Zu der jüngsten Pilotstudie über spirituellen Missbrauch in katholischen Gemeinschaften haben die Auftraggeber am Montag erste Reaktionen und Schlüsse vorgestellt. So wollen sich die Bischöfe von Münster und Osnabrück, Heiner Wilmer und Dominicus Meier, für die kirchenrechtliche Strafbarkeit dieser Art von Missbrauch einsetzen. Auch sollen Hilfsangebote für Betroffene, Prävention sowie die Kontrolle Geistlicher Gemeinschaften ausgebaut werden.
Für die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) als dritten Auftraggeber werde sich eine Arbeitsgruppe mit Befund und Folgen der Studie befassen, kündigte Generalsekretärin Beate Gilles an. Auch sei eine Anlaufstelle geplant. Zugleich verwies Gilles auf eine 2023 erschienene Arbeitshilfe zum "Missbrauch geistlicher Autorität". Diese enthalte bereits Empfehlungen zur Vorbeugung und zu der Frage, was bei Hinweisen zu tun sei.
Charisma und Autorität ausgenutzt
Die dreieinhalbjährige Studie unter Leitung der Theologin Judith Könemann und des Historikers Thomas Frings von der Universität Münster hatte erstmals das Phänomen spirituellen Missbrauchs in katholischen Geistlichen Gemeinschaften untersucht. Charismatische Führungspersönlichkeiten haben demnach spirituelle und andere persönliche Bedürfnisse von Gläubigen sowie ihre eigene Autorität benutzt, um Menschen von sich abhängig zu machen und bestimmte Normvorstellungen durchzusetzen. Dies wurde theologisch und als gottgewollt verbrämt.
Exemplarisch untersucht wurden die Bewegung Totus tuus Neuevangelisierung im Bistum Münster und die Christusgemeinschaft im Bistum Osnabrück. In beiden Gruppen herrschten demnach Druck und Willkür, sowohl in großen Gruppenrunden wie in Einzelgesprächen. Durchgesetzt worden sei dies über Beschämung, Demütigen, Bloßstellen, Liebesentzug, Kontaktabbruch und andere Verhaltensweisen.
Den Bistumsleitungen warfen die Autoren der Studie vor, bei Problemanzeigen nicht eingeschritten oder inkonsequent reagiert zu haben. Das Bistum Münster hatte die Bewegung Totus Tuus Neuevangelisierung 2004 anerkannt und 2021 nach einer Untersuchung aufgelöst. Die seit Ende der 1980er Jahre tätige Christusgemeinschaft, entstanden im Umfeld des Ordens der Thuiner Franziskanerinnen, war vom Bistum Osnabrück zwar nie offiziell anerkannt worden. Allerdings hatte die Bistumsleitung trotz Gesprächen über einen Zeitraum von gut 20 Jahren auch keine dezidierte Warnung ausgesprochen.
Werfen den früheren Bistumsleitungen in Osnabrück und Münster vor, bei Problemanzeigen nur inkonsequent reagiert zu haben: die Studienautoren Judith Könemann und Thomas Frings.
Der Osnabrücker Bischof Meier sagte, ihn "als Ordensmann und damit als Mitglied einer Geistlichen Gemeinschaft" habe die Studie "sprachlos gemacht". Er räumte ein, solche Bewegungen hätten über Jahrzehnte als "eine Art 'Rettung'" gegolten; Schattenseiten seien so übersehen worden.
Inzwischen sei das Thema aber fester Gegenstand von Personalgesprächen und Visitationen, so Meier. Bei Gemeinschaften päpstlichen Rechts, über die er keine Aufsicht habe, stehe er aber in regelmäßigem Kontakt mit der zuständigen Vatikanbehörde.
Jede Geistliche Gemeinschaft solle Studie aus Eigeninteresse lesen
Auch in Münster will Bischof Wilmer sowohl bestehende Maßnahmen und Schutzmaßnahmen ausbauen und präzisieren sowie Standards für geistliche und seelsorgliche Begleitung verbessern. Er verwies auch auf eine Disziplinarordnung für Kleriker, die noch sein Vorgänger Felix Genn erlassen hatte.
Die Bischofskonferenz-Generalsekretärin Gilles verwies auf das Selbstbestimmungsrecht katholischer Gemeinschaften und deren Freiheit auch gegenüber bischöflicher Bevormundung. Daher seien Aufsicht und Kontrolle ein Balanceakt. Bischof Meier betonte daher: "Jede geistliche Gemeinschaft muss diese Studie aus Eigeninteresse lesen und darf nicht auf den Bischof oder jemand anderen warten." Eigene Regeln seien zu überprüfen und das Thema an alle Mitglieder zu kommunizieren.
Maria Cordis Reiker, Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen als vierte Auftraggeberin der Studie, räumte ein, ihre Vorgängerinnen hätten zu lange gezögert, eine damals verantwortliche Schwester mit charismatisch starker Persönlichkeit aus der Begleitung junger Menschen herauszunehmen. Seit den Vorfällen damals und dem Austritt von 70 Schwestern in Folge von Turbulenzen sei ihr Orden aber dabei, die Konflikte und den Missbrauch aufzuarbeiten. (cbr/KNA)
05.10.2026, 14.15 Uhr; Ergänzt um weitere Aussagen von Bischof Dominicus Meier, Bischof Heiner Wilmer und Generalsekretärin Beate Gilles