Vor 700 Jahren wurde der gotische Teil des Essener Doms geweiht

"Nett klein Kathedrälsche"

Aktualisiert am 08.07.2016  –  Lesedauer: 
Bistum Essen

Essen  ‐ Im Mittelalter zerstörten Brände den Essener Dom immer wieder. Vor 700 Jahren wurde schließlich der heutige Bau, eine gotische Hallenkirche, geweiht. Grund zum Feiern für das Ruhrbistum.

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Zwar reicht die Geschichte der Bischofskirche schon mehr als 1.150 Jahre zurück. Aber der größte Teil des heutigen Doms - drei Viertel der Bausubstanz - ist gotisch. Die nach einem Brand errichtete gotische Hallenkirche wurde vor 700 Jahren, am 8. Juli 1316, geweiht. Dieses Jubiläum feiert das Bistum mit einer Festwoche sowie einem Festhochamt am Freitag. Dabei dreht sich alles - so die Überschrift der Feierlichkeiten - um "Essens starke Mitte". Denn um diese Kirche in der City herum hat die Geschichte der Stadt ihren Anfang genommen.

Zunächst hatte hier Altfrid, der spätere Bischof von Hildesheim, um das Jahr 850 ein Damenstift für den sächsischen Adel gegründet. Diese klösterliche Gemeinschaft erlebte zur Zeit der Ottonen-Kaiser im 10. und 11. Jahrhundert eine große Blüte, zumal mehrere Äbtissinnen mit dieser Dynastie verwandt waren. Rund 3.000 Bauernhöfe in der Umgebung waren dem Stift abgabepflichtig. Die vom Stift erbaute erste Kirche wurde durch einen Brand zerstört und im 11. Jahrhundert durch einen neuen Bau ersetzt, der 1265 abermals abbrannte.

Bild: ©Bistum Essen

Statt ein hohes Mittelschiff und niedrigere Seitenschiffe hat der Essener Dom nun die Form einer Hallenkirche.

Wieder war ein Neubau fällig, dem sich vor sieben Jahrhunderten Baumeister Martin annahm. Und er entwickelte Pläne für ein gotisches Gebäude, das mit den großen Kathedralbauten in Köln, Freiburg, Chartres oder Paris nicht zu vergleichen ist, wie der aktuelle Dombaumeister Ralf Meyers betont. Das Besondere: Martin versuchte den nicht zerstörten Westbau mit dem achteckigen Turm und die Krypta in den Neubau aus hellem Ruhrsandstein zu integrieren. Auch der Grundriss des ottonischen "Altbaus" wurde übernommen, betont Meyers, um so die "Tradition des Ortes" zu unterstreichen und den damit verbundenen Machtanspruch gegenüber den begehrlichen Blicken aus Köln zu behaupten.

Eine gravierende Änderung gab es dann aber doch: Statt eines hohen Mittelschiffs und niedrigerer Seitenschiffe wählte Baumeister Martin nun die Form einer Hallenkirche mit einheitlicher Höhe für alle Kirchenteile. Den Chorraum gestaltete er mit seinen kunstvoll verzierten und aus einem Stück Stein geschlagenen Säulenkapitellen aus. Meyers sieht darin ein herausragendes Beispiel für die "rheinische Gotik". Vollendet hat den Gotikbau dann aber ein anderer Meister, dessen Name nicht bekannt ist. Ihn charakterisiert Meyers als Vertreter der "westfälischen Gotik". Sein Markenzeichen: Nüchterne Sachlichkeit statt verspielter Elemente.

Eine Meisterleistung ist es laut Meyers gewesen, sich mit Schlitzen durch die alten Wände und Fundamente vorzuarbeiten, um die schlanken gotischen Wandpfeiler neu zu gründen. Ein Abriss des Altbaus wäre an vielen Stellen einfacher gewesen. Für etwas ganz Besonderes und damals im europäischen Raum Einmaliges hält er auch den Rechteckchor, den Martin über der ottonischen Krypta aufwachsen ließ.

Der Zweite Weltkrieg brachte für die Kirche in Essen dann noch einmal schwere Zerstörungen, vor allem in der Nacht auf den 6. März 1943. Wieder blieben aber Westbau und Krypta weitgehend verschont. Der 1946 gegründete Münsterbauverein forcierte den Wiederaufbau der Stiftskirche, die mit der Gründung des Ruhrbistums zum Bischofssitz erkoren wurde.

Es ist die Verbindung zwischen dem ursprünglich Ottonischen und dem Gotischen, die Meyers begeistert. Die Spannung zwischen beiden Stilen wird besonders deutlich an der achteckigen Deckenöffnung zwischen Krypta und Chorraum - und zwar sowohl beim Blick von unten nach oben wie von oben nach unten. Diese Stelle hat Meyers, seit 2007 Dombaumeister, als seinen Lieblingsplatz ausgemacht. Aber da gibt es noch einen weiteren Ort, den er bevorzugt aufsucht: ein kleines Kämmerchen im zweiten Emporengeschoss des ottonischen Westbaus. Von dort, verrät er, ließen sich Konzerte und Gottesdienste besonders intensiv verfolgen - und sicher auch der Festgottesdienst zum 700-Jahr-Jubiläum am Freitag.

Von Andreas Otto (KNA)