Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez steht seit Monaten unter zunehmendem Druck. Nun hat er die aktuelle Wohnraum-Debatte zum Anlass genommen, die Flucht nach vorne anzutreten: Mit dem Thema Wohnungsmangel, das Millionen Menschen umtreibt, will er bei vorgezogenen Neuwahlen genügend Anhänger mobilisieren, um weiter regieren zu können.
Auch die katholische Kirche des Landes hat sich öffentlichkeitswirksam in den Streit eingemischt. Kurz vor der Parlamentsabstimmung über zwei Wohnungsdekrete der Sánchez-Regierung forderte die Bischofskonferenz einen parteiübergreifenden Pakt zur Beendigung der Wohnungskrise in Spanien. Wohnen sei kein Privileg, sondern ein Recht, so die Bischöfe.
Auslöser der anhaltenden Diskussionen war eine aufsehenerregende Zwangsräumung in Madrid. Nachdem dort eine 87-Jährige zeitweise ihre Bleibe verloren hatte, gingen landesweit Zehntausende empörte Menschen für das Recht auf Wohnen und gegen steigende Mieten auf die Straßen. Die Minderheitsregierung brachte in der Folge gleich zwei Dekrete auf den Weg.
Zwangsräumungen verhindern
Unter anderem sollten damit Zwangsräumungen verhindert, auslaufende Mietverträge automatisch verlängert und ein Wohnungserwerb durch Immobilienspekulanten eingeschränkt werden. Wer Wohnungen zu niedrigen Preisen anbietet, sollte überdies steuerlich begünstigt werden. Doch am Freitag lehnten vor allem die rechten Oppositionsparteien die geplanten Maßnahmen ab. Sie sehen darin einen kontraproduktiven Staatsdirigismus, der nicht geeignet sei, den herrschenden Wohnungsmangel durch Neubau zu beheben.
Sánchez, der ohne Regierungsmehrheit dastand, zog daraufhin die Reißleine. Am Montag rief er vorgezogene Neuwahlen für den 29. November aus. Er forderte die Spanier auf, sich einer rückwärtsgewandten "rechtsextremen Welle" entgegenzustellen und für eine progressive Mehrheit im Parlament zu sorgen. Nur so könne Spanien "ein Bollwerk der Offenheit und der sozialen Gerechtigkeit" bleiben.
Ob das beim Wahlvolk gut ankommt, ist fraglich. Seine Minderheitsregierung war kaum noch handlungsfähig, sein Ansehen ist nach dem katastrophalen Management der Migrationskrise in der Exklave Ceuta und Korruptionsfällen in seinem Umfeld stark beschädigt. Nach derzeitigem Stand kann der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo mit einem Wahlsieg rechnen. Gemeinsam mit der rechtspopulistischen Vox-Partei käme er laut Umfragen auf 50 Prozent der Parlamentssitze.
Bei den Themen Wohnungsnot, Migration und Armut entwickelten sich gar Konsens und Zusammenarbeit zwischen Kirche und Regierung, wie sich besonders Anfang Juni beim Spanien-Besuch von Papst Leo XIV. zeigte.
In den Reihen der katholischen Kirche fragen sich nicht wenige Akteure, was ein solcher Regierungswechsel für die kirchlichen Schwerpunktthemen bedeuten würde. In Sachen Abtreibung, Familienpolitik, Sterbehilfe und Sexualerziehung gäbe es offenkundige Schnittmengen.
Gerade bei diesen Fragen kam es in den vergangenen acht Sánchez-Jahren zu teils gravierenden Spannungen zwischen Kirche und Regierung. Die Sozialisten liberalisierten sowohl die Sterbehilfe als auch die Abtreibungsgesetze. Schon bei seinem Amtsantritt 2018 hatte Sánchez weitreichende Reformen angekündigt, um den kirchlichen Einfluss im traditionell katholischen Spanien zurückzudrängen. Die Kirche sollte steuerlich stärker belastet, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen abgeschafft werden. Die historischen Staatsverträge mit dem Heiligen Stuhl wollte er völlig neu verhandeln.
Der große Bruch mit der Kirche blieb aber letztlich trotz etlicher Einschnitte aus. Zwar musste sie auf Druck der Regierung 1.000 Immobilien zurückgeben, die auf fragwürdige Weise in ihren Besitz gelangt waren, doch im Wesentlichen blieb das Staat-Kirche-Verhältnis intakt. Auch beim überaus heiklen Missbrauchsthema wurde nach jahrelangem Streit eine Lösung gefunden. Bischofskonferenz und Regierung einigten sich im Januar 2026 auf ein gemeinsames System zur Anerkennung und Entschädigung der Opfer sexuellen Missbrauchs.
Weniger schlimm als befürchtet
So fällt die Bilanz aus kirchlicher Sicht nach acht Jahren Sánchez weniger schlimm aus als anfangs befürchtet. Bei den Themen Wohnungsnot, Migration und Armut entwickelten sich gar Konsens und Zusammenarbeit, wie sich besonders Anfang Juni beim Spanien-Besuch von Papst Leo XIV. zeigte.
Und genau bei diesen Themen könnte es neue Konflikte mit einer möglichen rechtsgerichteten Regierung geben. Vor allem, wenn die Konservativen mit Vox kooperieren sollten. Die Spanische Bischofskonferenz hat eigens spezielle pastorale Leitlinien verabschiedet, um sich künftig verstärkt für soziale Gerechtigkeit und die Integration von Migranten einzusetzen. Eine von Vox geforderte "nationale Priorität" bei der Vergabe staatlicher Hilfen sowie eine systematische Abschiebung illegal eingewanderter Personen lehnt die Kirche vehement ab. Darum kam es im Frühjahr bereits zum offenen Streit mit den Rechtspopulisten.
Auch fordert die Kirche in der Wohnungsfrage mehr staatliche Eingriffe, während die Konservativen und Vox den Neubau durch einen marktliberalen Kurs ankurbeln wollen. Sollte es im November tatsächlich zu einem Regierungswechsel kommen, würden also alte Konfliktfelder durch neue abgelöst.