Standpunkt

Was die Kirche von der Kühlschrank-Methode lernen kann

Eine Frau schaut fragend in den geöffneten Kühlschrank
Bild: AdobeStock/Chanelle Malambo/peopleimages.com

Wenn du kochen willst, hast du zwei Möglichkeiten: Du nimmst ein Kochbuch, suchst ein beeindruckendes Rezept aus, studierst die Zutaten, gehst die Kochutensilien durch, kaufst ein, legst los. Das Ergebnis: Sehr beeindruckend und bestimmt lecker.

Die zweite Möglichkeit geht so: Kühlschrank auf. Was ist noch da? Ein halber Kürbis, Sahne, Kartoffeln. Im Schrank: Kokosmilch und Sambal Olek. Im Kopf beginnt es zu arbeiten: Kürbissuppe! Aber es fehlt Ingwer. Die Nachbarin hat welchen. Sogar frischen. Dazu Kürbiskerne. Orangensaft gibt es leider im ganzen Haus nicht. Egal. Limette und ein Spritzer Honig tun es auch. Und los geht's. Das Ergebnis: Lecker!

Ich koche sehr gerne nach der zweiten Methode. Und die erinnert mich an das berühmte Brotwunder. Jesus fragt seine skeptischen Jünger: "Was haben wir da? Fünf Brote und zwei Fische? Immerhin." Besser anfangen mit dem, was da ist, als darauf zu warten, dass endlich alles perfekt ist. Ist es eh nie.

"Effectuation" heißt diese Methode. Sie stammt aus der Forschung über das Verhalten von Menschen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Sie beginnt nicht mit einem perfekten Rezept, sondern fragt: Was haben wir? Wie sieht das Netzwerk aus? Wer kann was beisteuern? Jüngstes Beispiel in meinem Kühlschrank: ein Seniorenheim. Ein eifriger Bewohnerbeirat, der Wunsch nach einem Gesprächskreis über den Glauben, Senioren-Organisationstalente, ein Besuch im Pfarrgemeinderat, ein schöner Raum mit Kaffee, Keksen und Wasser. Und eine wunderbare pensionierte Kollegin, die Lust hat mitzumachen.

Und fertig war der Vincenztreff. Beim ersten Mal sind 25 Menschen gekommen. Wir haben schon Themen für ein halbes Jahr gesammelt. Arbeitsaufwand: Zwei Stunden im Monat. Ergebnis: Viel Freude und glückliche Menschen.

Ich liebe dieses Denken. Weil es so zuversichtlich ist. Den halben Kürbis entdecken und schon die Suppe riechen. Akzeptieren, dass beim ersten Kochversuch womöglich noch nicht alles perfekt schmeckt. Ich finde, diese Haltung ist perfekt für die kriselnde Großorganisation Kirche. Nicht ständig fragen: Wo ist die große Lehre für die Zukunft? Sondern: Wer ist da? Wer hat Lust? Was können wir daraus machen? Der Himmel beginnt nicht mit dem Anstarren eines Luftschlosses. Sondern womöglich mit dem Blick in den Kühlschrank.

Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

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