Maria Etzer zeigte Zivilcourage und wurde verraten

Wie eine einfache Bäuerin Widerstand gegen die Nazis leistete

Aktualisiert am 15.11.2018  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Bäuerin Maria Etzer aus Salzburg wurden zur Zeit des Nationalsozialismus Kriegsgefangene auf ihrem Hof zugeteilt. Weil näherer Kontakt zu diesen verboten war, wurde sie denunziert und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

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Erst kurz vor Kriegsende wurde die Salzburger Bäuerin Maria Etzer (1890 bis 1960) aus dem Zuchthaus Aichach in Oberbayern entlassen. Gegenüber der Republik Österreich stellte sie später mehrfach Anträge auf Opferfürsorge, die mit der Begründung abgelehnt wurden, sie habe nie aktiven Widerstand gegen das Regime geleistet. Das Landesgericht Wien hat im September 2018 Etzer (1890 bis 1960) rehabilitiert und das Urteil von damals aufgehoben. Die Autorin Maria Prieler-Woldan konnte mit ihrem Buch beweisen, dass die katholische und tiefgläubige Bäuerin bewusst aus einer christlichen Haltung heraus gehandelt hatte. Wie es zu dem Buch kam, erzählt sie im Interview.

Frage: Frau Prieler-Woldan, wie kam es zu dem Buch?

Maria Prieler-Woldan: Meine Freundin Brigitte Menne hat mir von ihrer Großmutter erzählt. Das war Maria Etzer, die wegen ihrer Hilfeleistungen während der NS-Diktatur zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Brigitte wollte beweisen, dass ihre Großmutter aus guten Gründen so gehandelt hatte. Das Thema war bislang ein Tabu in der Familie, weil einige ihrer Verwandten damals Anhänger des Nationalsozialismus waren. Die Enkelin hat Akten gesammelt, in Archiven geforscht und Zeitzeugen befragt, um zu belegen, dass ihre Großmutter keine Mitläuferin war. Sie hat mir ihr Material übergeben, und ich habe im Einverständnis mit ihr weitergeforscht. Ich habe mich sofort an die Arbeit gemacht, weil mich das Schicksal dieser Bäuerin sehr interessierte. Wir freuen uns nun sehr darüber, dass das Urteil aufgehoben wurde und das Verhalten von Maria Etzer endlich gewürdigt wird.  

Frage: Wie lautete denn die Anklage an Maria Etzer?   

Prieler-Woldan: Die Großmutter hat intime Kontakte zu mehreren Franzosen, hieß es in der Anklage. "Die Franzosen" waren ab 1941 zwangsverpflichtete Kriegsgefangene im Land Salzburg. Maria Etzer war damals eine 53-jährige Witwe, Betriebsführerin auf ihrem Hof und Pflegemutter von drei Enkelkindern. Sie wurde 1943 bei der Gestapo denunziert wegen "verbotenen Umgangs" mit Kriegsgefangenen. Wer zur damaligen Zeit freundschaftliche oder intime Kontakte zu Kriegsgefangenen pflegte, wurde bestraft. Wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung verurteilte sie das Sondergericht Salzburg zu drei Jahren Zuchthaus. Etzer wurde ins Zuchthaus Aichach in Oberbayern gebracht.

Bild: ©Foto: Familienbesitz

Die Hofbesitzerin Maria Etzer (2. v.r.) mit Enkelkindern, einer Hausangestellen und dem Kriegsgefangenen aus Frankreich auf der Hausbank.

Frage: Hatte Sie denn ein Verhältnis mit den Gefangenen auf ihrem Hof?

Prieler-Woldan: Eine Ziehtochter erzählte uns, dass sie angeblich einen der Gefangenen mit in ihre "Kammer" genommen haben soll. Was sich dort ereignet hat, weiß man aber nicht. Es spielt auch keine Rolle mehr, denn das war ihre Privatsache. Damals aber machte man aus dem privaten Leben ein öffentliches Ärgernis. Sie hat "das gesunde Volksempfinden gröblich verletzt", hieß es. So stand im Urteil von Maria Etzer, dass sie mit dem Kriegsgefangenen aus Frankreich schon ab 1940 ein intimes Verhältnis hatte. Aufgrund seiner Gefangenenkarte weiß man aber, dass er damals noch gar nicht an ihrem Hof war. Man ging also grundsätzlich statt von Unschuld der Angeklagten von ihrer Schuld aus. Etzer war eine Regimekritikerin und daher versuchte man sie mit allen Mitteln aus dem Verkehr zu ziehen. Selbst die kleinste aufmerksame Geste zwischen Gefangenen und Einheimischen genügte, um jemanden zu verraten. Etzer pflegte einen freundschaftlichen Umgang mit den Gefangenen auf ihrem Hof. Es gibt ein Foto, auf dem sie zusammen mit ihren Enkelkindern, aber auch mit ihrer ukrainischen Zwangsarbeiterin und dem bei ihr beschäftigten französischen Kriegsgefangenen auf der Hausbank sitzt. Das war strengstens verboten. Doch die Bäuerin rechtfertigte ihr Verhalten so: "Dieser Franzose war mir als Hilfskraft für meine Landwirtschaft zugeteilt, er war ein fleißiger und williger Arbeiter und so habe ich ihn auch behandelt".

Frage: Woher stammt dieses Zitat?

Prieler-Woldan: Das steht so in dem Opferfürsorgeansuchen, das sie in mehreren Instanzen an die Republik Österreich gestellt hat. Aber alle Anträge wurden mit der Begründung abgelehnt, dass sie nicht aktiv Widerstand gegen das Regime geleistet habe. Ich habe in meinem Buch das Gegenteil bewiesen. Der Titel lautet: "Das Selbstverständliche tun". Ich ergänze: "Auch in unmenschlichen Systemen". Das ist auch eine Form von Widerstand, selbst wenn man keine Flugblätter verteilt. Ich nenne es Lebenssorge. Maria Etzer sorgte für die Eigenen und auch für die Fremden, und das war in einem totalitären Regime verboten. Insofern hat sie Widerstand geleistet und zwar aktiv.

Bild: ©Foto: Staatsarchiv München

Die Bäuerin Maria Etzer schreibt aus dem Zuchthaus Aichach an ihre älteste Tochter Katharina. Ein Zeitdokument aus dem Münchener Staatsarchiv vom 15. Dezember 1943.

Frage: War ihr Handeln religiös motiviert?

Prieler-Woldan: Ja, denn sie war eine sehr gläubige und gottesfürchtige Frau und zudem eine regelmäßige Kirchgängerin. Das haben uns einige Zeitzeugen bestätigt. Unter schwierigsten Bedingungen bekannte sie sich zu ihrem Glauben. Selbst im Zuchthaus hatte sie ihr Gebetsbuch dabei. Auf einem Fragebogen hatte sie sogar eigens vermerkt, dass sie nicht nur katholisch war, sondern sich auch aktiv am religiösen Leben beteiligte. Das war für die damalige Zeit ein ungewöhnlich deutliches Bekenntnis. Eine ihrer Töchter ist unter dem Druck des Nationalsozialismus sogar aus der Kirche ausgetreten. In einem Brief aus dem Zuchthaus schreibt Maria Etzer an die Älteste: "Schick die Kinder zu Weihnachten in die Kirche, ich weiß, du spottest darüber, aber sie sollen für mich beten." Bewiesen ist auch, dass Etzer nie mit dem Hitlergruß gegrüßt hatte, weder mündlich noch schriftlich. Sie war eine geradlinige und mutige Frau. Man weiß zum Beispiel, dass sie sonntags Kriegsgefangene zu sich auf den Hof eingeladen hat. Das war natürlich auch verboten, denn so konnten sie sich offen unterhalten, eventuell Fluchtpläne aushecken oder eine mögliche Sabotage planen. Aber Etzer war das egal, sie war überzeugt, der Sonntag ist der Tag des Herrn und daher frei. Das war Zivilcourage! Sie wusste aber auch, dass sie mit ihrem Verhalten ihre Familie und ihre wirtschaftliche Existenz in Gefahr brachte. Schließlich hat sie bitter dafür bezahlt.  

Frage: Weiß man, wer sie damals verraten hatte?

Prieler-Woldan: Ja, es war ein Nachbarbauer, der sie damals angezeigt hatte. Kurz vor ihrem Tod hat er sie noch einmal besucht und Abbitte geleistet, also sich bei ihr entschuldigt, daher wusste es die Familie. Zum Zeitpunkt der Anzeige konnte es Maria Etzer jedoch nur vermuten, sie kannte den Inhalt der Anklageschrift nicht. Als sie im März 1943 von der Gestapo abgeholt wurde, wurde ihr der Prozess gemacht. Sie hat später berichtet, dass sie im Verhör so geschlagen wurde, dass sie alles zugegeben hatte. Im Zuchthaus musste sie zwölf Stunden am Tag schwerste Arbeit verrichten, wohl auch im Bahnbau und in der Schuttbeseitigung. Das Lager war für 800 Menschen ausgerichtet, bis Kriegsende waren dort mehr als  doppelt so viele Gefangene untergebracht. Ende April 1945 wurde das Lager aufgelöst. Kurz zuvor wurde Etzer halb verhungert nach Hause geschickt. Doch dort konnte sie nicht bleiben.

Bild: ©Foto: privat

Die östereichische Sozialforscherin Maria Prieler-Woldan veröffentlichte eine Biografie über die Salzburger Bäuerin Maria Etzer, die zur Zeit des Nationalsozialismus Kriegsgefangene an ihrem Hof beherbergte.

Frage: Warum nicht?

Prieler-Woldan: Es gibt einen Brief, den Etzer noch aus dem Zuchthaus an ihre Tochter geschrieben hatte, der mich sehr berührt hat. Dort heißt es sinngemäß: "Ich kenn mich jetzt aus, ihr wollt keine Zuchthäuslerin zu Hause haben. Nun habe ich kein Heim mehr, ich bin die Ärmste und bald werde ich unter der Erde sein." Wie bitter musste diese Erfahrung für sie gewesen sein, nicht den Rückhalt der Familie zu haben. Sie wurde dann Sennerin auf einem anderen Hof. Damals herrschten enge Verhältnisse im Dorf. Jeder wollte möglichst schnell vergessen, was im Krieg geschehen war. Jahre später kam Maria Etzer dann doch noch zurück zu ihrer Familie. Im Grundbuch ist vermerkt, dass sie kurz vor ihrem Tod einem Enkel den Hof übergeben hatte. Im Jahr 1960 ist sie dort auch verstorben.

Frage: Wollten Sie mit Ihrem Buch Versöhnungsarbeit leisten?

Prieler-Woldan: Versöhnung ist ein großes Wort. Es ist ein Erfolg, wenn die Ortschronik in der Heimatgemeinde von Maria Etzer nun umgeschrieben wird und sie darin als integre und widerständige Bäuerin ihren gebührenden Platz findet. Mein Buch will eine Einladung sein, gemeinsam auf das schwere Erbe der Vergangenheit im Nationalsozialismus zu schauen. Viele Mitläufer von damals blieben ungestraft. Nur die Opfer können verzeihen. Aber Maria Etzer lebt nicht mehr.

Zur Person

Die Sozialforscherin Maria Prieler-Woldan veröffentlichte eine Biografie über die Salzburger Bäuerin im Studienverlag Innsbruck 2018 mit dem Titel "Das Selbstverständliche tun". Aus Erinnerungen und Archivakten zeichnet sie das Schicksal Maria Etzers nach. Das Buch entwirft dabei ein neues Konzept von weiblichem Widerstand als "Lebenssorge" und rückt damit eine bislang kaum untersuchte Opfergruppe des Nationalsozialismus ins Blickfeld.
Von Madeleine Spendier