Wort "Armut" löst Unbehagen aus
In dem Beitrag des Papstes, den die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" bereits vorab veröffentlichte, heißt es, Geld sei an sich ein "gutes Mittel", um die Freiheit und die Fähigkeiten des Menschen zu vergrößern und ihm ein gutes Wirken in der Welt zu ermöglichen. Wenn aber eine wirtschaftliche Macht Werte nur für Einzelne produziere und sie den Anderen vorenthalte, schaffe das Ungleichheit.
In diesem Fall verliere das Geld seinen ursprünglichen positiven Wert, so Franziskus. Es wende sich dann letztlich gegen den Menschen. Geld und wirtschaftliche Macht würden zu einem Instrument, das den "Menschen vom Menschen entfernt und ihn auf einen egozentrischen und egoistischen Horizont einengt". Demgegenüber sei Solidarität gefragt; sie sei eine "unverzichtbare Tugend zum Leben".
Neue Verbindung zwischen Profit und Solidarität
Der Papst mahnt eine neue Verbindung zwischen Profit und Solidarität an. Es gebe einen "fruchtbaren Kreislauf zwischen Gewinn und Schenken, den die Sünde zu brechen und zu verdunkeln sucht". Christen müssten "diese wertvolle und originäre Einheit von Profit und Solidarität wiederentdecken, leben und allen verkünden".

Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller.
Das Wort Armut löse spontan Unbehagen aus und verweise auf etwas Schlimmes, schreibt Franziskus. Der Westen identifiziere Armut mit dem Fehlen wirtschaftlicher Macht, woraus eine politische, soziale und letztlich auch menschliche Bedeutungslosigkeit resultiere. Der Papst verweist aber auch auf die körperliche, geistige, soziale und moralische Armut. Das menschliche Leben hänge nicht nur von Gütern ab. "Fürchten wir uns also nicht, uns als bedürftig zu sehen", lauten die Worte des Pontifex. Deswegen lobpreise Jesus auch die, "die geistig arm sind" (Mt 5,3), denn sie haben keine Angst, ganz von Gott abzuhängen (Mt 6,26).
Die Menschen müssten aufeinander zählen können, erklärt Franziskus außerdem. Es müsse zudem deutlich werden, dass jeder Mensch auf seine Weise wertvoll sei. Gefragt sei eine soziale Lebensweise, die "Geschwisterlichkeit" im ursprünglichen Sinne meine und in der Gemeinwohl nicht nur ein leeres und abstraktes Wort bleibe. Das sei nur durch echte Umkehr zu erreichen, schreibt Papst Franziskus.
Müller kritisierte Teile des Klerus in Lateinamerika
Im Sommer 2012 holte Papst Benedikt XVI. (2005-2013) den aus Mainz stammenden Dogmatiker und damaligen Regensburger Bischof Müller nach Rom und machte ihn zu seinem wichtigsten theologischen Berater und Leiter der zentralen Kurienbehörde. Am Wochenende wird Papst Franziskus ihn in den Kardinalsstand erheben.
Müller war seit 1988 in verschiedenen südamerikanischen Ländern seelsorgerisch tätig. Dabei kritisierte er nicht nur die dortigen Lebensverhältnisse der verarmten Bevölkerung und die herrschenden sozialen Unterschiede, sondern auch das mangelnde Engagement in Teilen des Klerus vor Ort. Er plädiert im Sinne der "Theologie der Befreiung" für einen kompromisslosen Einsatz gegen Armut und Unrecht. Bereits im Jahr 2004 veröffentlichte Müller gemeinsam mit dem Befreiungstheologen und Dominikanerpater Gustavo Gutierrez die Essaysammlung "An der Seite der Armen". (bod/KNA)