"Aber es ist ja noch nicht zu spät"

Schönborn: Papst-Brief hätte Leitmotiv für Synodalen Weg werden müssen

Schönborn: Papst-Brief hätte Leitmotiv für Synodalen Weg werden müssen
Bild: Kathpress / Stephan Schönlaub

Aus Sicht des Wiener Kardinals Christoph Schönborn hat die Kirche in Deutschland den "Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" nicht ausreichend beachtet. "Wenn der Brief von Papst Franziskus an die Kirche in Deutschland das Leitmotiv des 'Synodalen Wegs' geworden wäre, dann wären wir nicht in den Sackgassen, in denen sich dieser 'Synodale Weg' zurzeit befindet", sagte Schönborn in einem Interview mit der "Tagespost" (Donnerstag). "Aber es ist ja noch nicht zu spät." In dem historischen Brief hatte Papst Franziskus (2013–2025) sich 2019 besorgt über die Pläne für den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland gezeigt und zu Einheit und Evangelisierung gemahnt, den Reformprozess aber nicht untersagt. Das Schreiben wurde in der Folge unterschiedlich interpretiert.

Schönborn mahnte im Interview, der Glaube, dass durch Strukturreformen allein eine Erneuerung bewirkt werden könne, sei "eine Illusion". "Die eigentliche Kraft kommt aus dem gelebten Glauben, aus den Sakramenten", so der Kardinal. Gleichzeitig gebe es gegenwärtig viele Kräfte der Erneuerung, etwa traditionelle Orden, Neue Geistliche Gemeinschaften, die Laienbewegung "Katholische Aktion" sowie viele Menschen, die ihr tägliches Leben unter schwierigen Umständen glaubwürdig lebten. "Im Garten Gottes blühen viele Blumen, aber man muss auch immer wieder jäten, weil Unkraut wächst", sagte der emeritierte Wiener Erzbischof.

"Wer bin ich, den Päpsten Noten zu geben?"

Schönborn zeigte sich darüber hinaus glücklich, dass er keine größeren Aufgaben im Vatikan bekommen hat, für die er nach Rom hätte ziehen müssen. "Ich bin dankbar, dass ich diesen Weg nicht gehen musste, weil ich mich nicht so sehr am Schreibtisch sehe – vielleicht für die Theologie, aber nicht für administrative Aufgaben", sagte Schönborn. "Es hat sich nicht so gefügt, und ich bin dem, der die Dinge fügt, dankbar dafür."

Das Pontifikat von Papst Leo XIV. wollte der emeritierte Wiener Erzbischof nicht bewerten. "Wer bin ich, den Päpsten Noten zu geben? Ich bin froh, wenn ich keine allzu schlechten Noten von ihnen bekomme." Natürlich beurteile die Geschichte auch die Fehler und Schwächen von Päpsten, aber das "Geheimnis des Petrusamtes" sei viel stärker, so Schönborn. "Zeigen Sie mir eine Institution der Welt, die vom ersten bis zum 267. Oberhaupt durchgehend als Institution besteht und sich durch allen Wandel der Geschichte hält! Der Papst ist immer der Papst!"

Das Ende der "Hegemonie Europas" in Kirche und Welt bezeichnete Schönborn als "Gerechtigkeit der Geschichte": "Es ist positiv, dass Europa nicht mehr die Welt beherrscht, denn so glorreich war das nicht." Europa habe spirituell und religiös immer noch viel zu geben, müsse gleichzeitig aber lernen, zu empfangen. "Heute ist Europa das Museum der Welt. Man kommt aus der ganzen Welt, um Europa zu bewundern, aber es gibt in diesem Museum nach wie vor einen lebendigen Glauben", erklärte Schönborn. "Die Kraft, aus der Europa seine großen Leistungen und seine Kultur hervorgebracht hat, ist das Evangelium." (cbr)