, ob der Priester wieder eingesetzt werden kann, können wir nicht treffen. Das kann nur das Bistum.
Anselm Grün, Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach, beim 104. Katholikentag am 16. Mai 2026 in Würzburg.
Frage: Pater Anselm Grün soll in dem Fall auch eingeschätzt haben, dass der betroffene Priester nicht homosexuell ist. Der Betroffenenbeirat sieht darin das Problem, dass "die homosexuelle Veranlagung eines Priesters ein größeres Problem war als ein mutmaßlich begangenes Missbrauchsverbrechen". Gibt es solche Einschätzungen heute noch?
Paeth: Seit 1991 gilt Homosexualität Gott sei Dank nicht mehr als psychische Störung. Die sexuelle Orientierung ist etwas Privates, kann aber auch Thema in den Gesprächen sein, sofern der Gast darunter leidet. Und Sexualität ist tatsächlich ein recht häufig vorkommendes Thema unter unseren Gästen. Sexuelle Präferenzstörungen, wie beispielsweise eine Pädophilie, aber nicht. Für das Gespräch mit dem Personalreferenten fragen wir ab, ob die Gäste über ein Thema wie die Sexualität nicht sprechen wollen.
Da wir in meiner Ära noch keinen sexuellen Missbrauchstäter hatten, war dies bislang kein Thema. Wir arbeiten daran, dass es auch weiterhin so bleibt.
Frage: Sie haben den sexuellen Missbrauch gerade herausgehoben. Gibt es aktuell Fälle von anderem Missbrauch?
Paeth: Das Thema Machtmissbrauch oder empfundener emotionaler Missbrauch oder auch geistlicher Missbrauch ist tatsächlich immer wieder Thema unter unseren Gästen. Das sind dann überwiegend Gäste, die das erlebt haben als Betroffene. Es gibt sicherlich den einen oder anderen Gast, bei dem wir während des Kurses gemerkt haben, auch durch die Interaktion mit den anderen Kursteilnehmenden, dass er die Tendenz zur Manipulation hat. Das ist dann Thema in den Einzelgesprächen und Gruppentherapien.
Das Thema Machtmissbrauch oder empfundener emotionaler Missbrauch oder auch geistlicher Missbrauch ist tatsächlich immer wieder Thema unter unseren Gästen.
— Corinna Paeth
Frage: Kann darüber hinaus gehandelt werden?
Paeth: Wenn wir von der Schweigepflicht entbunden sind, haben wir die Möglichkeit im Übergangsgespräch mit dem Personalreferenten über die Beobachtungen zu sprechen. Im Gespräch können wir Empfehlungen geben, wie der Gast und sein Team nach dem Aufenthalt im Recollectio-Haus unterstützt werden können. Es sind wenige Gäste, bei denen wir manipulative Tendenzen beobachtet haben.
Frage: Wurde denn ein Priester mit dieser Tendenz wieder eingesetzt?
Paeth: Mir ist kein Fall von einem Priester in unseren Kursen bekannt, bei dem wir Manipulation beobachtet haben oder bei dem dies der Fall war.
Frage: Zurück zum Fall um Anselm Grün: Der Betroffenenbeirat fordert eine Untersuchung der Fälle der sexuellen Missbrauchstäter in der Vergangenheit im Recollectio-Haus. Die Abtei Münsterschwarzach hat gemeldet, dass eine Untersuchung aufgrund der Schweigepflicht nicht möglich ist: Wie wollen Sie die Fälle aufarbeiten?
Paeth: Wir haben uns im Team Gedanken gemacht, wie wir dem Betroffenenbeirat entgegenkommen können. Wir haben allerdings das Problem, dass die Verfügbarkeit der Daten beschränkt ist.
Die ältesten Akten sind zehn Jahre alt. Das ist die gesetzliche Aufbewahrungspflicht. Die Bereitschaft ist also da, aber es ist gerade der Zeitraum, der aufgearbeitet werden sollte, wozu keine Daten mehr da sind.