Wie sollten Bischöfe heute auftreten und wirken? Wenn der Papst sich dazu äußert, sorgt das für Aufsehen – auch wenn er das "nur" in einem Brief an die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik macht. So nutzte das Kirchenoberhaupt in einem Schreiben am Wochenende den Ritus der Begrüßung eines Bischofs in seiner Kathedrale als Metapher für den Hirtendienst des Bischofs. Gleichzeitig erinnerte er an den vor 300 Jahren heiliggesprochenen Missionar und Erzbischof von Lima, Toribio de Mogrovejo. "Was die Liturgie in wenigen Gesten ausdrückt, hat der Apostel der Anden in seinen Jahren als Hirte gelebt", so der Papst.
Dabei betont das Kirchenoberhaupt als erstes – angelehnt an den Beginn des Ritus am Eingang der Kathedrale – die Bedeutung von Pastoralbesuchen. Denn manche Aspekte einer Diözese ließen sich vom Schreibtisch aus nur schwer erfassen. "Aus diesem Grund müssen wir dafür sorgen, dass die Pastoralbesuche ihre Lebendigkeit behalten: Gehen wir persönlich auf unsere Gemeinden zu, hören wir unserer Herde zu und suchen wir diejenigen auf, die selten die Gelegenheit haben, sich an den Bischof zu wenden", schreibt Papst Leo XIV. Der Dienst eines Nachfolgers der Apostel erfordere es, "dass wir mit dem Herzen im Himmel und mit den Füßen auf der Straße leben".
"Bischöfe kommen und gehen; Christus bleibt immer"
Wenn der Bischof noch an der Tür stehend ein Kruzifix empfängt und dieses küsst, sieht der Papst darin das Versprechen der Selbstaufopferung: Das Kreuz erinnere den Bischof daran, dass er auch in schweren Zeiten bei der Herde bleiben müsse und dass der Schutz der Schafe den Hirten selbst etwas kosten könne. "Liebe Brüder, wir müssen immer wieder in die Schule des Kreuzes zurückkehren. Die Herde zu verlassen, kann lange vor jeder sichtbaren Flucht beginnen, wenn Bequemlichkeit, Angst oder Eigennutz Vorrang vor dem Wohl der Gläubigen haben", formuliert der Papst.
Mit der Besprengung durch Weihwasser soll der Bischof sich seiner eigenen Taufwürde bewusst werden und sich daran erinnern, dass auch er ein Jünger ist, der der Umkehr bedarf. Zum Knien und Anbeten vor dem Tabernakel schreibt der Papst: "Bischöfe kommen und gehen; Christus bleibt immer (vgl. Hebr 13,8)." Die Bischöfe sollten daher der eucharistischen Anbetung eine pastorale Priorität einräumen. "Geben wir unseren Gläubigen Zeit und Raum, vor ihm zu verweilen, und ermutigen wir sie zu einer längeren Anbetung." So könnten sich Wege eröffnen, die kein pastoraler Plan erahnen könne.
Seinen Brief adressierte Papst Leo XIV. an die Bischöfe in Lateinamerika und der Karibik – seine Überlegungen dürften auch darüber hinaus Gültigkeit haben.
Den Schritt zur Kathedra, wo die päpstliche Ernennungsbulle vorgezeigt wird, bringt Papst Leo XIV. in seinem Brief mit der Lehre zusammen, die der Bischof von der Kathedra aus verkünden soll. "In einer Zeit, in der so viele Stimmen Anspruch auf Autorität über das Gewissen der Gläubigen erheben, ist es die Pflicht des Bischofs, eine klare Lehre zu vermitteln, die von Geduld geprägt und in dieser Gemeinschaft verwurzelt ist, um seinem Volk zu helfen, die Stimme des einen Hirten zu erkennen", schreibt Papst Leo XIV.
Weiter fordert er, den Priestern beizustehen. "Lasst uns dem Priesterseminar und den ersten Jahren des Priesterdienstes besondere Aufmerksamkeit widmen; lasst uns echte Brüderlichkeit pflegen und dafür sorgen, dass kein Priester das Gefühl hat, er könne sich nur dann an seinen Bischof wenden, wenn es ein Problem zu lösen gibt", heißt es im Brief. "Die väterliche Fürsorge des Bischofs wird oft dann wahrgenommen, wenn ein Priester weiß, dass er vertrauensvoll an die Tür der Bischofsresidenz klopfen kann."
"All das kann auf die Patene gelegt werden"
Erst nach dem Evangelium wende sich der Bischof beim Begrüßungsritus zum ersten Mal an seine Gemeinde – eine Erinnerung daran, das Evangelium zu meditieren und zu verkünden. "Möge keine Dringlichkeit und keine seelsorgerische Aufgabe, so notwendig sie auch sein mag, dazu führen, dass wir das Gebet vernachlässigen, das eine unverzichtbare Vorbereitung auf die Predigt ist." Bischöfe sollten sich daher stets Zeit nehmen, das Wort Gottes zu hören und sorgfältig zu überlegen, wie sie es der Gemeinde vermitteln könnten.
In der daran anschließenden Gabenbereitung sei ein "Vorgeschmack" auf das erkennbar, was der Bischof Tag für Tag in die Hände des Herrn legen werde: "seine Arbeit, die Projekte, die er in Angriff nehmen wird, die Entscheidungen, die er treffen muss, die ihm anvertrauten Gläubigen, seine Sorgen und seine Hoffnungen", schreibt Papst Leo. Es werde Momente geben, in denen er den Weg klar vor sich sehe und andere, in denen er seine eigene Unzulänglichkeit spüre. "All das kann auf die Patene gelegt werden." In der Eucharistie leihe der Bischof – wie jeder Priester – Christus seine Stimme und seine Hände. "Was er feiert, muss sich auch auf sein eigenes Leben ausweiten, das immer enger mit dem Opfer des Herrn verbunden ist, bis sein gesamtes Dasein in Christus zu einem Opfer für den Vater wird."
Die spirituelle Landschaft der Kirche in Lateinamerika sei durch Hirten wie den heiligen Toribio geprägt worden. Dieser "Apostel der Anden" hat für Papst Leo XIV. auch eine persönliche Bedeutung. Denn auch das heutige Oberhaupt der katholischen Kirche kam einst als Missionar nach Peru und wurde dort zum Bischof von Chiclayo. "Während ich diese Worte an Sie richte, ist mein Herz erneut erfüllt von Dankbarkeit für das Privileg, in Peru als Bischof tätig gewesen zu sein", schreibt der Papst in seinem Brief. "Dort lernte ich den Glauben eines Volkes, von dem ich so viel empfangen habe, aus erster Hand kennen und verstand tiefer, was es bedeutet, ein Hirte zu sein."