Standpunkt

Was heißt heute noch "konservativ"?

Rückansicht auf fünf Gottesdienstbesucher, eine Frau in der Mitte trägt ein weißes Kopftuch.
Bild: KNA/Harald Oppitz

Mit Etiketten ist es so eine Sache: Je nachdem, in welchen Kreisen ich mich bewege, werde ich wahlweise als "knall-katholisch" oder als "links-liberal" eingeordnet. Nun gibt es aber auch Katholiken, die sich selbst als explizit "konservativ" bezeichnen und diese Eigenidentifikation auch überzeugt kundtun. Ich begegne ihnen immer wieder bei kirchlichen Veranstaltungen, in Uni-Seminaren – oder auch in den Kommentarspalten bei katholisch.de.

So manche Aussagen dieser "Konservativen" gehen mir lange nach und drängen mich zunehmend zu der Frage: Wofür steht ihr eigentlich? Die Betonung hier liegt auf dem Wofür, denn das Wogegen scheint leicht zu beantworten. Wer auch nur ein wenig an der Oberfläche der altbekannten Phrasen kratzt, stößt auf ein ganzes Potpourri der Ablehnung. Fast immer dabei: Misogynie, Queerfeindlichkeit oder anti-muslimischer Rassismus – gerne auch in Kombination.

Die konfessionelle Verkleidung der Ressentiments ist dabei so dürftig wie austauschbar. Auf der inhaltlichen Ebene macht es keinen Unterschied, ob ich etwa mit freikirchlichen, katholischen oder orthodoxen "Konservativen" spreche. So kritisch diese Menschen ökumenische Initiativen auch beäugen, in ihrer Ablehnungshaltung formen sie eine unheimliche Einheit.

Da überrascht es nicht, dass sich dieser konfessionell entkernte "Konservatismus" allzu leicht von rechten Politikströmungen vereinnahmen lässt. Es müssen nicht immer die USA oder Russland sein – es reicht bereits der Blick nach Ungarn oder Italien. Vielleicht haben Sie auch schon in ihrer eigenen Pfarrei jemanden hinter vorgehaltener Hand munkeln hören, dass an der AfD ja nicht alles schlecht sei.

Wo wird in diesem "konservativen" Nein eigentlich noch Gottes radikales Ja zur Welt in Jesus Christus offenbar? Ein bekanntes Bonmot besagt: Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme. Allzu oft aber werden primär Hass und Hetze geschürt – das ist nicht die Flamme meines Glaubens. Gerade in Zeiten politischer Menschenfischer braucht es einen starken katholischen Konservatismus, der sich in flammendem Glaubenszeugnissen klar von menschenfeindlichem Gedankengut abgrenzt.

Valerie Judith Mitwali

Die Autorin

Valerie Judith Mitwali promoviert an der Ruhr-Universität Bochum in systematischer Theologie.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.