Bischöfe Bornewasser und Wehr im Fokus

Letzter Zwischenbericht: Neue Ergebnisse zu Missbrauch im Bistum Trier

Letzter Zwischenbericht: Neue Ergebnisse zu Missbrauch im Bistum Trier
Bild: nmann77 - stock.adobe.com

Das historische Forschungsprojekt zu sexuellem Missbrauch im Bistum Trier nähert sich dem Abschluss. Die Wissenschaftler der Universität Trier haben am Donnerstag ihren letzten Zwischenbericht veröffentlicht. Darin untersuchen sie die Zeit von 1946 bis 1966. In den Nachkriegsjahren bis 1951 waren dem Bericht zufolge ungewöhnlich viele Mädchen von sexuellen Übergriffen betroffen. Zudem zogen die Forschenden einen Vergleich zur NS-Zeit, was den Umgang der Bistumsleitungen mit beschuldigten Geistlichen angeht.

Die Forschenden machten von 1946 bis 1966 insgesamt 335 Betroffene aus, überwiegend Kinder und Jugendliche. Zudem ermittelten sie 123 Beschuldigte.

Etwa die Hälfte Mädchen

Das Bistum Trier leitete bereits ab 1922 Bischof Franz Rudolf Bornewasser. In der nun untersuchten Teil-Amtszeit von 1946 bis 1951 waren die Betroffenen der sexuellen Übergriffe zu etwa 50 Prozent weiblich. Das sei ungewöhnlich, schrieben die Forschenden.

Unter Bornewassers Nachfolger, Bischof Matthias Wehr (1951–1966), seien die Betroffenen zu zwei Dritteln Jungen gewesen – so wie in der Folgezeit. Die Studienautoren erklärten die Zahl mit einer sexuellen Verrohung in den ersten Nachkriegsjahren als Folge des Zweiten Weltkriegs.

Das Forschungsteam beschäftigte sich auch damit, wie die Bistumsleitungen mit beschuldigten Geistlichen umgingen. Laut Zwischenbericht lag die Entscheidungsgewalt in der Regel bei den Generalvikaren Heinrich von Meurers und Peter Weins. Die Verwaltungschefs seien "auffällig milde" mit Beschuldigten umgegangen. "Konsequenzen blieben ganz aus oder bestanden aus Versetzungen, in Ausnahmefällen ins Ausland, wo sie der deutschen Strafverfolgung entzogen waren", so die Universität.

Bischof Stephan Ackermann
Bild: © KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

Der Bericht mahne ihn und diejenigen, die heute und in Zukunft im Bistum Verantwortung tragen, im Bereich von Prävention, Intervention und Aufarbeitung belastbare, transparente und zuverlässige Strukturen zu etablieren, sagte Bischof Ackermann.

Dass ein konsequenteres Handeln möglich gewesen wäre, zeigt laut den Verfassern ausgerechnet ein Vergleich zwischen der Nazi-Zeit und der frühen Bundesrepublik. Aus Angst, die kirchenfeindliche NS-Propaganda könne solche Fälle instrumentalisieren, ordnete Bischof Bornewasser beispielsweise 1939 die fristlose Unterbringung eines Intensivtäters in einer kirchlichen Heil- und Pflegeanstalt an. "Nach 1945 lockerte Bornewasser die Maßnahme und der Priester wurde umgehend rückfällig."

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann erklärte, welche Konsequenzen in der Gegenwart aus der Untersuchung zu ziehen seien: "Der Bericht mahnt mich und diejenigen, die heute und in Zukunft im Bistum Verantwortung tragen, im Bereich von Prävention, Intervention und Aufarbeitung belastbare, transparente und zuverlässige Strukturen zu etablieren, die nicht abhängig und beeinflussbar sind von gesellschaftlichen Schwankungen im Umgang mit diesen Themen."

"Falsch verstandene Kollegialität"

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Verantwortungsbereich des Bistums Trier hatte den Bericht initiiert. Sie kommentierte: "Immer wieder wird in der Studie deutlich, dass die damaligen Bistumsverantwortlichen in Trier sich zu wenig um die Betroffenen sexuellen Missbrauchs gekümmert haben. Ihr Hauptaugenmerk galt besonders dem guten Ruf der Kirche und der Bewahrung allgemeiner Sittlichkeit nach den Auffassungen der Zeit. Häufig wurde Tätern mit großer und auch übergroßer Milde begegnet."

Aus der Studie werde deutlich, dass die inzwischen eingeführten Maßnahmen zur Prävention konsequent fortgeführt werden müssten. "Beispiele der Aufmerksamkeit von Kollegen, die die Bistumsleitungen eigeninitiativ auf sexuellen Missbrauch aufmerksam gemacht haben, weisen auf die fortbestehende Bedeutung von Umsicht, Mut und Achtsamkeit gerade in den Kirchengemeinden hin. Falsch verstandene Kollegialität und übergroße Geduld mit Tätern vergrößert die Gefahr des Missbrauchs und verschlimmert die Folgen."

Abschlussbericht soll bald vorliegen

Für die nun vorgelegte, vierte Analyse werteten die Historikerinnen und Historiker 1.574 Akten aus und führten Gespräche mit Betroffenen sowie mit Zeitzeugen. 2022 starteten sie das Forschungsprojekt, das bis ins Jahr 2021 reicht. Der vierte Zwischenbericht war der letzte Baustein. Im gesamten Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2021 zählen die Forschenden jetzt 252 Beschuldigte und 782 Betroffene.

Ende November soll ein Abschlussbericht vorliegen. Bereits veröffentlicht sind Teilstudien zu den Amtszeiten der Bischöfe Bernhard Stein (1967–1981), Hermann Josef Spital (1981–2001) sowie Reinhard Marx (2001–2008) und Stephan Ackermann (seit 2009). (KNA)