Schwester Jakoba Zöll über das Sonntagsevangelium

Seid wachsam! Die Zukunft beginnt jetzt

Aktualisiert am 26.11.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Olpe ‐ Wer nicht mit dem Wiederkommen Jesu für Morgen oder nächste Woche rechnet, steht zunächst etwas ratlos vor dem heutigen Sonntagsevangelium: Wie mit dieser Endzeiterwartung umgehen? Schwester Jakoba Zöll schlägt einen ungewohnten Perspektivwechsel vor.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Impuls von Schwester Jakoba Zöll

Matthäus zeichnet uns ein lebendiges Endzeitszenario: Er beschreibt den Moment des Wiederkommens des Menschensohnes, den wirklich kein Mensch verpassen kann. Die Sonne verfinstert sich, die Sterne fallen vom Himmel, Posaunen erschallen, Engel werden ausgesandt und der Menschensohn erscheint am Himmel (Mt 24,29–31). Wann genau diese Wiederkunft Jesu, die Parusie, genau geschehen wird, das bleibt unbekannt. Niemand kennt den genauen Zeitpunkt, nur der Vater, zu dessen Heilsplan all diese Geschehnisse gehören.

An diesem Punkt setzt die Perikope des heutigen Sonntags an. In sehr drastischen Bildern von dem einen auf dem Feld zurückgelassenen Mann, der einen an der Mühle zurückgelassenen Frau und dem Dieb in der Nacht mahnt der matthäische Jesus zur Wachsamkeit. Wenn der Menschensohn wiederkommt, gibt es keine Vorbereitungszeit mehr, nicht mehr die Möglichkeit, doch alles noch schnell anders zu machen, dann ist er da. Gnadenlos erscheint das so radikale Auswählen, ohne eine zweite Chance, zumindest wird die hier nicht erzählt.

Vielleicht fällt es Ihnen wie mir schwer, überhaupt diese unmittelbare Endzeiterwartung nachzuvollziehen. Selbst in einer von katastrophalen Nachrichten geprägten Welt erwarten wohl die Wenigsten das Wiederkommen Jesu für Morgen oder nächste Woche. Ob das zur Zeit des Matthäus so war oder ob auch um das Jahr 90 die Christen zwar an ein Wiederkommen glaubten, dieses aber in weiter Ferne, auf keinen Fall zur eigenen Lebzeit, glaubten, ist heute schwer zu sagen.

Ein Perspektivwechsel könnte helfen. Betrachten wir die Perikope weniger als eine bildreiche Ankündigung der Parusie, sondern mehr als eine Aufforderung zu einem anderen Handeln. Mit seinen beiden Imperativen "seid wachsam" (Mt 24,42) und "haltet euch bereit" (Mt 24,44) fordert Jesus eine neue Richtlinie für das eigene Handeln. Alles, was ich tue, soll nicht mehr davon geprägt sein, dass ich noch ein Leben lang Zeit habe, dass meine jetzigen Handlungen eh keinen Ausschlag geben. Meine Handlungen sollen von der Vorstellung geprägt sein, dass sie auch das letzte sein könnten, was ich tue, bevor ich vor Jesus trete. Nicht, um uns Angst zu machen, sondern um uns den Wert und die Bedeutung jeder einzelnen Handlung vor Augen zu führen. Alles, was getan wird, trägt zur Gestalt der Zukunft bei. Das Handeln der Jüngerinnen und Jünger Jesu soll in eine Zukunft führen, in der das Reich Gottes immer mehr Gestalt annehmen kann.

In dieser Perspektive sind die Aufforderungen des matthäischen Jesus auch für uns heute relevant: Wie würde sich unser eigenes Handeln verändern, wenn wir uns zu jeder Zeit vor Augen hielten, es könnte das letzte Mal sein? Worauf würden wir plötzlich Wert legen? Und welche Zukunft wollen wir mit unserem Handeln gestalten?

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 24,37–44)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.

Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.

Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

Die Autorin

Schwester Jakoba Zöll ist Novizin bei den Olper Franziskanerinnen. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an Ihrer Promotion.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.