Der katholische Theologe Johannes Sabel warnt vor einer politischen Vereinnahmung christlicher Begriffe durch die Neue Rechte. Diese versuche, durch die Aufnahme christlicher Vorstellungen ihre eigene Programmatik als gesellschaftlich ganz normal erscheinen zu lassen, sagte der Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster dem Portal "Kirche+Leben". Er sprach von einer "Normalisierungs- und Verharmlosungsstrategie der Neuen Rechten".
Theologe sieht auch Kirche selbst in der Pflicht
Nach Sabels Einschätzung werden dabei christliche Vorstellungen teilweise stark umgedeutet. Als Beispiel nannte er das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Dieses passe nicht zu einem politischen Denken, das die Gesellschaft in Freunde und Feinde einteile. In neurechten Interpretationen werde Nächstenliebe deshalb stärker auf Familie, unmittelbares soziales Umfeld und das eigene Volk bezogen, so der Akademiedirektor.
Sabel sieht zugleich auch die katholische Kirche selbst in der Pflicht. In ihrer Tradition gebe es Positionen, die Vorstellungen der Neuen Rechten teilweise entgegenkommen könnten. Als problematische Felder nannte er unter anderem Fragen des Geschlechterbilds, der Homosexualität, kirchlicher Machtstrukturen und der Beteiligung von Frauen. Die Kirche müsse sich deshalb neu mit ihrem eigenen Verhältnis zur Moderne auseinandersetzen.
Soziale Frage neu beantworten
Mit Blick auf die jüngsten Wahlerfolge der AfD führte Sabel deren Zustimmung vor allem auf ein verbreitetes Gefühl gesellschaftlicher Ungerechtigkeit zurück. Nach seiner Einschätzung stimmten viele Wähler nicht in erster Linie für das konkrete Parteiprogramm. Vielmehr müsse stärker nach den tatsächlichen Ursachen von Ungleichheit etwa bei Einkommen, Vermögen, Bildung, gesellschaftlicher Anerkennung und Wohnraum gefragt werden.
Sabel forderte die demokratischen Parteien auf, die soziale Frage mit konkreten politischen Maßnahmen neu zu beantworten. Zugleich schrieb er der AfD eine "starke und destruktive Energie" zu. "Meine Vermutung ist, dass es eine tiefsitzende Zerstörungslust gibt, die die AfD aufnimmt und zum Treiber ihrer Rhetorik und Programmatik macht." (KNA)